Bio im Alltag


Mit mehr Bio und weniger Fleisch das Klima schützen

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Tobias Reichert ist Teamleiter Welternährung, Landnutzung und Handel bei Germanwatch. Foto: Germanwatch

Ökolandbau ist gut fürs Klima

Laut Klimaschutzplan des Bundesumweltministeriums soll die Landwirtschaft bis 2030 ein Drittel weniger Treibhausgas-Emissionen erzeugen als 1990. Wie mehr zu erreichen wäre, erläutert Tobias Reichert von Germanwatch. Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation ist bei den Weltklimakonferenzen dabei.

Oekolandbau.de: Dürfen Sie mitreden, wenn es bei der Weltklimakonferenz um Landwirtschaft geht?

Reichert: Konkrete Sektoren wie Landwirtschaft stehen so gar nicht auf der Tagesordnung. Bei den internationalen Klimakonferenzen geht es vor allem darum, die Pläne und Fortschritte der einzelnen Länder beim Klimaschutz zu prüfen. Jede Nation hat ihren eigenen Klimaplan und bestimmt selbst, wie es seine Klimaziele erreichen will. Also legt Deutschland selbst fest, wie viel Kohlendioxid-Emissionen es im Sektor Landwirtschaft senken will.

Aber im Vergleich zu anderen internationalen Konferenzen wie Welthandelstreffen dürfen wir und andere Nichtregierungsorganisationen bei Klimakonferenzen immerhin dabei sein und finden auch ab und zu Gehör.

Oekolandbau.de: Laut Umweltbundesministerium ist die Landwirtschaft für acht Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, andere sprechen von 20 Prozent oder mehr. Wie erklärt sich das?

Reichert: Das hängt davon ab, was dort reingerechnet wird: In den acht, weltweit gesehen eher zwölf Prozent, sind nur die Emissionen der reinen Landwirtschaft, also der Tierhaltung und Flächenbewirtschaftung enthalten. Der Weltklimarat konzentriert sich sogar nur auf Lachgas und Methan. Lachgas wird bei der Düngung mit mineralischen Stickstoffdüngern aus dem Boden freigesetzt. Methan stoßen die Wiederkäuer, also Kühe, Schafe und Ziegen, bei ihrer Verdauung aus. Das greift aber zu kurz, weil es im landwirtschaftlichen Sektor weitere wichtige klimarelevante Ursachen gibt.

Mittelgebirgslandschaft. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Abwechslungsreiche Agrarlandschaften mit viel Grünland sind für Natur- und Umweltschutz ideal. Foto: Dominic Menzler, BLE

Oekolandbau.de: Welche sind das?

Reichert: Ein wichtiger Faktor ist die Umnutzung von Flächen. Wenn wir Moore trockenlegen oder Grünland in Maisäcker umwandeln, wird viel Kohlendioxid frei, weil der Ackerboden klimaschädliche Gase nicht so gut speichern kann wie wurzelreiche Wiesen und Weiden. Auch die Kohlendioxid-Freisetzung bei der Herstellung von mineralischen Düngern bleibt außen vor – der wird im Sektor Industrie geführt. Wenn wir auch diese Treibhausgasquellen miteinrechnen, steigt der Anteil der Landwirtschaft an den klimarelevanten Emissionen auf 15 bis 20 Prozent. Wenn dann noch der Energieverbrauch für Kühlung und Transport der Nahrungsmittel bei Handel und Endverbraucherinnen und Endverbrauchern hinzukommen, macht der Anteil bei Landwirtschaft und Ernährung 30 Prozent aus.

Oekolandbau.de: Im Klimaschutz-Aktionsplan steht, dass ein effizienter Stickstoffeinsatz und die Ausweitung des Ökolandbaus die CO2-Emissionen senken würden. Wieviel besser ist der Ökolandbau?

Reichert: Genau quantifizieren kann ich das nicht. Aber der Ökolandbau hat klare Vorteile, weil er pro Fläche weniger Tiere hält, keine Mineraldünger einsetzt und im Ackerbau mehr auf Gründüngung und Humusaufbau setzt. Grundsätzlich gilt: Je mehr Humus ein Boden hat, desto mehr Kohlendioxid kann er speichern. Am besten schneiden Moore und gut durchwurzelte Weiden ab. Wichtig ist es jedoch, den Grundgedanken des Ökolandbaus, die Kreislaufwirtschaft, beizubehalten.

Säulendiagramm zu Milch- und Fleischerzeugnissen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
In Deutschland wird immer mehr Fleisch erzeugt – zwischen 1994 und 2014 hat sich die Produktion von Hühnerfleisch fast verdreifacht. Quelle: "Fleischatlas 2016 – Deutschland Regional" BUND und Heinrich-Böll-Stiftung

Oekolandbau.de: Was müsste aus Ihrer Sicht konkret passieren, um die Klimaschutzziele im Sektor Landwirtschaft schnell zu erreichen?

Reichert: Am allerwichtigsten ist es, die gesamte Tierhaltung zu reduzieren und stärker an die Fläche zu binden. Zwar ist der Fleischkonsum in Deutschland in den letzten Jahren auf 60 Kilogramm pro Kopf leicht zurückgegangen, aber dafür produzieren wir mehr Fleisch für den Export. Fleisch zu erzeugen, braucht mehr Energie als Pflanzen. Außerdem belastet es sicherlich zusätzlich die Klimabilanz, Milchpulver, Schweinehälften und Hähnchenteile in alle Welt zu exportieren. Und je weniger Tiere wir mästen, desto weniger Futterimporte von Soja und Co. benötigen wir. Der Anbau von Soja zur Tierernährung führt in den Ländern des Südens noch immer zur Abholzung von Regenwäldern und damit zu nicht nachhaltiger Landnutzung.

Oekolandbau.de: Was können Verbraucherinnen und Verbraucher tun, um sich klimafreundlicher zu ernähren?

Reichert: Vor allem weniger Fleisch essen. Bio ist gut, aber natürlich sollten wir nicht genauso viel Biofleisch essen wir vorher konventionelles. Außerdem gilt nach wie vor die alte Regel: möglichst regional und saisonal einkaufen.

Oekolandbau.de: Dann sind Veganerinnen und Veganer die besseren Klimaschützer?

Reichert: Momentan schon, aber wie es aussähe, wenn wir alle kein Fleisch mehr äßen, haben wir noch nicht durchdacht oder ausgerechnet. Das ist einfach zu hypothetisch.


Letzte Aktualisierung: 02.11.2017