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Agroforstwirtschaft – traditionelle Systeme mit Zukunftspotential

Schafe in einer Obstplantage. Klick führt zur Großansicht im neuen Fenster.
Erfahrungen des Wilhelminenhofs zeigen, dass Schafe in der Apfelplantage die Probleme mit Schorfpilz, Apfelwickler-, Blattlaus- und Frostspannerschäden minimieren. Foto: Arche Wilhelminenhof

Wie der Begriff bereits vermuten lässt, werden bei der Agroforstwirtschaft Bäume und andere mehrjährige holzige Pflanzen auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche etabliert, um die positiven Wechselwirkungen zwischen beiden Komponenten zu nutzen. Dabei kann die Fläche unter den Bäumen entweder für garten- und ackerbauliche Kulturen (silvoarables System) oder als Weidefläche (silvopastorales System) genutzt werden. Ebenso ist eine Kombination aus beidem möglich. Ziel ist es, die Felder ökonomisch, ökologisch und auch landschaftsästhetisch aufzuwerten.

Was wie ein innovatives Konzept erscheint, stellt eine uralte Landnutzungsform dar, die bis ins 19. Jahrhundert auch in Deutschland beispielsweise in Form von Streuobstwiesen und Hutewäldern in großem Maßstab Anwendung fand. Erst durch die fortschreitende Rationalisierung und Intensivierung wurden Bäume als "Störfaktoren" angesehen und größtenteils von den Feldern entfernt.

Verbreitung und Forschung

In anderen Teilen der Welt, vor allem in den Tropen und Subtropen, hat die Agroforstwirtschaft eine erheblich größere Bedeutung als in Deutschland. In Europa haben beispielsweise in Spanien die agrosilvopastoral genutzten Flächen Tradition, auf denen Schweine unter Stein- und Korkeichen gehalten werden. In Frankreich haben die agroforstwirtschaftlich genutzten Flächen in den letzten zehn Jahren zugenommen. Dort beschäftigt sich auch die Forschung intensiv mit dem Thema.

In der Bundesrepublik finden vor allem die zur Energieholzgewinnung genutzten Kurzumtriebsplantagen (KUP) und im kleineren Maßstab die Wertholzproduktion Beachtung. Anders als die "klassischen" Energieholzplantagen sind KUP in einem Agroforstsystem in Streifenform auf Acker oder Grünland angelegt.

Pappeln und Ackerkulturen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
In Frankreich verbreitet: Ackerkulturen in Kombination mit Pappeln zur Wertholzproduktion. Foto: Nicki Haack

Die Universität Gießen möchte einen Schritt weitergehen und die Agroforstwirtschaft auf ihren Lehr- und Versuchsflächen integrieren. "Für unseren Lehr- und Versuchsbetrieb Gladbacherhof denken wir über angepasste Bodennutzung unter Verwendung von Agroforst und den Merkmalen von ökologischen Tier-Pflanzen-Systemen nach, um daraus resiliente Agrarsysteme zu entwickeln", so Andreas Gattinger, Professor für ökologischen Landbau.

Vorteile von Agroforst als Element der Regenerativen Landwirtschaft

Das Dürrejahr 2018 hat auch in Deutschland gezeigt, dass eine  Umorientierung in der Landwirtschaft hin zu zukunftsfähigen Modellen nötig ist. Lösungsansätze hierfür bietet das Konzept der "Regenerativen Landwirtschaft", welche sich im Kern am Verständnis und der Nachahmung natürlicher Prozesse orientiert. Als Vorbilder dienen unter anderem das Weideverhalten wildlebender pflanzenfressender Herden oder das Vorkommen mehrjähriger Pflanzen in Ökosystemen. Moderne Agroforstsysteme können beispielsweise die Bodenfruchtbarkeit, Wasserqualität, Biodiversität und das Mikroklima verbessern. Die Bodenfruchtbarkeit wird einerseits durch stärker geschlossene Nährstoffkreisläufe zwischen den Ackerkulturen und den Holzgewächsen erhöht. Andererseits wird durch Laubfall und abgestorbene Feinwurzeln sowie durch Wurzelausscheidungen vermehrt Kohlenstoff gespeichert, Humus angereichert und so die Bodenqualität langfristig gesteigert.

Zusätzlich können die Bäume durch Managementmaßnahmen zur Bildung tieferer Wurzeln (bis zu 35 Meter) erzogen werden und so als Wasser- und Nährstoffpumpe fungieren. Das Wurzelsystem nimmt außerdem überschüssiges Nitrat auf, wodurch ein Beitrag zum Grundwasserschutz geleistet wird.

Das am Standort herrschende Mikroklima kann sich positiv verändern, da die Bäume und Hecken sowohl vor Wind schützen als auch Schatten spenden. Das führt zu weniger Erosion und Austrocknung des Bodens und der Unterkultur.

Des Weiteren tragen Agroforstsysteme zur Steigerung der Biodiversität bei, da sie vielen verschiedenen Lebewesen einen Lebensraum bieten. Diese Vielfalt trägt zu einem stabilen, gesunden Gesamtsystem bei.

Höhere Flächenproduktivität bei besserer Standortanpassung

Zusätzlich zu den angeführten positiven Auswirkungen auf das Ökosystem können Agroforstsysteme auch ökonomische und soziale Vorteile mit sich bringen.

Im Vergleich zu Reinbeständen nutzen Anbauformen mit Pflanzen unterschiedlicher Wuchshöhen die Sonneneinstrahlung auf der Fläche umfassender aus. Es gibt eine größere photosynthetisch aktive Fläche, sodass mehr Biomasse gebildet werden kann. Bei den Versuchsflächen in Südfrankreich, auf denen einreihige Nussbaumstreifen mit Weizen kombiniert wurden, konnte beispielsweise auf 100 Hektar Agroforstfläche ein Ertrag erwirtschaftet werden, für den vergleichsweise 140 Hektar in Reinbeständen nötig gewesen wären. Dabei nahmen die Bäume lediglich fünf Prozent der Fläche ein.

Mais und Walnussbäume. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Maispflanzen unter Walnussbäumen in den USA. Foto: National Agroforestry Center, Corn and walnuts (26245603811), CC BY 2.0)

Es gibt vielfältige Anpassungsmöglichkeiten dieser Art der Landnutzungsform an die Ansprüche der Landwirtinnen und Landwirte, aber auch an die Gegebenheiten des jeweiligen Standortes.

Die Pflege der Dauerkulturen findet vorrangig in den Wintermonaten statt und steht damit in geringer Konkurrenz zum Arbeitszeitbedarf anderer landwirtschaftlicher Tätigkeiten.

Konkurrenz, Kapitalbindung und politischer Rahmen

Neben diesen vielfältigen positiven Aspekten gibt es aber auch beachtenswerte Nachteile. So kann es auf der Fläche zu einer höheren Konkurrenz um Licht, Nährstoffe und Wasser zwischen den verschiedenen Kulturen kommen. Dies kann das Pflanzenwachstum negativ beeinflussen. Um dem vorzubeugen, bedarf es für Agroforstsysteme einer intensiven, langfristigen Planung und eines anspruchsvollen Managements.

Bisher gibt es in Deutschland noch keine Fördergelder für die Agroforstwirtschaft. Zwar gibt es seit 2005 in der EU im Rahmen der ELER-Verordnung die Möglichkeit einer Förderung, diese wurde in Deutschland jedoch noch nicht in nationales Recht umgewandelt. Zudem besitzt Agroforst keinen eigenen Code im Agrarförderantrag, wodurch keine EU-Subventionen beantragt werden können.

Aus ökonomischer Sicht erscheint eine Umstellung auf Agroforstsysteme daher bisher wenig lukrativ, da durch langfristige Kapital- und Flächenbindung sowie wenig Aussicht auf Förderung zunächst viel Zeit und Geld investiert werden muss. Besonders in der Wertholzproduktion zahlen sich diese Investitionen erst nach bis zu 60 Jahren wieder aus. Dabei bleibt der Rückfluss der Finanzmittel in Höhe und Zeitpunkt nur schwer kalkulierbar.

Moderne, leistungsfähige und ökologische Landwirtschaft

Der Freisinger Biolandbauer Josef Braun ist überzeugt, dass es sich lohnt, diese "künstliche Trennung von Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau, die wir Menschen vollzogen haben, zu überwinden und vernetzte Systeme zu entwickeln". Er pflanzt selbst auf seinen Weiden und Äckern Bäume an und versucht damit, "den Wald auf den Acker zu holen“. Seiner Meinung nach kann mit diesem uralten und traditionellen System eine moderne, leistungsfähige und ökologische Landwirtschaft betrieben werden.


Letzte Aktualisierung: 06.12.2018