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Ökologische Wildsammlung: Was gibt es zu beachten?

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Peter Riedl ist Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung Anbau und Züchtung beim Naturarzneimittelhersteller Salus. Foto: Peter Riedl

Unter Wildsammlung versteht man das Sammeln von Pflanzen an ihrem natürlichen, vom Menschen weitestgehend unbeeinflussten Wuchsstandort. Oekolandbau.de hat den Wildsammlungsexperten Peter Riedl vom Naturarzneimittelhersteller Salus befragt, welche Bedeutung das Sammeln von Wildpflanzen hierzulande hat und welche Regeln, insbesondere für die ökologische Wildsammlung, zu beachten sind.

Oekolandbau.de: Welche Bedeutung hat die Wildpflanzensammlung in Deutschland?

Riedl: Etwa 500 verschiedene Arten an Pflanzen und Pilzen stammen aus deutscher Wildsammlung. Diese werden allerdings überwiegend in kleineren Mengen gesammelt. Global gesehen spielt die deutsche Wildsammlung nur eine untergeordnete Rolle. Marktrelevante Mengen kommen hauptsächlich aus Südosteuropa (Albanien, Rumänien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina), China oder Indien. Dort stammen die Wildpflanzen meist aus strukturschwachen Regionen, in denen die Wildsammlung eine lange Tradition hat und eine wichtige Einkommensquelle darstellt. Über die weltweit größte, nichtlandwirtschaftlich genutzte Öko-Fläche verfügt Finnland: Dort werden auf einer Sammelfläche von circa sieben Millionen Hektar Beeren und Früchte gesammelt.

In Deutschland gibt es nur wenige Spezialistinnen und Spezialisten, die Ihren Lebensunterhalt allein mit der Wildsammlung verdienen. Die allermeisten Sammlerinnen und Sammler machen dies im Nebenerwerb. Viele Sammlerinnen und Sammler kommen aus dem "Pflanzensektor", das heißt sie sind Förster, Gärtner oder Landwirte. Manche Firmen führen auch Sammelkampagnen durch und suchen nur für einen begrenzten Zeitraum Sammelnde. Dann sind häufig auch Studierende aktiv. Ein großer Teil der Wildpflanzen wird bei uns auch von Kräuterpädagogen sowie kundigen Privatpersonen gesammelt, die die Fülle der nutzbaren Wildkräuter und -früchte kennen. Das "professionalisierte" Sammeln ist in Deutschland also sehr selten. Andere Länder, wie zum Beispiel Frankreich, haben hier andere Strukturen. Dort gibt es sogar eine Ausbildung zum Wildsammler.

Oekolandbau.de: Welche Pflanzen werden hierzulande wild gesammelt?

Riedl: Zu den bedeutenden Heil- und Arzneipflanzen, die in Deutschland für gewerbliche Zwecke gesammelt werden, zählen Weißdorn, Kastanien, Lindenblüten oder Misteln. Darüber hinaus werden auch giftige Arten wie Fliegenpilze, Fingerhut oder Herbstzeitlose gesammelt, insbesondere für die Herstellung homöopathischer Arzneimittel. Es werden aber auch Wildkräuter wie Bärlauch, Knoblauchrauke oder Gundelrebe und natürlich viele Teekräuter wie Schafgarbe, Johanniskraut oder Schachtelhalm wild gesammelt. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Pilze und Wildbeeren.

Misteln in einem Baum. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Misteln zählen zu den bedeutenden Wildpflanzen, die in Deutschland für gewerbliche Zwecke gesammelt werden, Foto: pixabay

Oekolandbau.de: Warum Wildsammlung? Kann man die benötigten Pflanzen nicht auch acker- oder gartenbaulich kultvieren?

Riedl: Die meisten Wildpflanzen sind für eine acker- oder gartenbauliche Kultur nicht geeignet. Dies liegt vor allem daran, dass das Pflanzenmaterial meist sehr uneinheitlich und züchterisch nicht bearbeitet ist. Häufig finden wir bei den Wildpflanzen auch sehr langsam wachsende Arten, die nur unter speziellen Bedingungen, wie sie der Wildstandort hergibt, gedeihen können. Grundsätzlich ist es allerdings möglich, bestimmte Arten, zumindest in kleinerem Maßstab, gartenbaulich zu erzeugen. Eine Inkulturnahme ist teilweise jedoch aufwändig und wird in diesem Bereich daher eher selten durchgeführt. Als Beispiel ist der Bärlauch zu nennen: Ein feldmäßiger Anbau ist zwar möglich, problematisch sind beim Bärlauch aber die generative Vermehrung und die Standortansprüche. Für die abnehmenden Firmen ist es häufig ein Abwägen zwischen Rohstoffsicherheit und Preis. Der Anbau gilt als sicher, ist in der Regel aber auch teurer.  Das Entnehmen von Pflanzgut wie zum Beispiel Bärlauchzwiebeln am Naturstandort, um dieses später in Reihe zu setzen, hat übrigens mit Kultivierung nichts zu tun. In diesem Fall handelt es sich um Raubbau an der Natur und ist verboten!

Oekolandbau.de: Welche Pflanzen dürfen wild gesammelt werden und wo ist das geregelt?

Riedl: Zunächst sollte man sich darüber bewusst sein, dass in Deutschland Schutz für alle wild lebenden Pflanzen gilt. Im Bundesnaturschutzgesetz steht: Wildpflanzen dürfen nicht ohne vernünftigen Grund ihrem Standort entnommen werden. Weiterhin steht dort aber auch: "Jeder darf wild lebende Blumen, Gräser, Farne, Moose, Flechten, Früchte, Pilze, Tee- und Heilkräuter sowie Zweige wild lebender Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen." Ob eine Art gesammelt werden darf oder nicht lässt sich am besten durch eine Abfrage in der WISIA-Artenschutzdatenbank des Bundesamts für Naturschutz (BfN) herausfinden. In dieser Datenbank sind besonders und streng geschützte Arten erfasst, die in der Regel nicht gesammelt werden dürfen. Für das gewerbsmäßige Sammeln wild lebender, nicht besonders geschützter Pflanzen muss eine Genehmigung bei der nach Landesrecht zuständigen Behörde für Naturschutz und Landschaftspflege beantragt werden.

Oekolandbau.de: Wo darf wild gesammelt werden?

Riedl: Es muss geprüft werden, ob der geplante Sammelort in einem Schutzgebiet, zum Beispiel einem Naturschutzgebiet, liegt. Das Bundesamt für Naturschutz stellt auf seiner Internetseite eine Karte der Schutzgebiete in Deutschland zur Verfügung. Einige Bundesländer bieten ebenfalls hochauflösende digitale Karten an. Im Rahmen des Genehmigungsprozesses ist die Sammelfläche auf entsprechendem Kartenmaterial genau zu kennzeichnen. Neben den naturschutzrechtlichen Aspekten muss natürlich noch die Erlaubnis des Grundstückeigentümers eingeholt werden.

Bundesamt für Naturschutz: Karten der Schutzgebiete in Deutschland

Screenshot der Online-Karten mit den Schutzgebieten Deutschlands. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenser.
Die Online-Karte des Bundesamtes für Naturschutz zeigt, wo in Deutschland Schutzgebiete zu finden sind. Foto: BfN

Oekolandbau.de: Welche Regeln müssen beim Sammeln eingehalten werden?

Riedl: Die Regeln für die Wildsammlung ergeben sich aus den Schutzbestimmungen der genehmigenden Behörde sowie aus den Vorgaben der Abnehmenden. In den Nebenbestimmungen der behördlichen Sammelgenehmigung wird zum Beispiel festgeschrieben, in welchem Zeitraum, welche Menge geerntet werden darf. Oder wie genau die Ernte technisch durchzuführen ist: Dürfen zum Beispiel Leitern benutzt werden? Dürfen Fahrzeuge bis zum Sammelpunkt fahren? Von Seiten der Abnehmenden der Wildpflanzen wird, speziell im Bereich der Arznei- und Gewürzpflanzen, die Einhaltung der GACP-Richtlinie (Good Agricultural and Collection Practice) gefordert. In dieser Richtlinie werden neben den allgemeingültigen Vorgaben zur Produktion von pflanzlichen Rohstoffen im Kapitel 10 ("Collection") Vorgaben hinsichtlich der Qualifikation der Sammler gemacht: Sind diese in der Lage die zu sammelnde Art von anderen ähnlichen Arten abzugrenzen? Und kennen Sie die entsprechende Artenschutzgesetzgebung? In knapper Form werden dort außerdem Nachhaltigkeitsaspekte angesprochen. Außerdem gibt es von abnehmender Seite meist noch Standardarbeitsanweisungen (SOPs), in denen alle Anforderungen noch einmal zusammengefasst und erläutert werden.

WHO Guidelines on Good Agricultural and Collection Practices (GACP) for Medicinal Plants

Oekolandbau.de: Welche Gesetze, Verordnungen und Standards müssen bei der ökologischen Wildsammlung beachtet werden?

Riedl: Neben dem Bundesnaturschutzgesetz samt Bundesartenschutzverordnung gelten für Öko-Wildsammler die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau. Darüber hinaus haben einige ökologische Anbauverbände in ihren Richtlinien zusätzliche Anforderungen formuliert. So fordert Naturland zum Beispiel regelmäßige Rückstandsanalysen.

Daneben gibt es mit dem Internationalen Standard für die nachhaltige Wildsammlung von Heilpflanzen (ISSC-MAP) und dem Fair Wild Standard zwei Zertifizierungsmodelle, die zusätzlich zu den umweltbezogenen Nachhaltigkeitsaspekten auch die Themen soziale Gerechtigkeit und Fair Trade (Fair Wild) einbeziehen. Diese spielen vor allem eine Rolle für Wildsammlungen aus Ländern mit niedrigen sozialen und Umweltstandards.

Oekolandbau.de: Wie funktioniert die Bio-Zertifizierung bei Wildsammlung?

Riedl: Grundsätzlich sind für die Bio-Zertifizierung bei Wildsammlung die unabhängigen Ökokontrollstellen zuständig. Allerdings übernimmt nicht jede Kontrollstelle Zertifizierungsleistungen für den Bereich Wildsammlung. Dies muss bei der jeweiligen Kontrollstelle vorher erfragt werden. Neben nicht "ökospezifischen" Angaben zu Sammelgebiet, Sammelerlaubnis, korrekte Kennzeichnung, dem genauen Ablauf der Sammlung, möglichen Zwischenschritten bis zum Verkauf, einer Vor-Ort-Prüfung von Sammelgebieten und Artenbeständen, steht auch die Prüfung der Nachhaltigkeit der Sammlung im Fokus: So darf gemäß EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau das Sammeln die ökologische Stabilität und den Artenerhalt im Sammelgebiet nicht bedrohen. Außerdem muss gewährleistet sein, dass die Flächen, auf denen gesammelt wird, drei Jahre vor dem Sammeln nicht mit für den Ökolandbau unzulässigen Mitteln behandelt wurden.

Oekolandbau.de: Wie darf beziehungsweise muss gekennzeichnet werden?

Riedl: Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau machen bei der Kennzeichnung keinen Unterschied zwischen angebauten und gesammelten Pflanzen. Die ökologischen Anbauverbände haben diesbezüglich teilweise eigene Regeln in ihren Richtlinien formuliert. Naturland und Bioland beispielsweise fordern, dass Produkte aus Wildsammlung mit dem Zusatz "… aus Wildsammlung" zu kennzeichnen sind. Genauere Informationen können beim jeweiligen Anbauverband erfragt werden.

Für Fragen zum Thema Ökologische Wildsammlung können Sie sich an Ökoplant e.V. – Verein für ökologischen Arznei und Gewürzpflanzenanbau wenden:

Ökoplant e. V.


Letzte Aktualisierung: 15.11.2016