Bio im Alltag


Männliche Küken – zu schade zum Wegwerfen

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Küken sind kein Wegwerfprodukt. Foto: Thomas Stephan, BLE

Das Leben männlicher Küken von Legehühnern währt nur kurz. Direkt nach dem Schlüpfen werden sie entweder mit Kohlendioxid vergast oder in einem "Schredder", dem sogenannten Homogenisator, getötet. Männliche Küken sind nichts anderes als ein Abfallprodukt der Legeindustrie. 45 Millionen männliche Küken fallen jährlich dieser grausamen Praxis zum Opfer. Auch der Nachwuchs von Biolegehennen ist betroffen. Der Grund dafür liegt in der mangelhaften Mastleistung der männlichen Jungtiere. Legehennen sind so gezüchtet, dass sie möglichst viele Eier legen. Die züchterische Spezialisierung zu Hochleistungshennen mit einer Legeleistung bis zu 320 Eiern pro Jahr hat dazu geführt, dass die Eigenschaft, Fleisch anzusetzen, zurückgegangen ist. Die Tiere sind für eine effiziente Mast nicht geeignet.

Kükentöten bleibt vorerst erlaubt

Laut Tierschutzgesetz müsse es einen vernünftigen Grund zur Tötung von Tieren geben. Deswegen klagen die Tierschutzverbände immer wieder gegen diese grausame Praxis und bestimmte Brütereien. Allerdings meistens erfolglos. Am 13. Juni 2019 hat das Bundesverwaltungsgericht das massenhafte Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht vorerst als rechtmäßig bestätigt. Bis alternative Verfahren zur Geschlchterbestimmung praxisreif sind, dürfen Brütereien männliche Küken weiter ungestraft töten, urteilte das Gericht in Leipzig.

Ein alternatives Verfahren ist die In Ovo-Geschlechtsbestimmung. Dabei lässt sich das Geschlecht des Huhnes im 72 Stunden lang bebrüteten Ei ermitteln. Eier mit männlichem Embryo können so aussortiert werden, bevor die Embryonen Schmerzen empfinden können. Ziel ist es dabei, nur noch weibliche Tiere auszubrüten und die Eier mit männlichen Embryonen als Rohstoff für andere Zwecke zu verwenden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium erforscht und bevorzugt diese Methode. Sie soll 2020 bei uns Standard werden.

Zweinutzungshühner sind gut für Mensch und Tier

Besonders der Ökolandbau will das Problem künftig mit anderen Hühnerrassen lösen. Um von der konventionellen Hühnerzüchtung unabhängig zu werden, haben die Anbauverbände Demeter und Bioland 2015 die ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ) gegründet. Die neue Gesellschaft soll eine für den ökologischen Landbau maßgeschneiderte Geflügelzucht entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Weiterzucht von Lege- und Mastlinien, die bereits mehrere Jahre züchterisch bearbeitet wurden. So können zukünftig für den ökologischen Landbau geeignete Legehennen und Masttiere angeboten werden. Zudem wird an der Züchtung eines Zweinutzungshuhns gearbeitet. Hier legen die weiblichen Tiere die Eier, die männlichen Tiere werden gemästet. Beide Leistungen – also Eier und Fleisch – sind zwar vergleichsweise geringer als die der Hochleistungshühner, dafür lassen sich jedoch alle Tiere nutzen. Das ideale Biohuhn muss nicht nur viele Eier legen und schnell Fleisch ansetzen, sondern auch robust sein und heimische Eiweißpflanzen (Leguminosen) gut verwerten können.

Jetzt handeln: ei care, Bruderhahn sowie Hänsel & Gretel unterstützen

Es gibt bereits regionale Initiativen auf dem Markt, die nicht nur Legehennen halten, sondern auch deren Brüder aufziehen. Beispielsweise setzt sich die Bruderhahninitiative für die Mast der männlichen Küken ein. Dabei handelt es sich um die Aufzucht der Brüder von Legehühnern. Die Initiative ei Care dagegen verwendet "Les Bleues", eine vitale weiße Hühnerrasse mit blauen Beinen. "Die 'Les Bleues'  sind eine alte Zweinutzungsrasse im Gegensatz zu Zweinutzungshybrid-Hühnern (zum Beispiel Sandy oder Lohmann Dual), die von großen Geflügelzüchtern angeboten werden. Rassegeflügel können die Höfe selbst nachziehen, was mit Hybridtieren aufgrund der Leistungsunsicherheit der nächsten Generation nicht möglich ist", erläutert Ute Günster von der Naturland Initiative ei Care. Die Initiative Hänsel & Gretel am Bodensee setzt ebenfalls auf Zweinutzungshühner. Verbraucherinnen und Verbraucher können die Zucht mit Solidargutscheinen unterstützen. Dabei finanziert man konkret die Aufzucht eines Hahnes und erhält später ein Brathuhn: eine Art "Prepaid-Fleisch".

Mit vier Cent ein Kükenleben retten

Die geringere Leistung sowohl beim Eierlegen als auch bei der Mast bedeutet für Erzeugerinnen und Erzeuger weniger Einkommen. Hier sind die Verbraucherinnen und Verbraucher gefragt: Das Bruderhahnei kostet etwa vier Cent mehr. Dieser Beitrag fließt zu 100 Prozent in die Aufzucht der Brudertiere und deren Vermarktung. So können alle Brudertiere aufgezogen werden, deren Schwestern Eier legen. "Die ei Care Eier werden für durchschnittlich 60 Cent pro Stück in der Vierer-Schachtel im Naturkosthandel angeboten", weiß Ute Günster. "Ob sich solche Initiativen durchsetzen, hängt auch davon ab, ob die Verbraucher bereit sind, ihren Eierkonsum zu reduzieren und den Preis für eine solche tierschutzfreundliche Lösung zu zahlen", so Tierschützer Marius Tünte.


Letzte Aktualisierung: 18.03.2016