Bio im Alltag


Neue Kennzeichen zum Tierwohl

Das geplante staatliche "Tierwohlkennzeichen"

Das Kennzeichnungssystem des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) gilt zunächst nur für Mastschweine: von der Geburt bis zur Schlachtung. Die Haltung der Schweine unterteilt das BMEL in drei Qualitätsstufen. Die unterscheiden sich wesentlich in vier Kriterien: Säugephase, Platz, Stallausstattung und Schwänze kupieren. Je nach Stufe werden die Tiere deutlich besser (Stufe 3) oder nur wenig besser (Stufe 1) gehalten, als dies der Gesetzgeber verlangt. Ein Beispiel zum Vergleich: Ein Ferkel der Stufe 1 darf vier Tage länger saugen als gesetzlich vorgeschrieben. Kastrationen dürfen nur unter Betäubung erfolgen. Am Ende der Mast hat das 100 Kilogramm schwere Tier 0,15 Quadratzentimeter mehr Platz. Der Transport zum Schlachthof darf höchstens acht Stunden dauern. Beim gesetzlichen Mindeststandard sind es 24 Stunden.

Die Verwendung des Labels ist freiwillig. Noch ist kein Fleisch mit dem staatlichen Tierwohl-Kennzeichen im Handel.

Grafik zu den Kriterien des staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
13 Kriterien fürs Schweinewohl. Quelle: BMEL

Der Einzelhandel kennzeichnet die Haltungsform

Kennzeichen der Haltungsform. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Biofleisch findet sich unter Haltungsform 4. Aber nicht jede 4 ist Bio. Quelle: Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH

Die Handelsketten Aldi Nord und Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe führen seit 1. April 2019 schrittweise eine eigene Kennzeichnung ein. Anders als das staatliche Label gilt es für viele Tierarten: Schweine, Hähnchen, Puten und Rinder. Die Kennzeichnung orientiert sich an der "Haltungsform". Für jede Tierart gibt es vier Stufen: Stallhaltung, StallhaltungPlus, Außenklima und Premium. Die erste Stufe entspricht den gesetzlichen Mindestanforderungen. Entsprechend kommen konventionell erzeugte Produkte in die Stufe 1, Bioprodukte in die Stufe 4 der "Haltungsform". Fleisch von Neuland und der Premiumstufe des Deutschen Tierschutzbundes wird ebenfalls unter 4 eingestuft. Beide Label garantieren hohes Tierwohl, aber keine Biostandards wie Futter aus ökologischem Anbau.

Fast nur Fleisch mit Haltungsform 1 im Handel

"Die neue Kennzeichnung ist kein neues Produktsiegel, sondern sortiert alle existierenden Siegel und Programme in einem einheitlichen System. So können Verbraucher auf den ersten Blick erkennen, welches Tierwohl-Niveau sie einkaufen", betont Patrick Klein von der Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH. Diese Initiative der Wirtschaft organisiert die Entwicklung des neuen Labels. Bisher haben die Verbraucherinnen und Verbraucher jedoch keine große Auswahl: gut 90 Prozent des Schweinefleisches im Supermarkt trägt das Kennzeichen 1, erfüllt also lediglich die gesetzlichen Mindeststandards. Bei Geflügel dagegen sieht es schon etwas besser aus: "Hier landen 90 Prozent in Stufe 2", weiß Patrick Klein. Wurstwaren sind jedoch noch nicht gekennzeichnet. Laut Greenpeace weigerten sich die zwölf größten Fleischverarbeiter bisher, ihre Produkte freiwillig zu kennzeichnen.

Greenpeace-Abfrage bei Wurstwarenherstellern

Grafik: Schweine auf Boden. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Bioschweine haben 50 Prozent mehr Platz als in der Stufe 3 und dreimal mehr als beim gesetzlichen Mindeststandard. Quelle: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft

Biostandards reichen weiter

Anders als bei Eiern bekommt Biofleisch weder bei dem geplanten staatlichen Label noch bei der Handelskennzeichnung eine eigene Klasse. Biotierhalterinnen und Biotierhalter unterscheiden sich aber nicht nur punktuell, sondern verfolgen ein anderes System. "So umfasst Bio die gesamte Produktionskette vom Futter bis zur Wurst", betont der Bundesverband für ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in seiner Pressemitteilung.

Wichtige Unterschiede zum staatlichen Label sind:

  • Biotiere bekommen Biofutter, das ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger angebaut wird.
  • Die Zahl der Tiere auf einem ökologisch wirtschaftenden Betrieb ist flächengebunden, um Belastungen für Boden, Grund- und Oberflächenwasser zu vermeiden.
  • Ein vorbeugender Einsatz chemisch-synthetischer (allopathischer) Arzneimittel, wie zum Beispiel Antibiotika, ist in der Biotierhaltung nicht erlaubt.
  • Biostandards gelten auch für das Metzgerhandwerk und andere Fleischverarbeiter!
Tabelle der neuen Kennzeichnungen im Vergleich. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Ein Schwein blickt durch: Was hat das Mastschwein von den neuen Kennzeichen? Quelle: Ökonsult

Was bringen die neuen Label aus Sicht der Tierschützer

Das staatliche Kennzeichen geht bereits ab Stufe 1 über den Mindeststandard hinaus, gilt aber bisher nur für Schweine. Die erste Stufe der Haltungsform-Kennzeichnung des Einzelhandels (Stallhaltung) beschreibt die gesetzlichen Mindestvorgaben, bringt also keinen Mehrwert für die Tiere. "Erst ab Stufe zwei (StallhaltungPlus) kennzeichnet das System der Supermärkte eine etwas bessere Haltung. Sie liegt jedoch ebenfalls recht deutlich unter der ersten Stufe der staatlichen Kennzeichnung", bilanziert die Albert-Schweizer-Stiftung.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt das einheitliche Labeling des Handels, da es für mehr Verbrauchertransparenz sorge. Mehr Tierschutz sei jedoch in der ganzen Produktionskette von der Zucht bis zur Schlachtung gefragt. Wenn der Handel es ernst meine, dürfe er künftig nicht mehr für Billigfleisch werben. "Und alles mit der Ziffer 1 müsste ausgelistet werden, denn der gesetzliche Standard ist aus Tierschutzsicht ungenügend", kritisiert Verbandspräsident Thomas Schröder.


Letzte Aktualisierung: 23.04.2019