Studie über Pflanzenschutzmittel

Pflanzenschutzmittel belasten Luft und Ökolandbau

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind mobiler als gedacht: Sie verbreiten sich über die Luft auch fernab der gespritzten Flächen. Dies belegt die vom Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft und dem Umweltinstitut München beauftragte Studie "Pestizid-Belastung in der Luft". Schon jetzt gefährdet die Verbreitung von konventionellen Pflanzenschutzmitteln die ökologische Landwirtschaft.

Von Nord nach Süd und in Stadt und Land: Beinahe überall haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsbüros "TIEM Integrierte Umweltüberwachung" chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nachgewiesen. Denn Glyphosat und Co. bleiben nicht auf dem Acker, sondern verbreiten sich vor allem durch die Luft weiter. An rund drei Vierteln der 163 untersuchten Standorte haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mindestens fünf und bis zu 34 Wirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Selbst auf dem Brocken im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. In Berlin waren es 18, in München drei. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 verschiedene Wirkstoffe.

Davon waren 30 Prozent nicht mehr oder noch nie zugelassen. Auch Altlasten wie die längst verbotenen Mittel DDT und Lindan waren vertreten. Dies spricht dafür, dass die Pflanzenschutzmittel lange in der Umwelt verbleiben oder über unsere Nachbarländer zu uns kommen.

Spitzenreiter ist Glyphosat

Laut Umweltbundesamt landen in Deutschland jährlich mehr als 30.000 Tonnen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auf den Äckern. Zu den in der Studie untersuchten Mitteln gehören Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide), Insektenvernichtungsmittel (Insektizide) und Präparate gegen Pilzkrankheiten (Fungizide). Mit Abstand am meisten verbreitet sind die Unkrautvernichtungsmittel. Ganz vorne liegt Glyphosat. Es ist der national und weltweit am häufigsten eingesetzte Wirkstoff. 2019 wurden allein in Deutschland 3.059 Tonnen ausgebracht. Auf Platz zwei und drei folgen die Herbizid-Wirkstoffe Pendimethalin und Prosulfocarb. Die gelten schon länger als sehr flüchtig und haben bereits 2016 vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) schärfere Anwendungsauflagen bekommen. Da Rückstände dieser Pflanzenschutzmittel bereits mehrfach im Bio-Gemüse zu finden waren, fordert der Ökoanbauverband Bioland schon lange ein Verbot.

Schaden für den Ökolandbau

Auch wenn die EU-Öko-Verordnung keinen Grenzwert für Rückstände in Bio-Produkten vorschreibt, sollten sie unbelastet sein. Schließlich ist der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel verboten.

Die Studie belegt, dass die in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzten Mittel nicht nur benachbarte Bio-Äcker treffen. Stattdessen können sie – je nach Wind und Wetter – auch auf Feldern, Wiesen und Obstanlagen von weit entfernten Bio-Betrieben landen. "Immer wieder werden biologisch bewirtschaftete Äcker durch Ackergifte kontaminiert, ganze Ernten gehen so verloren", beklagt Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft.

Mehr Rückstandskontrollen nötig

Sind Bio-Flächen belastet, müssen Bio-Betriebe mit massiven Verlusten rechnen. Die Ernte der Produkte von betroffenen Flächen muss getrennt erfolgen und lässt sich nicht mehr als Bio vermarkten. Außerdem gibt es für die betroffene Flächen keine Ökoprämie mehr. Im schlechtesten Fall wird sogar der Ökostatus der Fläche aberkannt. Diese durchläuft dann erneut die zweijährige Umstellungsphase, bis die Produkte als Bio-Ware vermarktet werden dürfen.

Ein Schadenskataster oder genaue Zahlen zu den Folgekosten gibt es bisher noch nicht. Aber die Bio-Betriebe und -Lebensmittelhersteller müssen schon jetzt ihre Ware aufwendig auf Rückstände kontrollieren. Bislang trage die Bio-Branche die Kosten dafür weitgehend selbst. "Solange Pestizide in großem Ausmaß angewendet werden, müssen Öko-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte über einen Schadensausgleichs-Fonds entschädigt werden", fordert Frank.

Folgen für die Gesundheit?

Ob bestimmte Wirkstoffe unserer Gesundheit schaden, ist umstritten. Bestes Beispiel ist die Diskussion darüber, ob Glyphosat Krebs verursacht.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung beruft sich in einer aktuellen Stellungnahme zum Abdrift und zur Verfrachtung von Pflanzenschutzmitteln auf ihr umfangreiches Zulassungsverfahren: "Die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels erfolgt nur, wenn bei sachgerechter und bestimmungsgemäßer Anwendung der Mittel keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier und auf das Grundwasser entstehen." Der alleinige Nachweis von Substanzen in der Umwelt lasse keine hinreichenden Rückschlüsse auf mögliche Wirkungen zu.

Allerdings wird bei der Zulassung jeder Wirkstoff einzeln geprüft: "Wir wissen nicht, wie sich der Cocktail aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln auswirkt", meint Umweltministerin Svenja Schulze bei der Vorstellung der Studie.

Fazit: Die gesundheitlichen Folgen durch die Verbreitung von konventionellen Pflanzenschutzmitteln lassen sich nur schwer abschätzen. Aber die Schäden für den Ökolandbau und die Biodiversität sind schon sichtbar. Daher plant die EU die gesamte Landwirtschaft mit ihrer "Farm-to-Fork"-Strategie nachhaltiger zu machen: So soll der Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft bis 2030 halbiert werden. Der Flächenanteil für den ökologischen Landbau soll auf 25 Prozent wachsen.

Für die Studie "Pestizid-Belastung der Luft" wurden von März bis November 2019 über die gesamte Bundesrepublik Pestizide in der Luft gemessen. Untersucht wurden Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1000 Metern Entfernung von potenziellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Die Daten wurden mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten, aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden erhoben. Landwirtinnen und Landwirten, Imkerinnen und Imker sowie interessierten Privatpersonen stellten die Pestizidsammler nach Anleitung des Forschungsteams auf und sandten die Proben zur Auswertung ins Labor.


Letzte Aktualisierung 14.10.2020

Aktuelle Termine

Alle Termine anzeigen

Demonstrationsbetriebe Ökolandbau

Bio live erleben!

Die Betriebe des Netzwerkes öffnen ihre Hoftore für die Öffentlichkeit.

Zu den Demobetrieben

Die BIOSpitzenköche empfehlen

Mandel Erbsen Kroketten

Mandel-Erbsen-Kroketten

Nach oben