Mutter- und Kuhgebundene Kälberaufzucht

Mutter- und Kuhgebundene Kälberaufzucht

Auch in der Bio-Milchviehhaltung ist es erlaubt, Kalb und Kuh nach der Geburt zu trennen. Aber immer mehr Bio-Milchviehbetriebe machen es besser: Bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht haben Kuh und Kalb oder Amme und Kalb Zeit zu zweit. Bei der muttergebundenen Aufzucht bleiben Mutter und Kalb monatelang beieinander.  

Waisenkälber sind die Regel

Egal ob Bio oder konventionell – Kälber wachsen meist als Waisen auf. Nach der Geburt trennt die Bäuerin oder der Bauer das Kalb von der Mutter und zieht es per Hand mit Milch aus dem Eimer auf. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe: Die wertvolle Milch der Kühe soll möglichst komplett verkauft werden. Das geht jedoch auf Kosten der Kälber. Die können nicht wie in der Natur üblich in den ersten Lebenstagen bis zu zehnmal täglich trinken und lernen nicht, wie das Leben in der Herde funktioniert. Damit die Mütter sich nicht an ihre Kälber gewöhnen, werden sie bereits nach ein paar Stunden und nicht erst nach ein paar Tagen von den Kühen getrennt. Eine Ausnahme bildet die sogenannte "Mutterkuhhaltung" bei der Fleischerzeugung, s. Infokasten.  

Muttergebunden versus Mutterkuh – was ist was?

Nur in der Milchviehhaltung spricht man von der mutter- oder kuhgebundenen Kälberaufzucht. Der Begriff Mutterkuhhaltung meint eine tierfreundliche Rindermast. Dabei werden Fleisch-Rinderrassen wie Angus extensiv auf der Weide gehalten. Die Kühe behalten ihre Kälber bis zum siebten oder achten Lebensmonat, solange sie Milch saugen. Danach werden die Jungtiere von ihren Müttern getrennt: Die männlichen Tiere werden meist weiter gemästet; die weiblichen bekommen dann selbst Nachwuchs. Gemolken werden die Kühe bei der Mutterkuhhaltung aber nie.

Kuhgebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung

Bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht gehören Kuh und Kalb zusammen. Wie das praktisch aussieht, zeigen die Mutter-Amme-Kalb-Kriterien in der kuhgebundenen Kälberaufzucht (MAK) von Provieh e.V. und der Erzeugergemeinschaft der Demeter Heumilchbauern. Die Kälber wachsen mindestens vier Wochen bei der Mutter oder einer Amme auf. "In der Praxis sind 95 Prozent der Kuh- und Bullenkälber vier bis sechs Monate bei ihren Müttern auf dem Hof. Nur wenige Kälber werden mit vier Wochen als zukünftige Zuchttiere verkauft", erläutert Rolf Holzapfel, geschäftsführender Vorstand der Demeter Heumilch Bauern. Kuh und Kalb müssen sich mindestens zweimal am Tag zum Säugen treffen. Das kann beispielsweise vor oder nach dem Melken der Mutterkuh oder Amme sein. "Der Sozialkontakt, das Belecken, die Körperpflege durch ihre Mütter und Ammen und das Saugen am Euter tun den Kälbern gut", so Rolf Holzapfel. Die tierfreundlichen Milchprodukte sind am Label "Zeit zu zweit" zu erkennen.

Bruderkälber gehören dazu

Jedes zweite Kalb ist männlich. Deshalb gelten die MAK-Regeln für den ganzen Betrieb, also für weibliche und männliche Kälber. Ansonsten landen selbst über 90 Prozent der Bio-Bullenkälber von Milchviehrassen bereits mit vierzehn Tagen im konventionellen Mastbetrieb. Bei den Demeter Heumilchbäuerinnen und -bauern bleiben die Bullenkälber auf den Höfen und werden mit 240 Kilogramm geschlachtet. 

Eine weitere Initiative gibt es in der Hohenlohe. Dort betreiben mittlerweile 15 Betriebe kuhgebundene Kälberaufzucht. Hier bleibt das Kalb mindestens zwölf Wochen bei der Mutter oder einer Amme. Das Fleisch der männlichen Kälber wird unter dem Label "Bruderkalb - aus kuhgebundener Aufzucht" vermarktet. Es soll künftig auch in ausgewählten Supermärkten erhältlich sein.

Muttergebundene Kälberaufzucht

Ausschließlich auf Mütter setzen De Öko Melkburen aus Schleswig-Holstein. Auf ihren fünf Bio-Betrieben leben die Kälber mindestens drei Monate lang Tag und Nacht bei ihren Müttern. "Natürlich gibt es auch gute Nannys, aber zwischen Amme und Kalb besteht nicht dieselbe Bindung wie zwischen Mutter und Kind. Schließlich haben Rinder auch Gefühle", erläutert Milchviehhalter Hans Möller. Das Miteinander von Kuh und Kalb funktioniert auf seinem Hof praktisch reibungslos. Nach drei Tagen ungestörter Zweisamkeit nach der Geburt melkt er seine Kühe wieder. Die kleinen Kälber lernen von den älteren, nicht mit in den Melkstand zu gehen. Sie bleiben solange im Kindergarten oder besser gesagt Kälbergarten. In den ersten Lebenswochen trinken die Kälber sechs bis zehn Liter, später 15 bis 20 Liter. "Wir verzichten bewusst auf einen großen Teil der Milch zugunsten einer ethischen Nutztierhaltung. Wir gewähren unseren Kühen ihre verdiente Elternzeit", so Hans Möller.

Gesunde Kälber und glückliche Kühe

Landwirtinnen und Landwirte freuen sich über gesunde und gut erzogene Kälber. Denn bei der muttergebundenen Kälberaufzucht lernen die Kälber von ihren Müttern wichtiges über das Sozialverhalten in der Kuhhherde. Außerdem fangen sie schnell an, Gras und Heu zu fressen. So bildet sich der Pansen frühzeitig aus. Auch die männlichen Kälber ziehen die Öko Melkburen auf ihren Höfen groß. Hans Möller hält Schwarzbunte Niederungsrinder. Bei dieser robusten Zweinutzungsrasse liefern die Kühe weniger Milch, dafür aber mehr Fleisch. Die männlichen Kälber wachsen zu Weideochsen heran und enden nach eineinhalb bis drei Jahren in der Wurst. Fleisch und Rindswürste lassen sich über die Solidarische Landwirtschaft sowie eine Kooperation mit einem Hamburger Kindergarten vermarkten. Die nehmen Fleisch und Milchprodukte ab und dürfen dafür jederzeit die glücklichen Kühe besuchen.

Ausführliche Informationen zur muttergebundenen Kälberhaltung finden Sie auf der Webseite des Thünen Institutes:

Die Kälber wieder bei den Müttern lassen


Letzte Aktualisierung 27.03.2020

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