Bio im Alltag


Wie gelangen Pflanzenschutzmittel in den Körper?

Porträt Dr. Niels Kohlschütter. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Der Geschäftsführer der Schweisfurth-Stiftung Dr. Niels Kohlschütter koordiniert das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Foto: Schweisfurth-Stiftung

Fast alle Menschen haben Pflanzenschutzmittel im Körper, selbst jene, die sich ökologisch ernähren. Warum das so ist, erklärt Niels Kohlschütter, Koordinator des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. In diesem Zusammenschluss arbeiten Bürgerinitiativen, die Schweisfurth-Stiftung sowie Biounternehmen und Naturkosthändlerinnen und Naturkosthändler eng mit der Forschung zusammen.

Oekolandbau.de: Was war der Anlass für die Gründung des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft?

Kohlschütter: Immer häufiger müssen Biobauern feststellen, dass ihre Produkte mit konventionellen Pestiziden belastet sind, selbst wenn ihre Flächen nicht an konventionelle angrenzen. Aber auch wir sind unmittelbar betroffen. Die Bürgerinitiative Landwende hat deshalb bereits im Jahr 2015 den Urin von über 2000 Menschen untersuchen lassen. Das Ergebnis: Bei 99,6 Prozent ließ sich im Urin das Pflanzenschutzmittel Glyphosat nachweisen. Auch Menschen, die weit weg von landwirtschaftlichen Flächen lebten, und Bioesser waren belastet. Daher wollten wir wissen, ob sich Pestizide über die Luft verbreiten können, und haben 2018 bei einem unabhängigen Forschungsinstitut eine Studie beauftragt.

Säulendiagramm zur Glyphosatbelastung. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Belastung von Biokonsumentinnen und -konsumenten liegt nur geringfügig unter der von Menschen, die sich konventionell ernähren. Quelle: Monika Krüger, Andrea Lindner, Johannes Heimrath, Nachweis von Glyphosat im Urin freiwilliger, selbstzahlender Studienteilnehmer – "Urinale 2015", 2016

Oekolandbau.de: Hat dieses Forschungsinstitut auch Urinproben untersucht?

Kohlschütter: Nein, die haben an 47 Standorten in Deutschland Proben von Baumrinde entnommen und auf über 500 verschiedene Pestizidwirkstoffe untersucht. Die äußere Baumrinde eignet sich ideal, um Pestizide nachzuweisen. Denn in ihrer großen Oberfläche reichern sich sowohl gas- als auch partikelgebundene Substanzen an.

Download der Rindenstudie: Bericht-H18-Rinde-20190210-1518-1

In den Rindenproben fanden sich über 100 Wirkstoffe; zwölf kamen sehr häufig vor. Platz eins und drei belegen die gasförmigen Wirkstoffe Pendimethalin und Prosulfcarb. Diese Unkrautvernichtungsmittel verdunsten leicht und verbreiten sich vermutlich über die Luft. Aber auch das feste Glyphosat ist unter den ersten fünf.

Grafik mit verschiedenen Wirkstoffen in Pflanzenschutzmitteln. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Viele Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln liegen in der Luft. Quelle: Hofmann, Frieder (unter anderem), Biomonitoring der Pestizid-Belastung der Luft mittels Luftgüte-Rindenmonitoring 2014-2018, Bremen 2019

Oekolandbau.de: Wie erklären Sie sich das?

Kohlschütter: Das vielfach verwendete Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat verbreitet sich vermutlich durch Bodenerosion. Rückstände haften an Bodenpartikeln, die mit dem Wind fortgeweht und woanders wieder abgelagert werden. Noch leichter können sich flüchtige Spritzmittel verbreiten. Entweder sie driften bereits während des Spritzvorgangs als feines Spray ab und landen so auf dem Feld des Nachbarn. Oder die Pestizidwirkstoffe verdunsten erst nach dem Ausbringen und werden gasförmig mit dem Wind verteilt.

Oekolandbau.de: Ist es wirklich so schlimm? Bei Untersuchungen wie dem Ökomonitoring Baden-Württemberg sind Bioprodukte doch kaum mit Rückständen belastet?

Kohlschütter: Ausgangspunkt der Baumrindenstudie war die Frage, wie das Glyphosat in den menschlichen Körper kommt. Sogar mit einer Konzentration im Urin, die bei 79 Prozent der Proben fünf- bis zweiundvierzigfach über dem Rückstandshöchstwert für Trinkwasser (0,1 Nanogramm pro Milliliter) lagen. Aufgrund der strengen Kontrollen bei Bioherstellern gehen wir nicht davon aus, dass der Grund dafür der Verzehr von Lebensmitteln ist. Unser Verdacht ist vielmehr, dass wir alle die Wirkstoffe einatmen. Die Ergebnisse der Baumrindenstudie haben diesen Verdacht erhärtet.

Bienen in pollenreichen Waben. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Wieviel Pflanzenschutzmittel sammeln Bienen mit den Pollen ein? Foto: Dominic Menzler, BLE

Oekolandbau.de: Was können wir als Verbraucherinnen und Verbraucher dagegen tun?

Kohlschütter: Sie können Biolebensmittel kaufen, damit möglichst keine weiteren Belastungen in die Umwelt kommen. Außerdem können Privatpersonen und Vereine auch Mitglied bei der Bürgerinitiative Landwende werden und mit anderen Menschen in ihrem Umfeld ins Gespräch kommen. Wir sehen den gemeinsamen Dialog als zentrales Element bei der Entwicklung einer Landkarte hin zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft.

Oekolandbau.de: Wie macht das Bündnis weiter? 

Kohlschütter: Dieses Jahr führen wir eine noch ausführlichere Studie durch, um dem erhärteten Verdacht einer Verbreitung der Ackergifte durch die Luft weiter nachzugehen. Dazu werden neben Bäumen beispielsweise auch technische Luftfilter eingesetzt und durch Bienen gesammelte Pollen untersucht. Die Ergebnisse erwarten wir für Frühjahr 2020. Neben der wissenschaftlichen Arbeit sind uns auch der Austausch und Dialog mit allen Interessierten wichtig, die sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft engagieren.


Letzte Aktualisierung: 13.08.2019