Erzeuger


Regenerativer Ackerbau

Was bedeutet "Regenerative Landwirtschaft"?

Landwirtschaft ist regenerativ, wenn Böden, Wasserkreisläufe, Vegetation und Produktivität kontinuierlich besser werden, statt nur gleich zu bleiben oder langsam schlechter zu werden (Christine Jones).

Dabei sollen auch Vielfalt, Qualität, Vitalität und Gesundheit von Boden, Pflanzen, Tieren, Menschen und Betriebe gemeinsam zunehmen und der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und zugekauften Düngemitteln weitgehend oder ganz reduziert werden.

Eine Vielzahl von Pionieren, Initiativen und Bäuerinnen und Bauern leben dafür, diese hohen Ziele in die Tat umzusetzen. Die Zahl der Ansätze, wie regenerative Landwirtschaft verstanden und umgesetzt wird, ist groß.

Regenerativer Ackerbau ist neben anderen Teilbereichen wie beispielsweise Agroforst und ganzheitlich geplantem Weidemanagement ein Baustein Regenerativer Landwirtschaft.

Nach aktuellen Schätzungen werden in Deutschland derzeit etwa 50.000 Hektar nach den Prinzipien des Regenerativen Ackerbaus bewirtschaftet. Positive Effekte bestätigen vor allem bisher die Praktikerinnen und Praktiker und die Entwicklerinnen und Entwickler des Systems. Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien zur Wirkung von Teilbereichen der Regenerativen Landwirtschaft gibt es aus Australien (Christine Jones) und den USA (Rodale Institut).

Regenerativer Ackerbau nach Friedrich Wenz, Dietmar Näser und Dr. Ingrid Hörner

Aus der Vielfalt von Pionieren, Initiativen und Landwirtinnen und Landwirten, die regenerativ arbeiten, stellen wir im Folgenden einen der erfolgreichsten Ansätze vor: Die Methode von Wenz, Näser und Hörner. Friedrich Wenz, Dietmar Näser und Ingrid Hörner bieten ein umfangreiche Kursangebot zum regenerativen Ackerbau an. Mit Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Dänemark haben sie inzwischen ein sehr aktives Netzwerk zur regenerativen Landwirtschaft aufgebaut.

Friedrich Wenz ist seit über 20 Jahren Demeter-Landwirt. Schon sein Vater Manfred hat sich in seiner landwirtschaftlichen Arbeit ganz dem Humusaufbau und der Förderung des Bodenlebens verschrieben: Der Betrieb arbeitet seit 1955 viehlos und seit über 45 Jahre pfluglos. In verschiedenen Ländern der Welt sammelte Manfred Wenz Ideen und Anregungen.

Dietmar Näser ist seit fast 20 Jahren im Bereich der Pflanzenbauberatung und der Regenerativen Landwirtschaft selbstständig. Seine Eltern hatten eine Zierpflanzengärtnerei in Brandenburg, so dass auch sein Lebensweg von Beginn an vom Umgang mit Pflanzen und Bodenfruchtbarkeit geprägt war. Die Erfahrungen seiner Beratungstätigkeit zeigten dem Agraringenieur, dass Prozesse des Pflanzenbaus immer ganzheitlich zu betrachten sind.

Ingrid Hörner bewirtschaftet mir ihrem Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb. Über viele Jahre hat sie sich intensiv mit der Rekultivierung von landwirtschaftlichen Flächen nach baulichen Eingriffen beschäftigt. Intensive Recherchen führten zu erstaunlich praxisnahen und meist kostengünstigen Lösungen, abseits bekannter landwirtschaftlicher Methoden.

Förderung des Bodenlebens als Hauptziel

Den Kern des Regenerativen Ackerbaus bilden Maßnahmen zur Aktivierung und Stärkung des Bodenlebens und der Humusanreicherung. Ein wichtiger Aspekt dabei ist eine möglichst ganzjährige Begrünung des Ackers, die vor allem über Untersaaten in Hauptfrüchten wie Getreide, Mais oder Raps sichergestellt wird. Auch intensiver Zwischenfruchtanbau gilt als wichtiges Werkzeug um die Bodenbedeckung zu verlängern. Die von Näser und Wenz empfohlenen Untersaaten bestehen aus vielfältigen Mischungen von Gräsern, Körnerleguminosen und Kreuzblütlern.

Untersaat in Mais. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Untersaaten in Hauptkulturen wie Mais spielen eine wichtige Rolle im Konzept der Regenerativen Landwirtschaft. Foto: Jürgen Beckhoff, BÖLN

Untersaaten und Zwischenfrüchte sind für Dietmar Näser deshalb so entscheidend, weil ein durchgehender Aufwuchs den Boden auch nach der Ernte schützt und die intensive Sonneneinstrahlung im Sommer optimal ausgenutzt wird. Im Gegensatz zu einer länger brachliegenden Getreide- oder Rapsstoppel bilden Zwischenfrüchte nämlich zusätzliche energiereiche Stoffe (Wurzelexsudate), die Bodenorganismen als Nahrung dienen. Jene Mikroorganismen tragen mithilfe der Exsudate zur Dauerhumusbildung bei (Liquid Carbon Pathway). Näser rät auch dazu, eine organische Düngung in den Zwischenfrüchten vorzunehmen. Dadurch könne man auf die übliche Einarbeitung verzichten und die enthaltenen Nährstoffe würden optimal ausgenutzt.

Aufwuchs muss sorgfältig eingearbeitet werden

Um die im Aufwuchs enthaltenen Zucker und Proteine den Bakterien und Pilzen im Boden zugänglich zu machen, werden die Zwischenfrüchte möglichst flach eingearbeitet. Dass lebendes Pflanzenmaterial und nicht nur Stoppeln eingearbeitet werden, ist für Näser essenziell. So sind die enthaltenen Zucker- und Eiweißverbindungen für die Bodenmikroben direkt verfügbar.

Die Grünmasse optimal einzuarbeiten, ist jedoch relativ anspruchsvoll und erfordert viel Erfahrung. Grundsätzlich kommen dafür Schälpflug oder Rollspatenegge in Frage. Näser empfiehlt jedoch eine Fräse, die bei entsprechender Einstellung die gewünschte flache Einarbeitung ermöglicht.

Fermente sollen Abbauprozesse beschleunigen

Zum System des Regenerativen Ackerbaus gehört auch der Einsatz von Pflanzenfermenten, sogenannten Rottelenkern. Dabei handelt es sich um einen vergorenen Sud aus Acker- und Gartenkräutern sowie den Triebspitzen verschiedener Sträucher. Die Fermente werden beim Einarbeiten der Zwischenfrucht mit einer angebauten Spritze ausgebracht, anfangs bis zu einer Menge von 100 Litern pro Hektar. Sinn der Fermente ist es, die Abbauprozesse der Pflanzenteile zu beschleunigen und das Bodenleben weiter anzukurbeln.

Kompost. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Mit Komposttee soll das Bodenleben besonders effektiv gesteigert werden.
Foto: Jürgen Beckhoff, BÖLN

Weiteres zentrales Betriebsmittel des Systems ist Komposttee, der hergestellt wird aus einer geringen Menge Kompostmaterial, dessen Mikroorganismen in warmer Melasse und Wasser stark vermehrt werden. Komposttee wird nach Bedarf mit (Mikro-) Nährstoffen angereichert und stark verdünnt auf Boden oder Blätter ausgebracht.  Insgesamt eine sehr niedrige Dosierung - eher Impuls als Düngung. 

Laut Näser führt man dem Boden dadurch zusätzliche Mikroorganismen zu und erzielt so besonders deutliche Effekte bei der Förderung des Bodenlebens.

Nährstoffe im optimalen Gleichgewicht

Die Düngung zielt beim Regenerativen Ackerbau darauf ab, Gleichgewichte beziehungsweise optimale Verhältnisse zwischen den Nährstoffen herzustellen, etwa zwischen Kalzium, Magnesium und Kalium. Die sogenannten Mikronährstoffe wie Bor oder Zink sind laut Näser genauso wichtig für ein ausgewogenes Bodenleben wie die Hauptnährstoffe. Um die Verhältnisse im Blick zu behalten, sind regelmäßige Bodenproben unerlässlich, die alle diese Elemente erfassen (zum Beispiel nach Albrecht/Kinsey). 

Die Bedarfsdüngung orientiert sich dagegen an Pflanzenanalysen: Über den Zuckergehalt des Blattsaftes lässt sich die Photosynthese-Aktivität der Pflanzen messen. Liegt die zu niedrig, erfolgen auf mehreren Probeflächen Blattspritzungen mit verschiedenen Mischungen (meist Komposttee mit ausgewählten Nährstoffen). Die Pflanzen reagieren innerhalb weniger Stunden mit gesteigerter Photosynthese. Das Präparat mit der besten Wirkung wird durch einen weiteren Blattsafttest bestimmt und dann zur Vitalisierung auf der ganzen Fläche angewandt. Diese neuen gezielten Praktiken zur Vitalisierung hat Ingrid Hörner in das Verfahren von Wenz und Näser eingebracht.

Nach Näsers Erfahrung lässt sich der Düngeraufwand durch das System nachweislich verringern. Grundsätzlich seien die benötigten Nährstoffe im Boden vorhanden und würden durch das angeregte Bodenleben immer besser und schneller pflanzenverfügbar gemacht. Auch in Bezug auf Beikräuter würden sich deutliche Vorteile ergeben. Denn das starke Bodenleben unterdrücke die Keimung von Beikräutern, genauso wie der angestrebte durchgehende Pflanzenaufwuchs auf dem Acker.

Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz möglich

Laut Näser können konventionelle Betriebe, die das System anwenden, nach einer etwa vierjährigen Übergangszeit komplett auf chemischen Pflanzenschutz verzichten. Das gilt auch für die Bekämpfung von Krankheiten und Schaderregern. Denn durch den verbesserten Humusgehalt, die optimalen Bodenverhältnisse und die Präparate zur Vitalisierung würden die Pflanzen so vital, dass kein zusätzlicher Pflanzenschutz mehr erforderlich sei.

Ein ausgewogenes Bodenleben ist laut Näser bei einem Humusanteil von etwa fünf Prozent erreicht, von dem etwa die Hälfte sogenannter aktiver Humus sein sollte. Bei richtiger Umsetzung der Maßnahmen könne man mit jeder Vegetationsperiode sichtbare Fortschritte erzielen, unter anderem einen nachweisbaren Anstieg des Humusgehaltes.

Fazit

Regenerativer Ackerbau ist neben anderen Teilbereichen der Regenerativen Landwirtschaft wie beispielsweise Agroforst und ganzheitlich geplanten Weidemanagement ein Baustein einer zukunftsfähigen Landwirtschaft. Als solcher bündelt er überwiegend bekannte Maßnahmen zum Humusaufbau beziehungsweise zur Verbesserung des Bodenlebens und wendet diese sehr konsequent an.

Die Analyse der Mikronährstoffe wurde wieder aufgegriffen, weiterentwickelt wurden Blattsaft-Messungen und die Vitalisierung mit Präparaten.

Verschiedene konventionelle und ökologische Betriebe haben damit bisher weitgehend positive Erfahrungen gemacht. Dabei ist die Umsetzung einzelner Maßnahmen, etwa Untersaaten bei verschiedenen Hauptkulturen, anspruchsvoll und erfordert viel Erfahrung. Die vorgesehene Übergangszeit von vier Jahren erscheint deshalb etwas optimistisch. Da das System erst seit knapp fünf Jahren praktiziert wird, gibt es noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen für mitteleuropäische Bedingungen, die die positiven Effekte bestätigen. Die Firma CarboCert hat aber bereits mit der professionellen Dokumentation und Zertifizierung des Humusaufbaus begonnen. Interessierte im Bereich Ackerbau können sich auf Bodenkursen und Workshops des Entwicklerteams einen eigenen Eindruck von den Grundlagen dieses Pflanzenbausystems verschaffen. Die Jahreskurse für Landwirtinnen und Landwirte verbinden dabei ganz praktische Anleitungen auf den Betrieben mit dem Praxisaustausch unter Kolleginnen und Kollegen.


Letzte Aktualisierung: 08.08.2018