Bio im Alltag


Kann der Ökolandbau die Welt ernähren? - Interview mit Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

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Felix Prinz zu Löwenstein im Austausch mit äthiopischen Experten.
Foto: BÖLW

"Wir werden uns in Zukunft ökologisch ernähren oder gar nicht mehr", meint Dr. Felix Prinz zu Löwenstein. Der Biobauer und Vorsitzende des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erläutert im Interview zum Welternährungstag, warum der ökologische Landbau weltweit gute Perspektiven bietet.

Oekolandbau.de: Laut FAO haben derzeit 795 Millionen Menschen nicht genug zu essen – als Folge von Kriegen, Nahrungsmittelspekulationen und so weiter. Können TTIP und CETA die Ernährungssituation der Menschen in Entwicklungsländern verbessern?

Löwenstein: Nein. Weder beim Weltklimavertrag noch bei den Freihandelsabkommen CETA oder TTIP spielt die zukunftsfähige Gestaltung von Landbewirtschaftung und Ernährung eine größere Rolle.  Alle drei werden nicht zu einem ökologischen Umbau beitragen. Die Biobranche stellt sich weder grundsätzlich gegen globalen Handel noch gegen Handelsabkommen.

Freihandel darf jedoch nicht zu einem Dumping bei Umwelt- oder Tierschutzleistungen führen oder dazu, dass die hohen EU-Standards an Umwelt- und Verbraucherschutz ausgehöhlt werden. Auch das kulturelle Grundverständnis davon, wie Landwirtschaft und Ernährung in unserer Gesellschaft aussehen, darf nicht zur Disposition gestellt werden. Globalisierung braucht starke Regeln.

Oekolandbau.de: Ist die im Vergleich zum konventionellen Landbau ertragsschwächere ökologische Landwirtschaft angesichts des globalen Hungers nicht Luxus?

Löwenstein: Bio pauschal als ertragsschwach zu bezeichnen, greift zu kurz. Millionen von Kleinbäuerinnen und -bauern produzieren weltweit meist auf kleinsten Flächen zwei Drittel der Nahrungsmittel. Viele dieser Bäuerinnen und Bauern wirtschaften nicht streng nach Öko-Verordnungen, aber nutzen agrarökologische Verfahren.

Nur auf Hochertragsstandorten wie bei uns erzielen Landwirtinnen und Landwirte bei vielen Kulturen mit dem (energetisch) teuren Einsatz von Kunstdüngern und chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln höhere Erträge. Diese Art der Landwirtschaft lässt sich aber nicht pauschal auf alle Regionen übertragen – auch wegen der hohen Kosten für Pestizide oder Saatgut. Mit ökologischer Landwirtschaft ernten Bauern auf vielen tropischen oder trockenen Standorten mehr, da die Böden durch Humusaufbau fruchtbarer werden und das Wasser besser binden.

Vermessung von Maiskolben, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Das FiBL hat die Produktivität des Ökolandbaus in Kenia nachgewiesen.
Foto: Peter Lüthi, Biovision

Oekolandbau.de: Können sich die armen Menschen in Afrika oder Bangladesch wirklich Bioprodukte leisten?

Löwenstein: Die Landwirtschaft ist bis heute die wichtigste Erwerbsquelle und der größte Wirtschaftszweig der Welt. Ein Drittel aller arbeitenden Menschen ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Viele Hungernde sind also selbst Bauern. Die Frage ist zunächst einmal, welche Art der Landwirtschaft sich die Menschen leisten können. Je weniger die Bauern zukaufen müssen, um Landwirtschaft zu betreiben, umso besser.

Was man auch bedenken muss: Landwirtschaft so zu betreiben, dass sie das Klima schädigt, Gewässer verschmutzt und Böden zerstört, ist keine Option für die Zukunft. Wir brauchen diese lebenswichtigen Ressourcen, um auch in Zukunft Lebensmittel erzeugen zu können. Bio schützt Gewässer, Boden und Klima. Auf den Punkt gebracht: Wir werden uns ökologisch ernähren – oder gar nicht mehr. 

Oekolandbau.de: In Deutschland arbeiten knapp neun Prozent der Betriebe ökologisch. Wie sieht es weltweit aus?

Löwenstein: Das ist schwer zu sagen, denn hier werden nur Flächen und Betriebe gezählt, die "zertifiziert ökologisch" wirtschaften. Der Anteil der Bauern, die ökologisch wirtschaften und nicht zertifiziert sind, dürfte weltweit aber weit höher sein. Bauern, die nur für den eigenen Bedarf wirtschaften oder nur kleine Teile der Ernte verkaufen, benötigen keine Zertifizierung. Damit mehr Bauern Ökolandbau in den Ländern des Südens betreiben können, muss in Ausbildung und Wissenstransfer investiert werden. Es ist auch entscheidend, welchen Weg die Politik unterstützt: Überlassen die Regierungen die Landwirtschaft und die Bauern den Agrarkonzernen und deren Heilsversprechen und verkaufen Land an Investoren? Oder erkennen Sie den Nutzen von Öko für die Ernährungssicherung und gegebenefalls auch den Export?

Landwirtin in Kenia, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Afrikanische Landwirtin stellt Kompost her.
Foto: Peter Lüthi, Biovision

Oekolandbau.de: Der Klimawandel mit Dürren, Stürmen und Überschwemmungen verringert die Erträge zusätzlich. Kann der Ökolandbau das überstehen?

Löwenstein: Mit Blick auf die Klimakrise punktet Öko dreifach: Erstens heizt Ökolandbau der Klimakrise nicht weiter ein wie es energieintensive Praktiken mit ihrem hohen Pestizid- und Kunstdüngereinsatz sowie einer nicht flächengebundenen Tierhaltung tun. Zweitens sind ökologische Systeme, die auf Vielfalt setzen, weniger anfällig für Wetterextreme. Drittens lässt sich mit regenerativem Ökolandbau Humus aufbauen, der viel überschüssigen Kohlenstoff dauerhaft, günstig und ungefährlich binden kann. Die Klimakrise lässt sich nur lösen, wenn die Landwirtschaft klimafreundlicher und damit ökologischer wird.

Oekolandbau.de: Wie lässt sich die ökologische Landwirtschaft schneller voranbringen?

Löwenstein: Solange Praktiken in der Landwirtschaft, die zu Bodenerosion oder Wasserverschmutzung führen, kostenfrei sind, besteht wenig Anreiz, ökologischer zu wirtschaften. Und wenn externe Kosten für Wasserverschmutzung oder Bodenzerstörung nicht in die Produkte eingepreist werden, bleibt auch an der Ladenkasse die Motivation für den Griff zum Bioprodukt eher gering. Die Politik in Ländern, Bund, EU und weltweit muss also durch eine Internalisierung der Kosten dafür sorgen, dass Preise die Wahrheit sagen. Diese Anforderung beschränkt sich nicht auf den Agrarbereich, sondern schließt viele andere Ressorts mit ein.

Ein anderer Ansatz kommt aus der Wirtschaft: Beim Toprunner-Ansatz wird die beste Technik – etwa der Kühlschrank mit dem geringsten Energieverbrauch – nach einer Übergangszeit zum allgemeinen Standard erklärt, den dann alle Hersteller einhalten müssen. Das ist nicht ganz einfach auf die Landwirtschaft übertragbar. Aber wenn Bio mit Blick auf den Schutz von Gewässern, Böden, Tieren und Klima der nachhaltigste gesetzliche Standard ist, ist Bio auch der Toprunner.

Oekolandbau.de: Angesichts der überwältigenden Probleme – wie schaffen Sie es, den Mut zu behalten?

Löwenstein: Pessimismus ist eine unproduktive Haltung. Ich bin mir wohl bewusst, wie dramatisch die globale Situation in Bezug auf Umwelt, Ressourcen und Ernährung ist und dass uns die Zeit davonzulaufen droht. Aber es ist nicht zu spät, eine Wende einzuleiten – zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen und den Völkern und zu einem wirklich nachhaltigen Umgang mit dem, was die Natur uns zur Verfügung stellt. Weil das weltweit immer mehr Menschen zu verstehen beginnen, kann diese Umkehr noch gelingen!


Letzte Aktualisierung: 12.10.2016