Bio-Pflanzenzüchtung muss sein

Bio-Pflanzenzüchtung muss sein

Neue Bio-Sorten braucht das Land: Längst nicht für alle Kulturen im ökologischen Landbau gibt es bereits eigene robuste Bio-Sorten. Denn neue Sorten zu züchten, kostet viel Zeit und Geld. Dank engagierter Pionierinnen und Pioniere sind zum Glück schon viele neue Getreide- und Gemüsesorten reif für den ökologischen Anbau.

Abgesehen von ein paar Bio-Pionierbetrieben war die Pflanzenzüchtung in den letzten Jahrzehnten ausschließlich in der Hand konventioneller Züchterhäuser: Die wählten Sorten aus, die im konventionellen Landbau den höchsten Ertrag und die beste Qualität brachten. Doch solche hochgezüchteten Getreide-, Gemüse- oder Obstsorten passen nicht zum ökologischen Landbau: "Biolandwirte sind auf Sorten angewiesen, die ohne Unterstützung von chemischen Düngern und Pestiziden gute Ergebnisse liefern. Wir brauchen Sorten, die extra für den Biolandbau gezüchtet wurden. Nur so gelingt Bio von Anfang an", erläutert Markus Johann, Geschäftsleiter von bioverita, einem Verein von Bio-Züchterinnen und Bio-Züchtern sowie Organisationen des ökologischen Landbaus. Natürlich sollten auch Bio-Sorten möglichst gute und stabile Erträge bringen. Allerdings müssen sie auf dem Bioacker mit weniger Nährstoffen wie Stickstoff auskommen und robust gegen Krankheiten und Schädlinge sein.

Samenfest – was heißt das?

Ein weiteres wichtiges Ziel der Bio-Züchtung ist es, samenfeste Sorten zu erzeugen. Das heißt: das Saatgut muss sich immer wieder vermehren lassen. So wie früher, als die Bäuerinnen und Bauern einen Teil des geernteten Korns zurückhielten, um es im nächsten Jahr wieder auszusäen. Oder die Gärtnerinnen und Gärtner das schönste Gemüseexemplar auf ihrem Feld stehenließen, um daraus Samen zu gewinnen. 

Heute kommt das meiste Saatgut von großen, international agierenden Unternehmen. "1996 hatten die zehn größten Saatgutunternehmen einen weltweiten Marktanteil von weniger als 30 Prozent, heute kontrollieren vier Konzerne 62 Prozent des Saatgutmarktes", bilanziert Jan Urhahn vom Inkota-Netzwerk e.V.

Die Konzerne züchten meist mit Hybridzucht. Dabei kreuzen sie zwei Inzuchtlinien mit den erwünschten Merkmalen einer Pflanze. Beispiel Roggen: Inzuchtlinie A sorgt für eine hohe Standfestigkeit, Inzuchtlinie B für gute Backqualität. Die erste Generation dieser Kreuzung, die Hybride, erzielt beste Ernten. Dagegen bringt die nächste Generation keine ausreichenden Erträge mehr und lässt sich nicht mehr vermehren.

Züchtung im Freiland statt im Labor

Die biologische Züchtung findet da statt, wo die Pflanzen nachher auch wachsen sollen: hauptsächlich im Freiland und an verschiedenen Standorten. Nur so können die Züchterinnen und Züchter herausfinden, wie und wo sich die Neuzüchtung bewährt: Kommt die innovative Maissorte mit vorübergehender Dürre zurecht? Ist die neue Weinsorte dem Pilzbefall selbst bei schwüler Witterung gewachsen? Liefert die neue Weizensorte auch auf mageren Böden ausreichend Eiweiß für eine gute Backqualität? Darüber hinaus sollten Bio-Getreidesorten nicht nur viele Körner, sondern auch zusätzlich noch viel Stroh für die im ökologischen Landbau vorgeschriebene Tierhaltung mit Einstreu liefern.

Getreide mit Stroh und Gemüse mit Geschmack

Dank der langjährigen Aufbauarbeit von Pionierinnen und Pionieren gibt es heute bereits dreißig Bio-Getreidesorten auf dem Markt. Der Schweizer Bio-Züchter Peter Kunz legte schon vor dreißig Jahren seine ersten Weizen- und Dinkelkreuzungen an. Heute stammt mehr als die Hälfte des Schweizer Bio-Weizens sowie ein erheblicher Teil des Bio-Weizens im süddeutschen Raum aus seinen Sorten.
In Deutschland haben sich beim Getreide vor allem der Dottenfelder Hof in Hessen sowie die   Getreidezüchtungsforschung Darzau einen Namen gemacht.  Beim Gemüse gibt es inzwischen rund achtzig neue Öko-Sorten verschiedener Züchterinnen und Züchter. Der Verein Kultursaat e.V. meldet die Sorten stellvertretend für die biologisch-dynamischen Gemüsezüchterinnen und -züchter zur Eintragung ins Sortenregister an, verzichtet aber bewusst auf Patente. Denn andere können und sollen diese neuen Kulturpflanzensorten weiterentwickeln. Ein wichtiges Auswahlkriterium für neue Gemüsesorten ist übrigens der Geschmack.

Obst auf dem Weg

Während es bereits viele pilzwiderstandsfähige Weinsorten (Piwis) für den ökologischen Anbau gibt, hat bisher nur der Bio-Apfel Topaz Erfolgsgeschichte geschrieben. Züchter aus der Tschechei haben die Sorte aufgespürt und weitergezüchtet. Dabei wurden die Sorten Rubin (Mutter) und Vanda (Vater) gekreuzt. Beide Elternteile des Topaz stammen von alten Apfelsorten ab, die ihre Robustheit vom Wildapfel vererbt bekamen. Entsprechend widerstandsfähig ist Topaz gegen die Pilzkrankheit Schorf, eines der größten Übel im ökologischen Apfelanbau. Überdies schmeckt er noch gut. "Experten rechnen damit, dass innerhalb der nächsten Jahre erste, gängige Sorten aus der Bio-Obstzüchtung auf den Markt kommen werden", weiß Markus Johann. Im Norden Deutschlands kreuzen engagierte Obstbaubetriebe bereits seit 2009 alte, vitale Apfelsorten mit modernen. Im schweizerischen Hessigkofen hat Niklaus Bolliger bereits vor rund 15 Jahren mit der Züchtung von neuen Apfelsorten begonnen.

Bio-Züchtung ist ein hartes Brot

Eine neue Apfel- oder Birnensorte zu züchten, dauert rund zwanzig Jahre, eine neue Getreidesorte etwa 15. Der Verein Saat: gut e.V., ein Zusammenschluss von Bio-Züchterinnen und -züchtern sowie Saatgutunternehmen, rechnet dreizehn Jahre Züchtungsarbeit für eine neue marktfähige Gemüsesorte. "Erst müssen wir verschiedene herkömmliche Sorten auspflanzen und miteinander kreuzen. Es dauert Jahre, bis das Potential aller in Frage kommender Pflanzen in einer vereint ist. Weitere acht Jahre benötigen wir, um aus den stärksten und schönsten Pflanzen eine neue Sorte zu entwickeln. Und dann kommt noch die kostenpflichtige Anmeldung beim Bundessortenamt", erklärt Barbara Maria Rudolf von Saatgut e.V.  Deshalb freuen sich die Pflanzenzüchterinnen und -züchter nicht nur über Spenden. Sie brauchen sie auch.


Letzte Aktualisierung 07.05.2020

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