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Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben

Mitarbeiter auf Gemüsefeld
Mitarbeiter der Markusgemeinschaft im südlichen Kyffhäusergebiet auf dem Gemüsefeld. Foto: Thomas van Elsen

Perspektiven für Menschen und Höfe

Auf zahlreichen Biohöfen gibt es eine große Vielfalt sozialer Arbeitsbereiche. Aktivitäten solcher "multifunktionalen" Höfe reichen von der Integration von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen über die Einbeziehung sozial schwacher Menschen, straffälliger oder lernschwacher Jugendlicher, Drogenkranker, Langzeitarbeitsloser und aktiver Senioren bis hin zu pädagogischen Initiativen wie Schul- und Kindergartenbauernhöfen. Bislang gibt es in Deutschland außerhalb der Behindertenwerkstätten und Schulbauernhöfe noch keinerlei Vernetzungsstrukturen. Ein Projekt hat Entwicklungshemmnisse und Perspektiven zur Förderung Sozialer Landwirtschaft als Perspektive insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe untersucht.

Erfahrungen von verschiedenen Höfen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zeigen, dass Biobetriebe sinnvolle Arbeit für Menschen bieten, die keine Kenntnisse in der Landwirtschaft mitbringen. Auf Biobetrieben fällt im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft mehr Handarbeit an und einige potentielle Gefahrenquellen entfallen, da keine chemischen Pflanzenschutzmittel oder synthetischen Dünger verwendet werden. "Höfe, die soziale Aktivitäten in ihren Betrieb einbinden, sind hervorragende Beispiele für eine multifunktional verstandene Landwirtschaft, die zur Entwicklung ländlicher Räume und regionaler Netzwerke beitragen", betont Dr. Thomas van Elsen von der Europäischen Akademie für Landschaftskultur Deutschland PETRARCA.

Mitarbeiter mit Gänseherde auf Wiese. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Auf Hofgut Richerode leben Menschen mit Behinderungen vom Alter der Berufsausbildung bis zum Rentenalter. Foto: Thomas van Elsen

Dennoch sind die finanziellen Rahmenbedingungen für solche Projekte häufig ungünstig, außerdem führen viele Initiativen in Deutschland ein Einzelkämpferdasein und wissen kaum voneinander. PETRARCA hat daher das aus Bundesmitteln geförderte Projekt "Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben in Deutschland" initiiert. "Wir wollten vor allem dazu beitragen, die betreffenden Betriebe besser miteinander zu vernetzen", so Projektleiter van Elsen. "Außerdem war es uns ein besonderes Anliegen, die Vielfalt der sozialen Aktivitäten auf Biobetrieben zu erfassen und deren besonderen Wert in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen."

Der Schlussbericht stellt die Projektergebnisse umfassend dar. In ausführlichen Porträts werden zehn Höfe mit sozialer Landwirtschaft vorgestellt, auf denen Suchtkranke, Autisten, Obdachlose und Langzeitarbeitslose oder Menschen mit geistigen/psychischen Behinderungen integriert sind bzw. Kinder und Jugendliche betreut werden. In den "Fallbeispielen" werden  Entwicklungshemmnisse identifiziert und vor allem Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt, die anderen Betrieben Unterstützung und Motivation sein sollen.
Wir sprachen mit Projektleiter Dr. Thomas van Elsen über die Möglichkeiten, behinderte bzw. therapiebedürftige oder sozial benachteiligte Menschen auf dem eigenen Betrieb zu beschäftigen.

Thomas van Elsen
Projektleiter Dr. Thomas van Elsen bei der Vorstellung des Projektes auf der Tagung "Praxis und Ziele Sozialer Landwirtschaft in Deutschland - Die Verbindung von Landbau und Sozialarbeit als Herausforderung".

Oekolandbau.de: Herr van Elsen, Sie haben eine Reihe von Fallbeispielen untersucht und vorgestellt. Was ist das Besondere dieser landwirtschaftlichen Betriebe?

Dr. Thomas van Elsen: Uns kam es darauf an, aus dem Spektrum Sozialer Landwirtschaft in Deutschland besonders innovative Beispiele zu finden und vorzustellen. Wir haben versucht, herauszufinden, was die Entwicklung Sozialer Landwirtschaft in Deutschland behindert, warum Deutschland im Vergleich zu manchem Nachbarland hinterher hinkt. Die Höfe, die auf ganz unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichem Klientel Soziale Landwirtschaft betreiben, konnten uns dazu wichtige Hinweise geben.

Oekolandbau.de: Und worin sehen Sie die Haupthemmnisse für die Ausbreitung Sozialer Landwirtschaft in Deutschland?

Dr. Thomas van Elsen: Im Vergleich zu manchem anderen Land in Europa hat Soziale Landwirtschaft in unserer Gesellschaft einen noch zu geringen Stellenwert. Sie wird als Entwicklungsmöglichkeit multifunktionaler Landwirtschaft durch Politik und Verwaltung zu wenig ernst genommen, obwohl die Betriebe Musterbeispiele multifunktionaler Landwirtschaft sind.

Bezeichnenderweise ist Soziale Landwirtschaft in solchen Ländern weiter, wo ministerien- und ressortübergreifend effizient zugunsten ihrer Entwicklung zusammengearbeitet wird. Verkomplizierend kommt in Deutschland die föderale Struktur hinzu. Auf Seiten der Höfe gibt es einen Bedarf an Vernetzung, an Austausch, aber auch an Beratung und Information.

Mitarbeiter mit Kühen auf Weide. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Auf Hof Steinich in der Vulkaneifel arbeiten autistische Männer. Foto: Thomas van Elsen

Oekolandbau.de: Wo kann man ansetzen, die Situation zu verbessern?

Dr. Thomas van Elsen: Wir haben im Projekt viele Gespräche mit Landwirten, aber auch mit Trägern Sozialer Arbeit geführt. Erfolg versprechend scheint uns die Förderung thematischer und regionaler Netzwerke. Bisher gibt es kaum Austausch beispielsweise von Betrieben, die sich um spezielle Personengruppen, etwa Langzeitarbeitslose, Suchtkranke, aber auch spezielle Altersgruppen wie Kleinkinder oder Senioren kümmern. Weiter scheint uns die Initiierung regionaler Netzwerkstrukturen sinnvoll. In regionalem Maßstab kann man sich leichter gegenseitig unterstützen und effiziente Öffentlichkeitsarbeit betreiben. In der Unterstützung solcher Strukturen soll ein Schwerpunkt der geplanten zweiten Projektphase liegen.

Oekolandbau.de: Wieviel Betreuung braucht ein "Beschäftigter"? Kann ich ihn wirklich als Arbeitskraft einsetzen?

Dr. Thomas van Elsen: Eigentlich geht es nicht um "Beschäftigung", sondern um "sinnvolle Arbeit". Viele betreute Menschen bekommen in der Sozialen Landwirtschaft das Gefühl vermittelt, etwas Sinnvolles zu tun, einen wertvollen Beitrag etwa zum Funktionieren eines landwirtschaftlichen Betriebs zu leisten. Vielen befragten Landwirten ist es sehr wichtig, dass es auf den allermeisten Höfen um "richtige", um "produzierende" Landwirtschaft geht, nicht bloß um Therapie und nicht um Streichelzoo. Das "Therapeutische" geschieht im Zuge der sinnvollen Arbeit etwa bei der Betreuung der Milchkühe oder beim Ernten des Salats. Hier ist natürlich eine intensive Betreuung der Menschen notwendig, die durch den Landwirt, zum Teil aber auch durch Menschen mit sozialwissenschaftlicher Ausbildung erfolgt.

Oekolandbau.de: Kann jeder landwirtschaftliche Betrieb Menschen mit Behinderung bzw. therapiebedürftige oder sozial benachteiligte Menschen beschäftigen, oder ist das nur im Rahmen von speziellen Projekten möglich?

Dr. Thomas van Elsen: Der Betrieb sollte von seiner Struktur her handarbeitsintensive Bereiche aufweisen. Die Frage für den Betrieb ist plötzlich nicht mehr: "Wie kann ich weiter Arbeitskraft wegrationalisieren", sondern "Wie kann ich sinnvolle Tätigkeitsbereiche, auch im Winterhalbjahr, schaffen?" Eine große Herausforderung stellt die Finanzierung dar - für jede Klientel bestehen andere Fördermöglichkeiten und -schwierigkeiten, hier mangelt es an Beratung und Unterstützung durch die Behörden.

Oekolandbau.de: Wie bekomme ich Kontakt zu Betrieben in meiner Region, die behinderte bzw. therapiebedürftigen Menschen beschäftigen?

Dr. Thomas van Elsen: Wir wollen unsere Projekt-Website www.soziale-landwirtschaft.de zu einer Kommunikations-Plattform ausbauen, mit der sich gezielt Höfe recherchieren lassen. Weiter setzen wir auf den Aufbau regionaler Arbeitsgemeinschaften, deren Ansprechpartner Vermittlungsaufgaben übernehmen.


Dr. Thomas van Elsen
Petrarca e. V.
Europäische Akademie für Landschaftskultur Deutschland
c/o Universität Kassel, Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau
Nordbahnhofstraße 1a
37213 Witzenhausen
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Fax 0 55 42 / 98 16 70
Thomas.vanElsen@petrarca.info
www.petrarca.info

Letzte Aktualisierung: 11.08.2015