Alternativen zum Kükentöten

Alternativen zum Kükentöten

Das Bundeslandwirtschaftsministerium will das massenhafte Töten der männlichen Eintagsküken bis Ende 2021 stoppen. Mit technischen Verfahren lässt sich das Geschlecht der Embryonen bereits im Ei bestimmen. Die Eier mit männlichen Embryos werden dann gar nicht mehr ausgebrütet. Diese Geschlechtsbestimmung im Ei (in-Ovo) ist auch bei Bio erlaubt, aber umstritten.

Noch immer werden jedes Jahr 45 Millionen männlichen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet. Das sind die Brüder der modernen Legehennen. Denn Hühner von Legerassen setzen wenig Fleisch an. Das macht ihre Mast unwirtschaftlich. Daher hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) die Entwicklung praxistauglicher Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei gefördert. Zwei verschiedene Methoden sind als Alternativen zum Töten männlicher Küken im Test und werden im Video erklärt.



Beim spektroskopischen Verfahren wird ein Stück Eierschale weggelasert und dann ein Lichtstrahl in das Ei-Innere geschickt. Da sich das Blut männlicher und weiblicher Embryos unterscheidet, hat das reflektierte Licht je nach Geschlecht eine spezifische Farbzusammensetzung. Ein Vorteil: Diese optische Methode lässt sich bereits ab dem vierten Bruttag anwenden. Mit vier Tagen empfinden die Embryonen noch keinen Schmerz. Allerdings ist das Verfahren noch nicht praxisreif.

Geschlechtsbestimmung mit Hormonen

Bereits seit März 2018 ist das hormonelle Verfahren "Seleggt" im Einsatz: Nach etwa neun Bruttagen brennt ein Laser ein winziges Loch in die Eierschale. Danach wird dem Ei ein Tropfen Flüssigkeit – Harn vom Embryo – entnommen. Mithilfe einer Hormonanalyse lässt sich das Geschlecht bestimmen: Nur weibliche Bruteier enthalten das Hormon Östronsulfat. Nach der Geschlechtsbestimmung zieht sich die innere Eimembran selbstständig zusammen und verschließt das winzige Loch. Am 21. Bruttag dürfen die weiblichen Küken schlüpfen. Männliche Eier werden gleich nach der Analyse geschreddert, getrocknet und zu Tierfutter verarbeitet. Falls die Technik versagt – die Fehlerquote liegt bei zwei bis drei Prozent – müssen die Aufzuchtbetriebe die männlichen Küken zwölf Wochen lang aufziehen. Kein Küken soll mehr sterben. Die "Respeggt-Produkte" finden sich in verschiedenen Supermärkten mit dem Label "Ohne Kükentöten". Die EU- Bio-Verordnung lässt beide Verfahren zu.

Pro und Contra In-Ovo-Geschlechtsbestimmung

Die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung kann das Töten der Eintagsküken beenden. Ist das der Durchbruch für eine tierfreundliche Hühnerhaltung? Oder nur eine vorgezogene Kükentötung? Oekolandbau.de hat zwei Expertinnen mit unterschiedlichen Ansichten befragt.

Pro

Wir können das Kükentöten abschaffen

Für Kristin Höller von der Seleggt GmbH ist die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung eine praxistaugliche Alternative zum massenhaften Kükentöten. Stolz ist die Agrarwissenschaftlerin auch auf die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Forschung, Handel und Technologieunternehmen.

"Wenn wir das Problem des Kükentötens in Gänze und im großen Stil lösen wollen, ist es ein praktikabler Ansatz, noch im Brutei das Geschlecht zu bestimmen. Die Grundlagenforschung zu der hormonellen Geschlechtsbestimmung im Brutei hat die Universität Leipzig entwickelt. Für die praxisreife Umsetzung haben die Rewe Group und das niederländische Technologieunternehmen HatchTech die Seleggt GmbH gegründet."

Weltweit das erste praxistaugliche Verfahren

"Mit Stolz können wir vermerken, dass das Seleggt-Verfahren weltweit das erste und bislang einzige praxistaugliche Verfahren der Geschlechtsbestimmung von Bruteiern ist. Seit April 2019 hat unsere Brüterei damit annähernd eine Million weibliche sogenannte Respeggt-Küken erzeugt. Dadurch konnten wir genauso vielen männlichen Küken das Töten nach dem Schlüpfen ersparen. Denn ungefähr jedes zweite Ei ist ja männlich.

Aktuell werden die Respeggt-Eier mit dem Label "Ohne Kükentöten" in über 4.500 Supermärkten und Discountern in ganz Deutschland und den Niederlanden vermarktet. Die ersten Respeggt-Eier aus einer ökologischen Haltung gibt es bereits in Frankreich.

In-Ovo als Brückentechnologie

Dennoch halten wir die Entwicklung und Förderung des Zweinutzungshuhns nach wie vor für nicht minder wichtig. Bis dahin bietet die Geschlechtsbestimmung im Brutei eine Brückentechnologie zur Vermeidung des millionenfachen Kükentötens."

Contra

In-Ovo-Selektion kann keine Lösung für Bio sein!

Inga Günther von der Ökologischen Tierzucht GmbH (ÖTZ) wendet sich vehement dagegen, die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung einzusetzen. Für die Bio-Landwirtin steht dabei nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der Bio-Branche auf dem Spiel.

 "Die in-Ovo-Selektion taugt nicht für den Bio-Bereich. Das Geschlecht kann erst zuverlässig bestimmt werden, wenn der Embryo lebt. Spätestens ab dem siebten Tag haben die Embryonen ein Schmerzempfinden entwickelt. Demnach wäre eine Tötung ohne Betäubung quälend. Richtigerweise müsste man also nicht nur von einer "Geschlechtsbestimmung im Ei" sprechen, sondern von einer "Tötung im Ei". Folgerichtig müssten in-Ovo-selektierte Eier statt mit Siegeln wie "ohne Kükentöten" wahrheitsgemäß mit "ohne Kükentöten nach dem Schlupf" ausgelobt werden.

Die In-Ovo-Selektion ist eine Systemfrage

Die Geschlechtsbestimmung im Ei festigt das fehlentwickelte System der Geflügelhaltung mit seinen zementierten Monopol-Strukturen. Damit würden sich die Bio-Geflügelhalter und Brütereien von der Agrarindustrie noch abhängiger machen. 50 Millionen Eier und Embryonen würden unter dem Deckmantel In Ovo vernichtet. Es ist eigentlich in Wahrheit eine "Verschlimmbesserung" und kein Fortschritt.

Auf den Hahn setzen

Mein Fazit: Männliche Küken würden mit der In-Ovo-Geschlechtsbestimmung wieder einmal aus Profitgier getötet – lediglich früher als vorher – und weiterhin als nutzlos "entsorgt". Die Bio-Branche und der Naturkostfachhandel sollten stattdessen auf den Hahn setzen! Daran arbeiten wir in der ökologischen Tierzüchtung mit unseren Zweinutzungshühnern."


Letzte Aktualisierung 06.04.2020

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