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Erzeugung von Biogeflügel – ein Markt mit Potenzial

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Die Haltung und Fütterung von Biogeflügel ist aufwändig. Deshalb sind die Preise für Biogeflügelfleisch etwa drei Mal höher als für konventionelle Ware. Foto: Jürgen Beckhoff/BÖLN

Rund 6.400 Tonnen Biogeflügel wurden im Jahr 2017 in Deutschland verkauft. Das sind nur knapp 1,5 Prozent der gesamten Geflügelfleischeinkäufe. Damit ist der Biogeflügelmarkt eine echte Nische. Dennoch könnte sich der Einstieg in die ökologische Geflügelerzeugung nach wie vor lohnen. Denn viele Fachleute sehen in diesem Bereich ein größeres Wachstumspotential.

Das bestätigt auch eine aktuelle BÖLN-Studie, in der Forscherteams der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) und der Universität Kassel aktuelle Daten rund um den Biogeflügelmarkt analysiert haben und dafür Einschätzungen von Fachleuten aus der Erzeugung, Verarbeitung und dem Handel einholten. Zudem wurden Verbraucherinnen und Verbraucher nach ihren Einschätzungen zum Angebot und zu ihrem Kaufverhalten bei Geflügelfleisch befragt.

Starkes Wachstums auf niedrigem Niveau

Ein grundsätzliches Potenzial für weiteres Wachstum leiten die Fachleute unter anderem aus der bisherigen Entwicklung der Nachfrage ab. So ist der Konsum für Biogeflügel seit 2012 kontinuierlich gestiegen, überwiegend sogar im zweistelligen Prozentbereich. Besonders stark wuchs dabei die Nachfrage nach Biohähnchen. Zwar verlangsamte sich das Wachstum des gesamten Marktes im Jahr 2017, dennoch gab es einen Zuwachs von 6,7 Prozent.

Aus Sicht der Erzeugerinnen und Erzeuger sind vor allem die geringen Preisschwankungen interessant. In der Befragung zeigte sich, dass die Erzeugerpreise für alle Biogeflügelarten über mehrere Jahre äußerst stabil blieben, in der Direktvermarktung wie im Großhandel. Im Schnitt liegen sie etwa drei Mal höher als bei konventioneller Ware. Allerdings gibt es je nach Region und Abnehmer zum Teil deutliche Unterschiede im Preisniveau. Höhere Abgabepreise erzielen vor allem Betriebe, die in Stadtnähe liegen und die sich einem Bioverband angeschlossen haben.

Direktvermarktung ist weit verbreitet

Die meisten der insgesamt 65 befragten Biobetriebe halten Hähnchen und Gänse. Mehr als die Hälfte davon verkauft das Fleisch per Direktvermarktung, etwa ein Viertel vermarktet die Tiere an den Großhandel. Mit einem Anteil von fast 70 Prozent waren Biohähnchen im Jahr 2017 mit Abstand die absatzstärkste Geflügelart im Gesamtmarkt, gefolgt von Bioputen mit 22 Prozent. Dieser Trend bestätigte sich auch in der Befragung. So gaben die an der Studie teilnehmenden, aufstockungswilligen Betriebe an, vor allem ihre Hähnchenerzeugung weiter ausbauen zu wollen. Für andere Biogeflügelarten gab es dagegen keine Pläne für eine Ausdehnung der Produktion.

Aus Sicht der Betriebe gibt es jedoch einige Hemmnisse für einen weiteren Ausbau der Produktion. Als großes Problem wird der Mangel an regionalen, zertifizierten Bioschlachtereien gesehen. Dadurch entstehen für einige Betriebe sehr lange Transportwege, die zum Teil nicht mehr den Vorgaben der Bioverbände von maximal 200 Kilometern und vier Stunden Transportdauer entsprechen. Hauptgrund für die geringe Zahl an Bioschlachthöfen sind nach Meinung der Verarbeitungsbetriebe die strengen behördlichen Auflagen für eine Biozertifizierung. Auch viele Erzeugerbetriebe verzichten deshalb darauf, eine eigene Hofschlachterei aufzubauen.

Gesetzliche Rahmenbedingungen hemmen Stallbauten

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Für Althennen aus ökologischer Erzeugung fehlt es derzeit noch an geeigneten Absatzwegen, um das Fleisch wirtschaftlich vermarkten zu können. Foto: EU Bildarchiv

Darüber hinaus sehen sich viele Betriebe beim Wachstum oder bei der Umstellung eingeschränkt durch die aus ihrer Sicht wenig verlässlichen Rahmenbedingungen für den Um- oder Neubau von Ställen. So beklagen zum Beispiel viele Betriebe, die nach der EU-Öko-Verordnung arbeiten, die unterschiedliche Auslegung der Bauvorgaben in den einzelnen Bundesländern. Vielen umstellungswilligen Betrieben mangelt es zudem an Auslauf- und Futterflächen, die für eine flächengebundene ökologische Tierhaltung notwendig sind.

Ein weiteres Hemmnis für eine größere Nachfrage nach Biogeflügel ist der hohe Preis. Dennoch gibt es nach Ansicht des Forscherteams auch hier noch Potenzial, den Kundenkreis für Biogeflügelfleisch weiter auszubauen. Das leiten sie aus einer Befragung von insgesamt 644 Verbraucherinnen und Verbrauchern in vier verschiedenen Regionen Deutschlands ab.

Mehr Nachfrage durch eine größere Produktpalette

Während für rein konventionelle Käuferinnen und Käufer der Preis für Geflügelfleisch das entscheidende Kaufargument ist, nennen sogenannte Mischkäufer, die neben konventioneller Ware auch regelmäßig Bioware kaufen, eine gute Verfügbarkeit als Hauptgrund für den Kauf. Deshalb könnten nach Einschätzung des Forscherteams durch eine Ausweitung des Angebots im Lebensmitteleinzelhandel neue Käuferschichten erschlossen werden, insbesondere bei den Mischkäufern. Parallel dazu sollte auch die Produktpalette erweitert werden durch eine größere Auswahl an Wurst und Aufschnitt, frischen Teilstücke oder ganzen Tieren in Bioqualität. Reine Biokäuferinnen und -käufer gaben als bevorzugte Einkaufsstätten für Biogeflügel Hofläden und Wochenmärkte an.

Dennoch bleibt der hohe Preis für Biogeflügel ein Kaufhemmnis. Zwar zeigte sich in der Befragung, dass viele Konsumenten durchaus bereit sind, mehr für regional erzeugte Ware und tiergerechte Haltungssysteme zu zahlen. Doch die zusätzliche Zahlungsbereitschaft liegt überwiegend unter dem aktuellen Aufpreis für Bioware.

Auch auf Ebene des Handels gibt es nach Ansicht der Fachleute noch Möglichkeiten, die Nachfrage nach Biogeflügelfleisch zu steigern. Dazu gehört neben einer breiteren Produktpalette auch ein erweitertes Angebot an Biotiefkühlware, wie es bei konventionellem Geflügelfleisch üblich ist. Bisher beschränkt sich das Bioangebot fast nur auf Frischware. Auch eine durchgehende Verfügbarkeit von Biogeflügel wäre aus Sicht des Forscherteams wünschenswert, wie die Auswertung der Konsumentenbefragung zeigte.

Absatzkanäle für alle Geflügelteile finden

Im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit der Verarbeitung von Biogeflügel ist eine Verwertung des ganzen Tieres die größte Herausforderung. Zwar ist der Anteil ganzer verkaufter Tiere bei Biogeflügel mit 20 Prozent bei Biohähnchen deutlich höher als im konventionellen Bereich (acht Prozent bei Hähnchen). Dennoch ist es für eine kostendeckende Verarbeitung notwendig, neben dem bevorzugten Brustfleisch auch für die übrigen Teile wie Flügel und Beine neue Verkaufskanäle zu finden.

Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen diese etwa in der Außer-Haus-Vermarktung, aber auch in der Verarbeitung zu Babynahrung und Convenience-Produkten wie Chicken-Nuggets. Auch für Althennen und Bruderhähne müssten solche neuen Wege der Vermarktung gefunden werden.

Erzeugerbetrieben raten die Fachleute, strategische Partnerschaften mit dem Handel aufzubauen. Zusammenschlüsse zu Erzeugergemeinschaften bieten dabei insbesondere kleineren Betrieben viele Vorzüge, etwa bei den Preisverhandlungen oder in Bezug auf eine kontinuierliche Lieferung größerer Mengen. In der Direktvermarktung gilt es vor allem, die Vorzüge der ökologischen Haltungssysteme herauszustellen und zu zeigen, warum Biogeflügel nur zu deutlich höheren Preisen angeboten werden kann. Betriebe mit knapper Fläche sollten versuchen, mit benachbarten Ackerbaubetrieben Futter-Mist-Kooperationen einzugehen, um ihre Erzeugung weiter ausbauen zu können.


Letzte Aktualisierung: 08.11.2018