Bio im Alltag


Expertinnen zum Tierwohl – Zwei Fragen, zehn Antworten

Zum Welttierschutztag am 4. Oktober hat oekolandbau.de Expertinnen aus Tierschutz, Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Verarbeitung befragt, was beim Tierwohl besser laufen könnte und was Verbraucherinnen und Verbraucher dafür tun können. In unserer Umfrage sind sich alle einig, dass mehr Tierwohl immer mit höheren Fleischpreisen verbunden ist.

Silke Schwartau, Verbraucherzentrale Hamburg. Klick vergrößert Foto.
Silke Schwartau leitet die Abteilung Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Hamburg.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg

„Fleisch aus tiergerechterer Haltung gibt es nicht zum Nulltarif.“

oekolandbau.de: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern in allen Umfragen mehr Tierwohl, kaufen aber kaum Fleisch aus artgerechter Haltung wie Bio oder Neuland? Woran liegt das?

Silke Schwartau: Vielen Konsumentinnen und Konsumenten fehlt ein einheitliches Siegel, verbunden mit unabhängigen staatlichen Kontrollen. Dieses Label sollte für alle verbindlich sein und die Art der Tierhaltung auf der Vorderseite des Etiketts auf dem ersten Blick erkennbar machen. Die Eier-Kennzeichnung auf der Eischale ist ein relativ gutes Beispiel. Im Fleischbereich gibt es momentan noch zu viel Label-Wirrwarr. Daher fehlt es vielen Kundinnen und Kunden an Glaubwürdigkeit und Transparenz. Viele bevorzugen dann eine vegetarische oder vegane Lebensweise. Zudem gilt: Fleisch aus tiergerechterer Haltung gibt es nicht zum Nulltarif! Das anzuerkennen, fällt vielen Kundinnen und Kunden, die sich an niedrige Fleischpreise gewöhnt haben, offensichtlich schwer.

Lea Schmitz, Deutscher Tierschutzbund. Klick vergrößert Foto.
Lea Schmitz ist Pressesprecherin beim Deutschen Tierschutzbund e.V..
Foto: Deutscher Tierschutzbund.

„Wenn der Handel es mit seiner Tierwohlpolitik ernst meint, müsste er auf Billigangebote verzichten.“

Lea Schmitz: Unter anderem daran, dass in den Läden nach wie vor massiv mit Billigpreisen für Fleisch und tierische Produkte geworben wird. Über Jahre hat der Handel den Verbraucherinnen und Verbrauchern so weiß gemacht, dass Fleisch und Co. günstig zu haben sind. Somit greift so manch einer am Ende dann doch zur günstigeren Alternative. Der Handel ist hier also – genauso wie die Verbraucherinnen und Verbraucher – in der Verantwortung, sich zur mehr Tierschutz zu bekennen und den entsprechenden Produkten auch mehr Raum in den Sortimenten zu geben. Und wenn der Handel es mit seiner Tierwohlpolitik ernst meint, müsste er auf Billigangebote verzichten.

Susanne Kiebler, Demeter. Klick vergößert Foto.
Susanne Kiebler ist Pressesprecherin bei Demeter. Foto: Marco Baass

"Verbraucherinnen und Verbraucher haben sich inzwischen an die sehr geringen Preise von Fleisch gewöhnt haben, sodass der Griff zum teureren Produkt schwerfällt."

Susanne Kiebler: Es gibt tatsächlich bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Diskrepanz zwischen den moralischen Ansprüchen und Wünschen und dem tatsächlichen Kaufverhalten. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher inzwischen an die sehr geringen Preise von Fleisch gewöhnt haben, sodass der Griff zum teureren Produkt schwerfällt. Der Preisunterschied zwischen konventioneller Tierhaltung mit geringen Tierwohlstandards und einem guten Bioprodukt mit hohem Anspruch ans Tierwohl ist gerade beim Fleisch aus gutem Grund relativ groß.

Christiane Gothe, BZL. Klick vergrößert Foto.
Dr. Christiane Gothe ist Redakteurin im Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) bei der BLE. Foto: BZL

„Konsumentinnen und Konsumenten müssen Vertrauen in das Produkt haben. Kaufen Verbraucherinnen und Verbraucher das Fleisch der Erzeugerin oder dem Erzeuger ab Hof, sind sie eher bereit, mehr zu zahlen.“

Christiane Gothe: Der höhere Preis ist nur einer von mehreren Gründen. Eine große Rolle spielen die Verfügbarkeit von Fleisch aus artgerechter Haltung und das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten in das Produkt. Kaufen Verbraucherinnen und Verbraucher das Fleisch von der Erzeugerin oder dem Erzeuger oder ab Hof, sind sie eher bereit, mehr zu zahlen. Sie sehen, wie die Tiere gehalten werden und können auch erkennen, wo ihr Geld hingeht und wer es bekommt. Das schafft Vertrauen. Im Handel kommen die Tierwohl-Label ins Spiel. Dabei muss der Label-Geber natürlich dafür sorgen, dass die Standards zwingend eingehalten werden. Auch Kommunikation ist wichtig. Zum einen muss deutlich erklärt werden, warum die Produkte teurer sind, zum anderen müssen Verbraucherinnen und Verbraucher alle ihre Fragen stellen können. Entscheidend ist, dass Vertrauen aufgebaut wird und auch gehalten werden kann.

Desirée Grießhaber-Vetter. Klick vergrößert Foto.
Metzgermeisterin Desirée Grießhaber-Vetter ist Inhaberin einer schwäbischen Biometzgerei.
Foto: Biometzgerei Grießhaber

 

„Das Bewusstsein, dass wenn ich Fleisch esse, ein Tier sterben muss, wird nicht verinnerlicht.“

Desirée Grießhaber-Vetter: Das Bewusstsein, dass wenn ich Fleisch esse, dafür ein Tier sterben muss, wird meiner Meinung nach nicht verinnerlicht. Durch die vorverpackten in Plastik gehüllten Produkte wird der Bezug zur Natur und zum Tier nicht vermittelt. Verbraucherinnen und Verbraucher sind eindeutig gefragt, umzudenken. Sie können durch ihren Einkauf entscheiden, welches Unternehmen, welche Landwirtschaft gefördert wird und wie die Tiere zuvor behandelt wurden.

Oekolandbau.de: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um das Tierwohl zu verbessern? Gibt es möglicherweise Beispiele aus anderen Ländern, die gut funktionieren?

Silke Schwartau: Mehr Transparenz, zum Beispiel in den Ställen, könnte dabei helfen, den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu erklären, wie konventionelle Tierzucht funktioniert und was engagierte Bio-Bäuerinnen und -Bauern anders machen. Hier sehe ich einen wichtigen Bildungsauftrag von Schulen. Klimaschutz ist ebenfalls ein wichtiges Thema: Fleischimporte aus Südamerika oder Soja als Futtermittel sind aus klimatischer Sicht eigentlich indiskutabel, ein brennender Regenwald nicht hinnehmbar. Doch leider gibt es in Restaurants oder Kantinen keine Herkunftskennzeichnung von Fleisch. Diese Informationen würden bestimmt bei zahlreichen Gästen zu einer anderen Entscheidung führen.

Lea Schmitz: Mehr Tierwohl in der landwirtschaftlichen Tierhaltung können wir nur erreichen, wenn wir die Tierbestände reduzieren, unseren Fleischkonsum senken und bereit sind, für mehr Tierschutz auch mehr zu bezahlen. Der direkteste Weg zu mehr Tierschutz ist und bleibt natürlich eine vegane Lebensweise. Auch der Handel ist hier ein wichtiger Impulsgeber. So hat ein großer Einzelhändler in den Niederlanden die Verfügbarkeit von Produkten mit dem Tierschutzlabel "Beter Leven" ausgebaut und konventionelle Produkte ausgelistet. Von diesem Mut brauchen wir auch mehr in Deutschland.

Susanne Kiebler: Da muss man nicht ins Ausland schauen, sondern es reicht der Blick auf die Eierkennzeichnung – dies ist erfolgreich etabliert und macht es vor: Sie ist verpflichtend, umfasst vom gesetzlichen Mindeststandard bis Bio alle Stufen und hat erfolgreich eine deutlich lenkende Wirkung in Richtung mehr Tierwohl bewirkt. Hier ist "Bio" als extra Auszeichnung für die Verbraucherinnen und Verbraucher erkennbar – und der Qualitätsschritt zum nächsthöheren Standard "Freilandhaltung" gut verständlich.

Christiane Gothe:  Für mehr Tierwohl benötigen die Landwirtin und der Landwirt in der Regel mehr Zeit und Geld je Tier. Alle diejenigen, die vom Verkauf von Fleisch profitieren und letztlich auch die Endkonsumentinnen und Endkonsumenten müssen sich an diesen Mehrkosten beteiligen. Die Landwirtin oder der Landwirt kann sie nicht allein tragen. Erfahrungen mit Labeln aus den Niederlanden und Dänemark belegen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend sehr wohl bereit sind, mehr zu zahlen. Das ist ermutigend, auch wenn sicher nie alle Verbraucherinnen und Verbraucher erreicht werden.

Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass etwa die Hälfte des Fleischverzehrs über Außer-Haus-Verkäufe und Convenience-Produkte stattfindet. Es wäre also gut, wenn auch in der Gastronomie, in den Großküchen von Schulen, Kantinen oder Krankenhäusern Fleischprodukte entsprechend der Tierhaltung ausgewiesen werden würden.

Desirée Grießhaber-Vetter: Wir brauchen uns nicht an anderen Ländern orientieren, sondern sollten bei uns anfangen: Weniger, aber dafür gutes Fleisch aus ökologischer und tierfreundlicher Haltung essen.  Außerdem sollten wir unser Essen hinterfragen, muss es wirklich jeden Tag Fleisch sein? Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich direkt in der Metzgerei, beim Produktionsunternehmen oder dem landwirtschaftlichen Betrieb informieren. Woher stammen die Tiere, wie wurden sie geschlachtet, wie erfolgte die Weiterverarbeitung?


Letzte Aktualisierung: 02.10.2019