Bio im Alltag


Mehr Tierwohl für alle

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Professor Thomas Blaha kämpft unermüdlich für mehr Tierschutz. Foto: G. Tzimurtas

Kaum ein Thema erregt die Gemüter so sehr wie das Thema Tierwohl. Nur verbessern tut sich fast nichts. Professor Thomas Blaha, Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V., erklärt, was sich ändern muss und wie es gehen könnte – auch bei Bio.

Oekolandbau.de: Kastenstände für Sauen, betäubungslose Kastrationen bei Ferkeln und Käfige für Kaninchen sind in der ökologischen Landwirtschaft verboten. Ist Bio nicht schon ideal für unsere Nutztiere?

Thomas Blaha: Die ökologische Landwirtschaft ist gut bei den Haltungsbedingungen: Beispielsweise sind Freilandhaltung bei Rindern, Auslauf für Hühner und Stroh für Schweine wichtige Voraussetzungen für das Tierwohl. Aber Bio allein ist kein Garant für Tierschutz. Schließlich war die Grundidee von Bio der Kreislaufgedanke, der Verzicht auf Pestizide und die Rückstandsfreiheit von Lebensmitteln und nicht primär die bessere Tierhaltung.

Oekolandbau.de: Wo liegen die Schwachpunkte bei Bio?

Thomas Blaha: Der größte Schwachpunkt in der ökologischen Landwirtschaft ist die Tiergesundheit. Die ist neben den Haltungsbedingungen zentral für das Wohlbefinden der Tiere. Ökologische Landwirtinnen und Landwirte haben besonders Probleme mit einem Parasitenbefall ihrer Tiere und Beschränkungen bei der Behandlung von Infektionskrankheiten ihrer Tiere auferlegt bekommen. So lassen die EU-Richtlinien des ökologischen Landbaus pro Mastdurchgang nur eine Behandlung mit Antibiotika zu. Das ist eine rigide, ethisch und medizinisch nicht begründbare Festlegung. Wenn Tiere krank sind, müssen sie ohne Wenn und Aber behandelt werden.

Hand steckt Akupunkturnadel in Kuh. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Alternative Heilmethoden: Akupunktur bei der Kuh. Foto: BLE, Bonn/Foto: Thomas Stephan

Oekolandbau.de: Was passiert, wenn die Biobäuerinnen und Biobauern öfter Antibiotika einsetzen?

Thomas Blaha: Wenn sie es ein zweites Mal bei derselben Mastgruppe tun müssen und auch tun, dann verlieren sie für diese Mastgruppe den Biostatus und müssen die Tiere für viel weniger Geld verkaufen – also ist der Anreiz, die Tiere ein zweites Mal nicht zu behandeln, zu groß.

Oekolandbau.de: Was sollten Bioverbände tun, um diese Schwachpunkte zu beseitigen?

Thomas Blaha: Auf jeden Fall müssten sie ihre Richtlinien zur Behandlung kranker Tiere ändern. Wenn das Schwein wiederholt eine Lungenentzündung oder Durchfall hat, muss es entsprechend oft Medikamente bekommen. Wichtig wäre auch, dass die Biobetriebe spezielle Eigenkontrollen zum Tierwohl durchführen. Die schreibt das Tierschutzgesetz nur für konventionelle Tierhalterinnen und Tierhalter vor. Und letztendlich hängt Tierwohl auch von der Betreuungsqualität der Landwirtinnen und Landwirte ab – von der Fähigkeit zur Empathie für das Tier und von ihrem fachlichen Können. Zumindest letzteres lässt sich schulen.

Oekolandbau.de: Um sich bewusst für mehr Tierwohl entscheiden zu können, schlagen Umweltverbände für Fleisch eine Kennzeichnung wie bei Eiern vor, Null wäre Fleisch aus Biolandwirtschaft, Eins Freilandhaltung und so weiter. Was halten Sie davon?

Thomas Blaha: Das funktioniert bei unverarbeiteten Lebensmitteln wie Eiern: das Ei fällt aus dem Huhn und bekommt sofort auf dem Hof einen Stempel. Bei Fleisch ist das viel schwieriger. Wenn ein großer Schlachthof 21.000 Schweine am Tag schlachtet und jeder Einzelhändler ein paar Tausend Schnitzel ordert, ist es schwer, die Transparenz zu behalten. Auch die staatlich geplanten, freiwilligen Label für mehr Tierwohl bringen nichts, sondern vertiefen die Ungleichbehandlung von Tieren. Denn es machen immer nur diejenigen Landwirtinnen und Landwirte mit, die ohnehin schon tierfreundlicher arbeiten. Die Landwirtinnen und Landwirte, die ihre Tiere unter suboptimalen Lebensbedingungen halten und betreuen, wissen, dass sie es nicht "schaffen", die Label-Anforderungen zu erfüllen und verbessern somit nichts an ihren Tierhaltungen.

Mann in weißem Schutzanzug mit braunem Huhn. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Demeter, Bioland und Naturland haben bereits zusätzliche Tierwohlkontrollen eingeführt. Foto: J. Schneider-Rapp

Oekolandbau.de: Was fordern Sie stattdessen?

Thomas Blaha: Wir wünschen uns mehr Tierwohl für alle Tiere. Wir müssen uns zunächst nicht um die Bio- oder andere Premiumprodukte kümmern, sondern um das untere Segment. Wir müssen die gesamte auf Hocheffizienz getrimmte Landwirtschaft in eine tierwohlorientierte umbauen. Das geht nur mit einem nationalen Aktionsplan, der die Lebensbedingungen aller Nutztiere mittel- bis langfristig, also in 5 bis 20 Jahren - schrittweise verbessert und damit sofort beginnt. Auf keinen Fall geht es darum, mit Übergangsfristen noch einmal Zeit zu gewinnen, sondern darum, Zeithorizonte mit definierten Zwischenzielen einschließlich der jeweiligen Finanzierungsmodelle zu erarbeiten. Die Ergebnisse müssen dann in ein- bis zweijährigen Intervallen überprüft werden.

Oekolandbau.de: Was sind wichtige Punkte des Planes?

Thomas Blaha: Natürlich mehr tierschutzgerechte Haltungsbedingungen für alle Nutztiere. Das betrifft Stallgrößen, Stallböden, Auslaufmöglichkeiten und Besatzdichten und so weiter.. Die Tiere müssen ihre arttypischen Verhaltensweisen ausüben und ohne Verhaltensstörungen und Amputationen von Körperteilen leben können. Darüber hinaus sollten ein aktives Gesundheitsmanagement in allen Nutztierbeständen und ein betriebliches Gesundheitsmonitoring Pflicht sein. In jedem Betrieb müssen Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten dokumentiert und die Tiergesundheit optimiert werden. Außerdem gilt es, die Landwirtinnen und Landwirte mehr und besser in punkto Tierverhalten und Tierwohl aus- und fortzubilden.

Grafik zur neuen Standard Hühnerhaltung. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Verbraucherinfo auf Niederländisch: das Standardhähnchen ist zwar nicht bio, hat aber mehr Platz, Licht und Stroh als vorher. Foto: Jumbo Supermarkten B.V.

Oekolandbau.de: Und wie begegnen Sie dem Billigfleischwettbewerb im Supermarkt?

Thomas Blaha: Wenn der Lebensmitteleinzelhandel freiwillig nichts ändert, muss der Staat handeln, zum Beispiel die Einzelhändler dazu verpflichten, mindestens zehn Prozent mehr Geld fürs Fleisch auszugeben. Solange es neben dem teureren Fleisch mit mehr Tierwohl eine günstigere Alternative gibt, greifen die Verbraucherinnen und Verbraucher automatisch zum billigsten Produkt. Ein gelungenes Beispiel für freiwilliges Engagement des Einzelhandels gibt es in Holland. Dort bieten die beiden großen Supermarktketten nur noch Hähnchenfleisch von robusteren Rassen an. Die Masthühner der französischen Rasse Hubbard sind vitaler und brauchen 56 statt 39 Tage, um schlachtreif zu sein. Da kostet das Fleisch natürlich mehr. Entsprechend stehen dann an den Supermarktregalen Schilder, die erklären, warum es jetzt nur noch das hochwertigere Geflügelfleisch gibt.


Letzte Aktualisierung: 02.05.2017