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BÖLN-Studie zu Imkerei und Landwirtschaft

Bienen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die volkswirtschaftliche Leistung der Imkerei in Deutschland beträgt jährlich insgesamt etwa 1,7 Milliarden Euro. Foto: Thomas Stephan, BLE

Die Bienenhaltung kommt weit über die Honigproduktion hinaus der Natur und der Landwirtschaft zugute: Während ihres natürlichen Sammelflugs bestäuben Bienen unter anderem die Blüten vieler Obst- und Gemüsesorten. Dadurch wird sowohl quantitativ als auch qualitativ deren Frucht- und Samenertrag gesteigert. Bienen sind somit bedeutend für den Anbau zahlreicher Nahrungsmittel und für die Gewinnung von Saatgut. Um den tatsächlichen Nutzen der Imkerei zu ermitteln, analysierte ein Forscherteam der Universität Hohenheim den gesamten Imkereisektor in Deutschland. Gefördert wurde die Studie durch das Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN).

Mit Bestäubung rund 40 Prozent mehr Ertrag

Die Analyse der Wertschöpfung ergab: Die volkswirtschaftliche Leistung der Imkerei in Deutschland beträgt jährlich insgesamt etwa 1,7 Milliarden Euro. Allein mit ihrer Bestäubungsarbeit erwirtschaften die fleißigen Insekten schätzungsweise 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahl ist dreizehnfach so hoch wie die Wertschöpfung der Honig- und Bienenwachsproduktion, die bei rund 120 Millionen Euro liegt. Ohne Insektenbestäubung wären die im Nahrungspflanzenanbau erzielten Erlöse im Schnitt 41 Prozent geringer. Grund dafür ist: Die verschiedenen Kulturen sind mehr oder weniger stark auf eine Insektenbestäubung angewiesen. Während es bei Äpfeln, Birnen, Kirschen oder Pflaumen durchschnittlich 65 Prozent mehr Ertrag gibt, wenn ihre Blüten von Insekten bestäubt werden, sind es bei Raps, Sonnenblumen, Soja oder Ackerbohnen 25 Prozent und bei Gemüse im Schnitt 42 Prozent. Je nach Gemüsesorte variiert dieser Wert zwischen fünf Prozent bei Bohnen, Paprika und Tomaten und 95 Prozent bei Kürbis und Zucchini.

Anteiliger Durchschnittserlös, der auf Insektenbestäubung zurückzuführen ist
Kulturenin Millionen Euro pro Jahrin Prozent
Apfel, Birne, Kirsche, Pflaume73965
Johannisbeere, Himbeere, Heidelbeere,  Stachelbeere, Brombeere6852
Gurke, Kürbis, Zucchini, Bohne, Paprika, Tomate34042
Erdbeeren15525
Raps, Sonnenblume, Soja, Ackerbohne30025
Gesamt1.60241

Quelle: Berechnung der Universität Hohenheim, Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre

Imkereien und Bienenvölker im städtischen Raum konzentriert

Am Beispiel Baden-Württembergs untersuchte das Forscherteam die Struktur und die räumliche Verteilung der Imkerei. Aus den Daten zu den badischen und württembergischen Mitgliedern des Deutschen Imkerbundes lässt sich Folgendes ableiten: Tendenziell imkern in Baden-Württemberg deutlich mehr Männer als Frauen, wobei der Frauenanteil wächst. Viele von ihnen haben sich erst in den letzten Jahren, meist im mittleren Alter, einem Imkerverein angeschlossen. Auffällig ist, dass sich Imkereien sowie Bienenvölker in der Nähe von Städten konzentrieren. Allerdings halten die städtischen Imkereien tendenziell weniger Bienenvölker als Imkereien im ländlichen Raum. Dennoch fehlen in Baden-Württemberg vielerorts Bienenvölker, um intensiv bewirtschaftete Obstplantagen und Gemüseanbauflächen optimal zu bestäuben.

Um die Bedeutung der Wander- und Bestäubungsimkerei zu ermitteln, wurden 52 Imkerinnen und Imker aus den drei größten deutschen Obstanbauregionen Altes Land, Sachsen und Bodensee sowie zehn Imkerei- und Landwirtschaftsexperten befragt. Dabei zeigte sich, dass Erwerbsimkerinnen und -imker – weitaus mehr als Freizeitimkerinnen und -imker – mit landwirtschaftlichen Betrieben kooperieren und sich gezielt als "Bestäubungsimker" engagieren oder mit ihren Bienenvölkern wandern. Beispielsweise lassen viele Profis ihre Bienenvölker in wärmeren Regionen Südeuropas oder in Deutschland überwintern. Das verkürzt die Winterruhe der Honigbienen und macht es möglich, die Vegetationsperiode möglichst lange auszunutzen. Weitere positive Effekte sind: Wer mit seinen Bienenvölkern wandert, kann sortenreine Honige ernten, Trachtlücken überbrücken und mehrere Honigernten pro Jahr erzielen. Bioimkereien sind dabei angehalten, konventionelle Intensivkulturen zu vermeiden.

Bei gezielter Bestäubung gewinnen alle

Für die meisten der befragten Hobby- und Erwerbsimkerinnen und -imker ist die Honigproduktion bisher der Arbeitsschwerpunkt beziehungsweise die Haupteinkommensquelle. Zum einen wegen der großen Honignachfrage, zum anderen, weil die Landwirtinnen und Landwirte ihrer Meinung nach Bestäubungsdienste nicht genug nachfragen und wertschätzen. Dennoch erwägen rund 20 Prozent der befragten Haupt- und Nebenerwerbsimkerinnen und -imker, sich mit der Bestäubungsimkerei ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Denn gerade in der Saatgutproduktion (etwa bei der Erzeugung von Hybridsorten) sowie in Frühkulturen wie Kirsche, Aprikose und Pflaume wächst das Interesse an vertraglich vereinbarten Bestäubungsdiensten. Aber auch bei Sonderkulturen im Gewächshaus oder in Folientunneln sind Bienen mehr und mehr gefragt. Wer gezielt Bestäubungsleistungen anbietet, kann nach Einschätzung des Forscherteams sein Einkommen deutlich verbessern – vorausgesetzt es erfolgt hierfür eine angemessene Entlohnung. Denkbar wäre hier zum Beispiel eine staatliche Förderung für die Zahlung fairer Prämien durch die Landwirtinnen und Landwirte.

Mehr Austausch und Wissen erforderlich

Fest steht, dass sich Landwirtschaft und Imkerei mehr befruchten könnten. Dafür muss es allerdings aus Sicht der befragten Imkerei- und Landwirtschaftsexpertinnen und -experten gelingen, die bisherigen Kommunikations- und Wissensdefizite zu beheben und gegenseitige Vorurteile abzubauen. Hilfreich wäre dabei sicherlich, wenn auf kommunaler Ebene seitens der Praxis und der Agrar- und Veterinärverwaltung eine bessere Vernetzung und ein intensiver Austausch gelingen würden. Wichtig ist es aber auch, die Standorte von Bienenständen und die Kontaktdaten der zuständigen Imkerinnen und Imker in einer zentralen Auskunftsplattform zu veröffentlichen. Auch in der Aus- und Fortbildung von Imkerinnen und Imkern sowie von Landwirtinnen und Landwirten und bei der Fachberatung besteht ein großer Optimierungsbedarf. Hier gilt es, das Thema Insektenbestäubung verstärkt zu vermitteln. Denn einerseits sind viele Imkerinnen und Imker für eine Bestäubungsarbeit nicht speziell qualifiziert. Andererseits ist in der Landwirtschaft wenig Wissen zur Insektenbestäubung vorhanden, deren Bedeutung wird oft unterschätzt. Darüber hinaus plädieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für mehr praxisbezogene Forschung zu den Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bestäuberinsekten und besonders zum Thema Insektenbestäubung (zum Beispiel Flugverhalten der Insekten in Kulturen).

Fazit: Die Imkerei bringt einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen, insbesondere aufgrund der Bestäubungsleistung der Honigbienen. Um den Imkereisektor zukünftig wettbewerbsfähig zu machen und eine ausreichende Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen sicherzustellen, empfehlen die Forscherinnen und Forscher, die Imkerei auf  Verbands- und Betriebsebene sowie auf staatlicher Ebene vielfältig zu fördern. Darüber hinaus sollten Imkerinnen und Imker sowie Landwirtinnen und Landwirte sich intensiver austauschen. Nur so kann zukünftig eine Balance zwischen Bienenschutz und Pflanzenschutz gelingen.

Die Studie "Eine ökonomische Analyse des Imkerei-Sektors in Deutschland" im Online-Archiv Organic Eprints

Letzte Aktualisierung: 23.05.2018