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Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration

Ferkel saugt an Muttersau. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Ab 2021 soll die Kastration von Ferkel in Deutschland nur noch mit Betäubung und Schmerzmittelgabe erlaubt sein. Foto: BLE

Ebergeruch tritt bei fünf bis zehn Prozent der Eber nach der Geschlechtsreife auf und wird von den meisten Menschen als unangenehm empfunden. Um diesen Geruch im Fleisch zu vermeiden, werden männliche Mastferkel in Deutschland kastriert, meist ohne Betäubung. Ab 2021 soll die Kastration von Ferkeln in Deutschland daher nur noch mit Betäubung und Schmerzmittelgabe erlaubt sein. Ursprünglich war der Ausstieg für Ende 2018 geplant. Die Bundesregierung hat sich jedoch für eine Verschiebung der Frist um zwei Jahre entschieden, weil aus ihrer Sicht die verfügbaren Alternativen zur betäubungslosen Kastration den Anforderungen der Praxis derzeit noch nicht gerecht werden. In anderen Ländern Europas wie der Schweiz oder Norwegen ist die betäubungslose Kastration bereits seit einigen Jahren verboten.

Auch in der ökologischen Schweinehaltung darf bislang ohne Betäubung kastriert werden. Eine Ausnahme bilden Bioland-Betriebe, für die eine Betäubung seit 2011 verpflichtend ist. Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau schreiben seit 2012 zwar vor, dass nicht mehr "ohne Betäubung und/oder Verabreichung von Schmerzmitteln kastriert werden" darf. Im Klartext heißt das jedoch nur, dass ein Schmerzmittel verabreicht werden muss. Eine Betäubung der Ferkel ist nicht explizit gefordert. Die Biobranche ist sich einig, dass diese Regelung den Ansprüchen an eine tiergerechte, ökologische Haltung nicht gerecht wird und prüft daher seit einigen Jahren, wie sich alternative Kastrationsverfahren in den ökologischen Produktionsprozess integrieren lassen.

Was kommt infrage?

Es gibt verschiedene Alternativen zur betäubungslosen Kastration, die für den Ökolandbau infrage kommen. Die wichtigsten sind in der Tabelle unten erläutert. "Einige Verfahren, wie die Betäubung durch Injektion oder Gas werden bereits schon freiwillig in vielen Biobetrieben eingesetzt", erklärt Christian Wucherpfennig, Ökoberater von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Methoden wie die Impfung gegen Ebergeruch (Immunokastration) und die Ebermast sind dagegen noch nicht so stark in der Praxis verankert und werden gerade auf ihre Eignung unter ökologischen Bedingungen geprüft.

Alternativen im Überblick

MethodeBeurteilungKosten pro Ferkel

Injektionsnarkose:

Narkose- und Schmerzmittel werden in die Muskeln injiziert.

  • wirksame Schmerzausschaltung
  • lange Narkosedauer (um Ferkel vor Auskühlung und Erdrückung zu schützen, müssen sie nach der Kastration in beheiztes Ferkelnest gelegt werden)
  • Narkosetiefe teilweise schlecht steuerbar
  • Verluste durch Narkosezwischenfälle möglich
  • muss vom Tierarzt durchgeführt werden
3,00 bis 3,50 Euro

Inhalationsnarkose:

Ferkel werden mit dem Narkosegas Isofluran in einem Narkosegerät betäubt. Zusätzlich wird ein Schmerzmittel injiziert.

  • wirksame Schmerzausschaltung
  • Narkosetiefe gut steuerbar
  • kurze Nachschlafphase (Auskühlen der Ferkel ist daher nicht zu befürchten)
  • hoher apparativer Aufwand
  • muss vom Tierarzt durchgeführt werden
4,40 – 5,00 €

Impfung gegen Ebergeruch (Immunokastration mit Improvac®):

Den Tieren wird ein Impfstoff verabreicht. Die dadurch im Tier erzeugten Antikörper unterdrücken die Produktion von Geschlechtshormonen. Eine chirurgische Kastration ist daher nicht nötig.

  • kein chirurgischer Eingriff nötig
  • Versuche zeigen, dass durch die Methode die Futterverwertung verbessert und die Tageszunahmen erhöht werden können
  • bisher noch wenig Absatzwege
  • wird eventuell nicht vom Verbraucher akzeptiert
  • bei Bioland ist die Immunokastration nicht zulässig
4,00 – 6,00 Euro *

Ebermast:

Es wird auf die Kastration der männlichen Ferkel verzichtet. Dafür sind spezielle Haltungsanforderungen zu beachten.

  • kein chirurgischer Eingriff nötig
  • Eber haben eine bessere Futterverwertung
  • höhere Magerfleischanteile
  • Geruchsbelastung bei 5 - 10 % der Eber
  • geruchsauffällige Tiere müssen über Kontrollen am Schlachtband erfasst werden
  • aggressives Verhalten in der Gruppe ist möglich
  • hohe Verbraucherakzeptanz
Keine

* Laut der Firma Zoetis, Hersteller von Improvac®, sind pro Impfung etwa zwei Euro anzusetzen. In Betrieben, die getrenntgeschlechtlich aufstallen, sind zwei Impfungen pro Schwein ausreichend. In Betrieben, in denen männliche und weibliche Tiere gemeinsam aufgestallt werden, wird meist eine dritte Imfpung empfohlen, um Trächtigkeiten sicher auszuschließen.

Quellen: Kosten für Injektions- und Inhalationsnarkose aus Merkblatt Ferkelkastration, Bioland, 2017; Kosten für Immunokastration: Zoetis Deutschland GmbH

Welches Verfahren eignet sich am besten für die Öko-Praxis?

Würde man das Verfahren nur aus Sicht des Tierschutzes bewerten, müsste man der Ebermast oder der Immunokastration den Vorzug geben. Denn bei diesen Verfahren wird auf den schmerzhaften chirurgischen Eingriff komplett verzichtet. Doch auch die beiden Vollnarkoseverfahren sorgen wirksam dafür, dass die Ferkel keine Schmerzen erleiden müssen.

"Die Schmerzausschaltung ist jedoch nur ein Aspekt, das Verfahren muss auch praktikabel sein", sagt Wucherpfennig. So komme für Betriebe, die Ferkel in Hütten halten, eine Betäubung per Injektion zum Beispiel nicht infrage, da aufgrund der lang anhaltenden Narkosedauer ein Auskühlen der Ferkel zu befürchten wäre. Nicht unerheblich sind auch die Kosten, die das Verfahren mit sich bringt. Hier ist laut Bioland die Betäubung durch Injektion derzeit am günstigsten. Teurer ist die Betäubung mit Gas und die Immunokastration. Bei der Ebermast lassen sich die Mehrkosten schwer beziffern. Durch die Auslese geruchsauffälliger Tiere am Schlachtband entstehen aber Verluste, die auf die Gesamterzeugungskosten umgelegt werden müssen. Das kann für kleinere Betriebe zu einem Ausschlusskriterium werden.

Anbauverbände noch uneinig

Die ökologischen Anbauverbände sind sich teilweise uneinig darüber, welches Verfahren das geeignete ist. Laut Wucherpfennig favorisiert Naturland die Immunokastration und erprobt dieses Verfahren schon seit einiger Zeit auf seinen Betrieben. Bioland steht der Immunokastration hingegen eher kritisch gegenüber und setzt überwiegend auf die Kastration mit Betäubung. Gäa spricht sich mittelfristig für die Etablierung der Ebermast aus. „Alle Methoden haben ihre Vor- und Nachteile", weiß Wucherpfennig aus der Praxis. "Je nach Situation und Betrieb eignet sich mal die eine, mal die andere." Der Ökoberater sieht daher keine unbedingte Notwendigkeit für ein einheitliches Vorgehen in der Branche.

Und was sagen die Verbraucherinnen und Verbraucher?

Schließlich muss man bei der Diskussion über das "richtige" Verfahren auch den Konsumentinnen und Konsumenten im Blick haben. Die Uni Kassel untersuchte in einer Studie die Auswirkungen alternativer Kastrationsverfahren auf die Verbraucherakzeptanz. Die Ergebnisse zeigen: Für Verbraucherinnen und Verbraucher stellt sowohl die Kastration mit Betäubung und Schmerznachbehandlung als auch die Ebermast eine geeignete Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration in der ökologischen Schweinehaltung dar. Die Immunokastration wurde zwar als besonders tierfreundlich eingestuft, passt laut der befragten Verbraucher aber nicht gut zum Öko-Image. Außerdem gab es starke Bedenken wegen möglicher negativer Auswirkungen von (Hormon-) Rückständen.

Anforderungen frühzeitig mit Marktpartner abklären

Bis das neue Tierschutzgesetz greift, bleiben der Branche noch zwei weitere Jahre. Einige Handelsketten verkaufen bereits seit 2017 kein Fleisch mehr von betäubungslos kastrierten Schweinen, andere haben vor, ähnliche Wege einzuschlagen. Das Aktionsbündnis der Bioschweinehalter Deutschland empfiehlt daher seinen Mitgliedern, frühzeitig mit den Marktpartnern abzuklären, welche Anforderungen in naher Zukunft an die männlichen Mastschweine gestellt werden.


Letzte Aktualisierung: 08.10.2018