Erzeuger


Interview zur Ertragsstagnation im Ökolandbau

Porträt Dr. Neuhoff
Dr. Daniel Neuhoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Organischen Landbau der Universität Bonn. Quelle: Privat

Trotz zahlreicher Forschungsprojekte und einer stetigen Ausdehnung der Anbauflächen sind die Erträge im Ökologischen Landbau bei vielen Kulturen nicht zufriedenstellend, zum Teil sogar rückläufig. Dr. Daniel Neuhoff vom Institut für Ökologischen Landbau der Universität Bonn erklärt, welche Kulturen besonders betroffen sind, wo die Gründe für die mangelhafte Ertragsentwicklung liegen und was Biobetriebe gegen rückläufige Erträge tun können.

Oekolandbau.de: Herr Dr. Neuhoff, die Erträge im Ökolandbau stagnieren seit vielen Jahren und sind zum Teil sogar rückläufig. Trifft das für alle Kulturen gleichermaßen zu?

Herr Dr. Neuhoff: Grundsätzlich verfolgt der Ökologische Landbau nicht vorrangig das Ziel einer permanenten Ertragssteigerung, entscheidend ist vor allem die Qualität. Dennoch ist es für die Wirtschaftlichkeit der Betriebe wichtig, dass die standortspezifisch möglichen Erträge weitgehend erzielt werden. Grundsätzlich wären stagnierende Erträge akzeptabel. Wir stellen aber fest, dass auf einigen ökologisch wirtschaftenden Betrieben die Erträge rückläufig sind. Das trifft zum Beispiel auf Getreidekulturen zu, deren Erträge vor allem durch einen Mangel an Stickstoff begrenzt sind. Sinkende Erträge beobachten wir auch bei Leguminosen, insbesondere bei Körnerleguminosen wie Erbsen, die oft auf Leguminosenmüdigkeit der Böden beruht. In Biogemüsekulturen, die meist mit zugekauften organischen Düngern angebaut werden, sind die Erträge dagegen relativ konstant.

Oekolandbau.de: Im konventionellen Bereich wurden lange Zeit Ertragszuwächse von jährlich ein bis zwei Prozent realisiert. Warum gelingt das nicht auch im Ökolandbau?

Herr Dr. Neuhoff: Der Ökologische Landbau verfolgt einen anderen Ansatz als der konventionelle Landbau. Ziel ist es hier, die natürliche Bodenfruchtbarkeit und die natürlichen Nährstoffkreisläufe systematisch und ressourcenschonend zur Erzeugung hoher Qualitäten zu nutzen. Da kein mineralischer Stickstoffdünger eingesetzt werden darf, fehlt ökologisch wirtschaftenden Betrieben das entscheidende Betriebsmittel für Ertragssteigerungen. Zudem gibt es für viele ertragsbegrenzende Faktoren wie Unkraut oder Pflanzenkrankheiten häufig keine Regulierungsmaßnahmen, die ähnlich hohe Wirkungsgrade wie chemisch-synthetische Mittel aufweisen.

Oekolandbau.de: Häufig wird im Ökolandbau der potentiell mögliche Ertrag nicht erreicht. Machen die Betriebe etwas falsch?

Herr Dr. Neuhoff: Man kann nicht sagen, dass Betriebe, deren Erträge unter dem standortspezifischen Potential liegen, grundsätzlich etwas falsch machen. Schließlich gibt es viele  Wechselwirkungen zwischen betrieblichem Management und zufälligen Einflussfaktoren wie etwa dem Wetter. Aber es gibt eine lange Liste von Anbaufehlern und suboptimalem Management, die ertragsmindernd wirken können. Neben dem verbreiteten relativen Stickstoffmangel, der nur bedingt behebbar ist, wurde in einer jüngeren Erhebung auch eine deutliche Abnahme der Pflanzen verfügbaren Phosphat-Gehalte auf vielen Standorten beobachtet. Auch negative Humus- und Nährstoffbilanzen können mittel- bis langfristig zu signifikanten Ertragsminderungen führen. Unausgeglichene Fruchtfolgen mit zu engen Anbauabständen oder eine unzureichende Regulierung von Unkräutern oder pilzlichen Schaderregern wie Gelbrost an Weizen wirken ebenfalls ertragsmindernd.

Oekolandbau.de: Welche Rolle spielt dabei die inzwischen weit verbreitete Trennung von Viehhaltung und Ackerbau auf vielen Biobetrieben?

Herr Dr. Neuhoff: Viele Studien haben gezeigt, dass die regelmäßige Anwendung von Stallmist ein Kernelement zur Sicherung der Bodenfruchtbarkeit ist, übrigens nicht nur im Ökolandbau. Betriebe ohne Stallmist können dessen positive Effekte auf die physikalischen, biologischen und chemischen Eigenschaften des Bodens kaum durch andere Maßnahmen wie Kompostgaben oder Gründüngung ersetzen. Hinzu kommt, dass in der Regel nur im Gemischtbetrieb eine wirtschaftlich vertretbare Nutzung von Feldfutter besteht. Futterleguminosen-Grasgemische sind jedoch entscheidend für ausgeglichene Stickstoff- und Humusbilanzen sowie zur Regulierung mehrjähriger Unkräuter. Ohne Feldfutterbau mit Leguminosen beschränkt sich der Stickstoffeintrag auf innerbetrieblich genutzte Körnerleguminosen und Zwischenfruchtleguminosen. Oder es müssen in erheblichen Umfang Nährstoffe zugekauft werden.

Oekolandbau.de: Die Spezialisierung folgt oft wirtschaftlichen Zwängen. Was können vor allem Acker- und Gemüsebaubetriebe tun, um den Wegfall von Wirtschaftsdüngern zu kompensieren?

Herr Dr. Neuhoff: Im Hinblick auf die Humusbilanz haben viehlose Betriebe ohne Feldfutterbau ein kaum lösbares Problem. Sie brauchen zumindest alternative Nutzungsoptionen. Das können Futter-Mistkooperationen sein, Biogaserzeugung, Mulchnutzung oder sogenannte Cut & Carry Systeme. Welche Methode die richtige ist, hängt von den jeweiligen Standortbedingungen eines Betriebs ab. In Bezug auf die gewünschte Maximierung der Stickstofffixierung, den Humusaufbau und die Unkrautregulierung gibt es große Unterschiede zwischen den Verfahren. So ist beispielsweise bei Mulchnutzung die Stickstofffixierung geringer als nach Schnittnutzung, da der Stickstoff aus der Mulchmasse nach Mineralisation wieder vom Neuaufwuchs aufgenommen wird. Unter bestimmten Bedingungen können die Humusbilanzen bei ausreichender Verfügbarkeit von Komposten im Verbund mit Stroh- und Gründüngung sowie reduzierter Bodenbearbeitung auch ohne Feldfutterbau ausgeglichen sein. Sofern Flächenausstattung und Wirtschaftlichkeit dies zulassen, empfiehlt sich auch in Feldgemüsefruchtfolgen die Integration von legumen Feldfutterbau. Zum Ausgleich der Humusbilanzen sind auch hochwertige Komposte wie zum Beispiel reife Stallmistkomposte sinnvoll.

Kleegras. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Futterleguminosen reichern größere Mengen Stickstoff im Boden an und sind deshalb ein wichtiger Faktor für die Ertragsstabilität im Ökologischen Landbau. Quelle: Jürgen Beckhoff, BLE

Oekolandbau.de: Sind Cut & Carry-Systeme eine empfehlenswerte Alternative?

Herr Dr. Neuhoff: Mit Cut & Carry versucht man, viehlosen Betrieben eine Nutzungsoption für Feldfutter wie Kleegras zu geben. Das Geberfeld mit Feldfutter profitiert von den positiven Effekten der Erntewurzelrückstände, während dem Nehmerfeld relativ schnell verfügbarer Stickstoff zugeführt wird. Dieses Verfahren gewinnt in der Praxis zunehmend an Bedeutung. Jüngere Untersuchungen haben gezeigt, dass zumindest auf leichten Standorten die Düngung mit Kleegrasmulch zu Gemüse ertragssteigernd wirken kann, wenn das Kohlenstoff/Stickstoff-Verhältnis hinreichend eng ist (weniger als 15), also junges Schnittgut verwendet wird. Klassische Mulcheffekte wie Unkrautunterdrückung oder die Reduzierung von Verdunstungsverlusten werden dagegen eher mit älterem Mulchmaterial erzielt.

Oekolandbau.de: Was können Landwirte tun, um mehr Stickstoff in ihre Fruchtfolge zu bringen?

Herr Dr. Neuhoff: Die Stickstoffzufuhr in ökologisch bewirtschaftete Ackerböden erfolgt vornehmlich direkt durch die Erntewurzelrückstände von Körner- und Futterleguminosen und indirekt durch Dünger wie Stallmist. Nachhaltige ökologische Fruchtfolgen zeichnen sich durch einen hinreichenden Leguminosenanteil von 25 bis 33 Prozent aus. Ziel sollte es sein, mit Leguminosen möglichst hohe Stickstofferträge durch eine optimale Stickstofffixierleistung zu erzielen. Gründüngungsleguminosen, die nicht in der Hauptvegetationszeit wachsen, tragen auf vielen Standorten nur bedingt zum Ausgleich der Stickstoffbilanzen bei. In jedem Fall ist auf eine angepasste standortspezifische Art- und Sortenwahl zu achten und auf eine ausreichende Versorgung des Bodens mit anderen Nährstoffen. Leguminosenerträge können insbesondere durch Phosphor-, Kalzium-, Schwefel- oder Molybdänmangel erheblich reduziert werden. Nitratausträge im Winter sind im Ökolandbau nicht nur aus Gründen des Wasserschutzes unbedingt zu vermeiden, sondern auch zur Sicherung der Produktivität dringend erforderlich.

Oekolandbau.de: Es wird oft beklagt, dass es bei vielen Kulturen an speziellen Züchtungen für die besonderen Ansprüche des Ökolandbaus mangelt. Sehen Sie hier einen Schlüssel für Ertragssteigerungen?

Herr Dr. Neuhoff: Wichtig ist, zwischen Ertragssteigerung und Ertragssicherung zu unterscheiden. Für die Sicherung von Erträgen spielt die standortspezifische Sortenwahl eine entscheidende Rolle. Eine auf den Ökologischen Landbau ausgerichtete Züchtung existiert derzeit nur im Getreide- und Gemüsebau. In beiden Bereichen stehen Ökosorten jedoch in Konkurrenz zu konventionellen Sorten. Wichtige agronomische Eigenschaften für die speziellen Bedingungen des Ökolandbaus sind ein hohes Stickstoff-Aneignungsvermögen, eine hohe Stickstoff-Verwertungseffizienz, Robustheit gegen abiotischen Stress, Resistenz gegen Schaderreger und hohe Unkrautkonkurrenzkraft. Das Anforderungsprofil unterscheidet sich also deutlich von dem konventioneller Sorten, was eine gesonderte ökologische Züchtung sinnvoll macht. Der Ökozüchtung sind in der Praxis jedoch oft wirtschaftliche Grenzen gesetzt.

Oekolandbau.de: Wie steht es um die Forschung, hat man das Thema Ertrag bei den einzelnen Projekten zu wenig im Blick? Wo gibt es noch Potentiale?

Herr Dr. Neuhoff: Aufgabe der Forschung ist es, sowohl kulturartenspezifisch als auch fruchtfolgetechnisch die ertragslimitierenden und -reduzierenden Faktoren zu identifizieren und darauf aufbauend ökologisch vertretbare Lösungsansätze zu entwickeln. Im Fall der Kartoffel wäre beispielsweise eine wirksame Regulierung der Krautfäule ein bedeutender Schritt zu höheren Erträgen und mehr Ertragssicherheit. Die technische Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm und eine optimierte Wasserversorgung durch Beregnung sind ebenfalls erfolgversprechende Ansätze. Für manche Gemüsebaukulturen ist eine Weiterentwicklung der mechanischen Unkrautregulierung dringend erforderlich. Der systembedingte Stickstoffmangel wird aber weiterhin bleiben, verschafft dem Ökologischen Landbau jedoch auch Vorteile. So schneidet der Ökolandbau bei der Grundwasserqualität und Artenvielfalt nicht zuletzt deswegen besser ab als die konventionelle Produktion, weil man auf mineralischen Stickstoff verzichtet.

Oekolandbau.de: Welches Ertragspotential trauen Sie dem Ökolandbau unter optimalen Rahmenbedingungen zu?

Herr Dr. Neuhoff: Letztlich bestimmt der durch Leguminosen fixierte Stickstoff im Betriebskreislauf den Ertrag der anderen Kulturen. Unter diesen Voraussetzungen liegen die Erträge der maßgeblichen Getreidekulturen bei ökologischem Anbau ohne Zukauf von Stickstoff etwa 40 Prozent niedriger als auf vergleichbaren konventionellen Standorten, insbesondere auf Hochertragsstandorten. Entscheidender als der Ertrag ist für die Wirtschaftlichkeit der Ökobetriebe aber die Erzeugung hoher Qualitäten, die zu angemessenen Preisen vermarktet werden können. Hier ist der Handel gefragt, dem jedoch häufig das landwirtschaftliche Grundverständnis fehlt. Langfristige Abnahmeverträge zu garantierten Preisen helfen der Ökolandwirtschaft mehr, als die Ertragsschraube mit nicht nachhaltigen Methoden nach oben zu drehen.

Letzte Aktualisierung: 13.06.2017