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Regenerative Landwirtschaft – ein Pflanzenbaukonzept mit Zukunft?

Untersaat in Mais. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Untersaaten in Hauptkulturen wie Mais spielen eine wichtige Rolle im Konzept der Regenerativen Landwirtschaft. Foto: Jürgen Beckhoff, BÖLN

Ein jährlich nachweisbarer Humusanstieg, völliger Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und ein deutlich geringerer Düngeaufwand – das sind die Versprechen der Regenerativen Landwirtschaft. Das Pflanzenbaukonzept stammt ursprünglich aus den USA. In Deutschland wurde das Konzept von Dietmar Näser, Friedrich Wenz und Dr. Ingrid Hörner weiterentwickelt, die seit 2014 Kurse zum Thema anbieten und Betriebe aktiv bei der Umsetzung des Systems beraten.

Nach aktuellen Schätzungen werden in Deutschland zurzeit etwa 50.000 Hektar nach den Prinzipien der Regenerativen Landwirtschaft bewirtschaftet. Die positiven Erfahrungen beruhen bisher auf Einschätzungen von Praktikerinnen und Praktikern und den Entwicklern des Systems. Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien zur Wirkung der Regenerativen Landwirtschaft gibt es zurzeit noch nicht.

Förderung des Bodenlebens als Hauptziel

Im Kern ist die Regenerative Landwirtschaft ein Pflanzenbausystem, bei dem alle Maßnahmen auf die Aktivierung und Stärkung des Bodenlebens und der Humusanreicherung abzielen. Ein wichtiger Punkt dabei ist eine möglichst ganzjährige Begrünung des Ackers, die vor allem über Untersaaten in Hauptfrüchten wie Getreide, Mais oder Raps sichergestellt wird, aber auch durch einen intensiven Zwischenfruchtanbau. Die Untersaat besteht aus einer festgelegten Mischung aus Gräsern, Körnerleguminosen und Kreuzblütlern.

Untersaaten und Zwischenfrüchte sind für Dietmar Näser deshalb so entscheidend für das System, weil ein durchgehender Aufwuchs den Boden auch nach der Ernte schützt und die intensive Sonneneinstrahlung im Sommer optimal ausgenutzt wird. Denn im Gegensatz zu einer länger brachliegenden Getreide- oder Rapsstoppel bilden Zwischenfrüchte zusätzliche energiereiche Stoffe, die Bodenorganismen als Nahrung dient und so zur Humusbildung beitragen. Näser rät auch dazu, eine organische Düngung in die Zwischenfrüchte vorzunehmen. Dadurch könne man auf die übliche Einarbeitung verzichten und die enthaltenen Nährstoffe würden optimal ausgenutzt.

Aufwuchs muss sorgfältig eingearbeitet werden

Um die im Aufwuchs enthaltenen Zucker und Proteine den Bakterien und Pilzen im Boden zugänglich zu machen, werden die Zwischenfrüchte möglichst flach eingearbeitet. Dass lebendes Pflanzenmaterial und nicht nur Stoppeln eingearbeitet werden, ist für Näser ein ganz wichtiger Punkt. Denn die enthaltenen Zucker- und Eiweißverbindungen sind für die Bodenmikroben direkt verfügbar.

Die Grünmasse optimal einzuarbeiten, ist jedoch relativ anspruchsvoll und erfordert viel Erfahrung. Grundsätzlich kommen dafür Schälpflug oder Rollspatenegge in Frage. Näser empfiehlt jedoch eine Fräse, die bei entsprechender Einstellung die gewünschte flache Einarbeitung ermöglicht.

Fermente sollen Abbauprozesse beschleunigen

Zum System der Regenerativen Landwirtschaft gehört auch der Einsatz von Pflanzenfermenten, sogenannten Verrottelenkern. Dabei handelt es sich um einen vergorenen Sud aus Acker- und Gartenkräutern sowie den Triebspitzen verschiedener Sträucher. Die Fermente werden beim Einarbeiten der Zwischenfrucht mit einer angebauten Spritze ausgebracht, anfangs bis zu einer Menge von bis zu 100 Litern pro Hektar. Sinn der Fermente ist es, die Abbauprozesse der Pflanzenteile zu beschleunigen und das Bodenleben weiter anzukurbeln.

Weiteres zentrales Betriebsmittel des Systems ist Komposttee, ein Extrakt aus Kompostmaterial, Melasse und Wasser. Laut Näser führt man dem Boden dadurch zusätzliche Mikroorganismen zu und erzielt so besonders deutliche Effekte beim Ziel, das Bodenleben zu fördern.

Nährstoffe im optimalen Gleichgewicht

Kompost. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Mit Extrakten aus Kompost soll das Bodenleben besonders effektiv gesteigert werden können.
Foto: Jürgen Beckhoff, BÖLN

Die Düngung zielt bei der Regenerativen Landwirtschaft darauf ab, Gleichgewichte beziehungsweise optimale Verhältnisse zwischen den Nährstoffen herzustellen, etwa zwischen Kalzium, Magnesium und Kalium. Die sogenannten Mikronährstoffe wie Bor oder Zink sind laut Näser genauso wichtig für ein ausgewogenes Bodenleben wie die Hauptnährstoffe. Um die Verhältnisse im Blick zu behalten, sind regelmäßige Bodenproben unerlässlich. Die Bedarfsdüngung orientiert sich dagegen an Pflanzenanalysen.

Nach Näsers Erfahrung lässt sich der Düngeraufwand durch das System nachweislich verringern. Denn grundsätzlich seien die benötigten Nährstoffe im Boden vorhanden und würden durch das angeregte Bodenleben besser und schneller pflanzenverfügbar gemacht. Auch in Bezug auf Unkräuter würden sich deutliche Vorteile ergeben. Denn das starke Bodenleben unterdrücke die Keimung von Unkräutern, genauso wie der angestrebte durchgehende Pflanzenaufwuchs auf dem Acker. 

Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz möglich

Konventionelle Betriebe, die das System anwenden, könnten deshalb nach einer etwa vierjährigen Übergangszeit komplett auf chemischen Pflanzenschutz verzichten. Das gilt auch für die Bekämpfung von Krankheiten und Schaderregern. Denn durch den verbesserten Humusgehalt und die optimalen Bodenverhältnisse würden die Pflanzen so vital, dass kein zusätzlicher Pflanzenschutz mehr erforderlich sei.

Ein ausgewogenes Bodenleben ist laut Näser bei einem Humusanteil von etwa fünf Prozent erreicht, von dem etwa die Hälfte sogenannter aktiver Humus sein sollte. Bei richtiger Umsetzung der Maßnahmen könne man mit jeder Vegetationsperiode sichtbare Fortschritte erzielen, unter anderem einen nachweisbaren Anstieg des Humusgehaltes.

Fazit

Die Regenerative Landwirtschaft bündelt überwiegend bekannte Maßnahmen zum Humusaufbau beziehungsweise zur Verbesserung des Bodenlebens und wendet diese sehr konsequent an. Verschiedene konventionelle und Biobetriebe haben damit bisher überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Dabei ist die Umsetzung einzelner Maßnahmen, etwa Untersaaten bei verschiedenen Hauptkulturen, anspruchsvoll und erfordert viel Erfahrung. Die vorgesehene Übergangszeit von vier Jahren erscheint deshalb etwas optimistisch.

Da das System erst seit knapp fünf Jahren praktiziert wird, gibt es noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die die positiven Effekte bestätigen. Interessierte können sich auf bundesweiten Bodenkursen und Workshops des Entwicklerteams einen eigenen Eindruck von den Grundlagen des Pflanzenbausystems verschaffen.


Letzte Aktualisierung: 09.07.2018