Bio im Alltag


Fremde Kulturpflanzen bereichern den Bioanbau

Porträt von zwei Frauen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Dr. Monika Witte (links) und Iris Förster (rechts) vom Verein ProSpecieRara. Foto: ProSpecieRara

Besonders im Bioanbau steht Regionalität hoch im Kurs. Allerdings stammen nur die wenigsten Wildformen unserer Nahrungspflanzen von hier. Wie Migration und Kulturpflanzenvielfalt zusammenhängen, erklären uns Iris Förster und Dr. Monika Witte von ProSpecieRara. Diese gemeinnützige Organisation setzt sich für Sortenvielfalt ein und schickt dazu gerne eine Ausstellung auf die Reise.

Oekolandbau.de: Was hat Sie dazu bewogen, die Ausstellung "Kulturpflanzen und Migration" zu machen?

Besucherinnen vor der Ausstellung "Kulturpflanzen und Migration". Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Ausstellung "Kulturpflanzen und Migration" von ProSpecieRara stieß auf reges Interesse. Foto: ProSpecieRara

Iris Förster: Beim Stichwort Migration denken wir in erster Linie an geflüchtete Menschen, die in jüngerer Zeit nach Europa und vor allem nach Deutschland gekommen sind. Doch Migration ist kein neues Phänomen. Wanderungsbewegungen der Menschen hat es schon immer gegeben. Ohne diese weltweiten Wanderungsströme über Jahrhunderte hinweg gäbe es bei uns nicht diese enorme Pflanzenvielfalt, die heute für bunte Abwechslung auf unserem Teller sorgt. Mit der Ausstellung "Kulturpflanzen und Migration" wollen wir jenseits der gesellschaftspolitischen Diskussion auf dieseDimension von Migration aufmerksam machen.

Oekolandbau.de: Wie gut ist die Ausstellung bisher angekommen? Wie war die Resonanz?

Monika Witte: Bisher war die Ausstellung in Freiburg im Museum Natur und Mensch, an der Pädagogischen Hochschule und an der Ökostation, einer Umweltbildungseinrichtung des BUND, zu sehen. Zu unserer Freude wurde sie überall mit großem Interesse angenommen. Betroffen waren viele über das drastische Schwinden der biologischen Vielfalt in den letzten Jahrzehnten. So sind ja bereits 75 Prozent der alten Sorten unwiederbringlich verloren gegangen.

Tomatenpflanze. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Aus der neuen Welt zu uns gelangt: die Tomate. Foto: Nina Weiler

Oekolandbau.de: Woher stammen die meisten unserer Nahrungspflanzen? 

Iris Förster: Ob Kartoffel, Apfel oder Karotte – die Pflanzen, die wir heute in der Küche verwenden, stammen allesamt von Wildpflanzen ab, die über die ganze Welt verbreitet sind. Der russische Biologe Vavilov spricht von sogenannten Ursprungszentren – das sind besonders fruchtbare Gebiete auf der Erde mit einem besonderen Reichtum an pflanzlicher Vielfalt. Eines dieser Ursprungszentren liegt in Südamerika. Schon in der Grundschule lernen Kinder, dass die Kartoffel dort ihre Wurzeln hat. Auch die wilden Vorfahren von Tomate und Paprika stammen aus diesem Teil der Erde. Die Vorfahren unseres Weizens sind im Nahen Osten zu finden. Diese Region gilt als Wiege der Landwirtschaft, von dort haben sich Ackerbau und Viehzucht ausgebreitet. Auch Linse und Erbse haben dort ihren Ursprung und sind vor etwa 7000 Jahren mit den Menschen zu uns eingewandert. 

Oekolandbau.de: Wie kamen die Pflanzen zu uns nach Europa? Wurden sie gezielt eingeführt oder gelangten sie eher zufällig hierhin? 

Monika Witte: Ob gezielt oder zufällig ist eng mit der Frage verknüpft, wann und auf welchem Weg sie eingewandert sind. Seit der Mensch vor etwa 12.000 Jahren mit dem Ackerbau begonnen hat, hat er die Pflanzen auf seinen Wegen mitgenommen. Gewandert sind die Menschen, weil sie auf der Suche nach fruchtbarem Grund und Boden waren oder, ebenso wie heute, auf der Flucht vor Verfolgung. Gewiss ging es ihnen nicht darum, Pflanzen in andere Regionen der Welt zu bringen. Vielmehr dienten Pflanzen als Nahrung und waren selbstverständliche Begleiter der Menschen. Auf diese Weise sind die Vorfahren unseres Weizens, die Urgetreide Einkorn und Emmer, bereits vor 7.500 Jahren aus dem Vorderen Orient zu uns gelangt. Dagegen hat Columbus Ende des 15. Jahrhunderts Kartoffel, Tomate oder Paprika ganz bewusst aus Südamerika eingeführt. Auch andere Pflanzen wie Mais, Tomaten, Bohnen, Paprika und exotische Gewürze brachten die Entdecker Amerikas in die alte Welt mit. Die wenigsten Wildformen von Gemüse sind in unseren Breiten beheimatet. Dazu zählen Wildkohl und Sellerie.     

Oekelandbau.de: Wie entstand die unermessliche Sortenvielfalt?  

Iris Förster: Die enorme Sortenvielfalt ist das Verdienst von Bäuerinnen und Bauern und als kulturelle Leistung der Menschheit nicht hoch genug zu schätzen. Durch fortlaufende Auslese und gezielte Vermehrung von Pflanzen entstand über Jahrhunderte hinweg eine Fülle von unterschiedlichen Sorten. Am Apfel lässt sich dies gut veranschaulichen. Aus dem Wildapfel, der aus dem Kaukasus stammt, hat der Mensch bis Ende des 20. Jahrhunderts weltweit rund 20.000 Apfelsorten entwickelt. Diese unterscheiden sich in Geschmack, Form, Farbe, Größe, Verwendungszweck, Reifezeit und vielem mehr.  

Aber auch heute ist die Weiterentwicklung von Sorten ein wichtiges Thema. So arbeitet die Freiburger Firma Taifun, Hersteller von Biotofu, seit Jahren erfolgreich daran, die aus Asien stammende Sojabohne an heimische Anbaubedingungen anzupassen. Damit will Taifun einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und der Vermischungsgefahr mit gentechnikveränderten Sojabohnen aus Übersee aus dem Weg gehen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist das 1000 Gärten-Projekt.  

Oekolandbau.de: Der Ökolandbau setzt auf nachhaltige Züchtungsverfahren. Welche Rolle spielen hier die traditionellen Sorten und Wildformen?

Monika Witte: Traditionelle Sorten sind ein Schatz! Sie bergen eine Vielfalt an wertvollen Eigenschaften. Das können wir nutzen, indem wir sie in moderne Sorten einkreuzen. Viele neue Sorten wurden aus traditionellen entwickelt und immer weiter an Standort und Umwelt angepasst. Traditionelle Sorten sind samenfest, das heißt der Landwirt kann seine geernteten Körner im nächsten Jahr wieder anbauen. Samenfeste Sorten lassen sich auch weiterentwickeln: Züchter können immer wieder die besten Pflanzen auswählen und vermehren.

Das geht mit den in der konventionellen Landwirtschaft verbreiteten Hybridsorten nicht. Die lassen sich nur einmal anbauen und dann nicht mehr vermehren. Bildlich gesprochen bedeuten Hybridsorten züchterisch eine evolutionäre Sackgasse. Dagegen können auch Wildpflanzen für die Züchtung sehr wertvoll sein. Viele von ihnen weisen eine große genetische Vielfalt und Eigenschaften auf, die viele Nutzpflanzen durch züchterische Bearbeitung oftmals verloren haben. Dazu gehören etwa Resistenzen gegen bestimmte Krankheitserreger. Traditionelle Sorten und Wildpflanzen gemeinsam bieten einen Genpool, den wir dringend benötigen, um auch in Zukunft anpassungsfähig zu bleiben.

Ähre von  Schwarzem Samtemmer. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Dank der dunklen Farbstoffe ist Schwarzer Emmer vor UV-Strahlen geschützt. Foto: ProSpecieRara

Oekolandbau.de: Können uns die alten Sorten auch bei der Anpassung an den Klimawandel helfen?           

Iris Förster: Lassen Sie uns das am Beispiel von Weizen erläutern. Der moderne Weizen bekommt bei 37 Grad Sonnenbrand. Schon wenn die  Temperatur um nur ein Grad abweicht, kann bis zu 30 Prozent der Ernte ausfallen. Eine Alternative könnten Emmer und Einkorn sein. Sie sind im Vergleich zum Weizen robuster, da ihre festen Spelzen das Korn vor Hitze, aber auch vor Frost und Krankheiten besser schützen. Gerade der schwarze Emmer, eine Varietät mit schwarzem Spelz, könnte künftig an Bedeutung gewinnen. Denn die dunkelblauen Pflanzenfarbstoffe (Anthocyane) schützten das Getreide gegen UV-Strahlen. Wie eine aktuelle Studie zeigt, ändern sich die Temperaturen schneller als sich viele Pflanzenarten anpassen

Oekolandbau: Was braucht der Ökolandbau in Zukunft?

Monika Witte: Da Hybridsaatgut nicht nachhaltig ist, muss der Ökolandbau verstärkt eigene Sorten züchten. Ökologische Pflanzenzüchter wie beispielsweise Bingenheimer Saatgut oder der Dottenfelder Hof entwickeln die Vielfalt samenfester Sorten weiter, indem sie etwa aus modernen Hybridsorten mit gewünschten Eigenschaften wieder samenfeste Sorten züchten oder in moderne samenfeste Sorten Eigenschaften von alten Sorten oder Wildformen einkreuzen. 

Oekolandbau.de: Der Verlust der kulturellen Vielfalt geht uns alle an: Was können wir als Verbraucherinnen und Verbraucher tun, um alte Kulturpflanzen zu erhalten?

Iris Förster: Organisationen wie ProSpecieRara sind für den Erhalt der Vielfalt auf die Hilfe vieler Menschen angewiesen. Neben der finanziellen Unterstützung braucht es die Arbeit von Hobbygärtnern, um all jene Sorten lebendig zu erhalten, die für den gewerbsmäßigen Gemüsebau nicht oder nicht mehr geeignet sind. Als Sortenbetreuer kann man diesen Sorten ein neues Zuhause geben; man baut sie an und erntet deren Saatgut, das dann anderen Menschen wieder zur Verfügung steht. Und natürlich können wir alle als Konsumenten durch unser Kaufverhalten Einfluss nehmen, etwa über den Kauf von Gemüsesorten mit dem ProSpecieRara-Logo. Denn nur was gegessen wird, wird nicht vergessen.


Letzte Aktualisierung: 27.04.2017