Gesetzliche Grundlagen

Interview mit Peter Röhrig zu den Änderungen der EU-Öko-Verordnung in der Bio-Tierhaltung

Anfang März 2020 hat der Regelungsausschuss der EU-Mitgliedsstaaten neue Regeln für die Bio-Tierhaltung beschlossen, die mit der Veröffentlichung im EU-Amtsblatt rechtskräftig sind. Die Änderungen ergänzen die neue Öko-Basis-Verordnung aus dem Jahr 2018. Peter Röhrig ist Geschäftsführer des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Der BÖLW vertritt die Interessen landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel in Deutschland.

Oekolandbau.de: Herr Röhrig, die geplanten Änderungen der EU-Öko-Verordnung, die zum 1.1.2021 in Kraft tritt, liegen jetzt für den Bereich Tierhaltung vor. Sind alle Änderungen schon rechtsgültig oder kann es im Laufe des Jahres noch Anpassungen geben?

Röhrig: Für den Bereich der Tierhaltung haben wir jetzt Klarheit. Das Öko-Basisrecht wurde Mitte 2018 beschlossen, die ergänzenden Spezialregeln für die Öko-Tierhaltung Anfang März 2020. Mit der Veröffentlichung im Amtsblatt der Europäischen Union sind sie rechtskräftig. In den nächsten Monaten werden weitere Spezialregelungen erlassen, zum Beispiel für den Öko-Pflanzenbau oder die Bio-Kontrolle.

Oekolandbau.de:Gehen die neuen Gesetze Ihrer Meinung nach grundsätzlich in die richtige Richtung? Was verbessert sich für die Betriebe?

Röhrig: Entscheidend ist, dass eine artgerechte Tierhaltung weiterhin zentral und Bio mit großem Abstand der höchste gesetzliche Standard bleibt. Mit den neuen Regeln wird für mehr Einheitlichkeit in Europa gesorgt. Viele bewährte Regelungen bleiben unverändert, wie zum Beispiel die Flächenvorgaben für Bio-Sauen und -Rinder. Zudem haben tierhaltende Bio- und Umstellungser-Betriebe mit der vorliegenden Regelung jetzt Planungssicherheit für ihre Investitionsentscheidungen und können konkret einschätzen, ob und welche Anpassungen vorgenommen werden müssen, etwa bei Haltungssystemen, Stall und Auslauf.

Oekolandbau.de: In welchen Bereichen gibt es die größten Veränderungen?

Röhrig: Ganz klar im Bereich der Geflügelhaltung. Hier sind wir auch nicht mit allen Anpassungen glücklich. So gibt es erstmals in der EU-Öko-Verordnung Vorgaben für Junghennen, Bruderhähne und Elterntiere. Das begrüßen wir grundsätzlich, weil ja der Bedarf einfach da war. Bisher konnten Betriebe in Deutschland bei Junghennen und Elterntieren zwischen dem geschützten Auslauf und dem Grünauslauf wählen. Jetzt wird ein Grünauslauf vorgeschrieben. Das erscheint uns nicht sinnvoll, weil es sich in der Praxis bewährt hat, die empfindlichen Tiere bei ungünstiger Witterung im Stall halten zu können und so eine Gesundheitsvorsorge zu treffen.

Nicht nachvollziehen können wir, warum Bruderhähne nur einen Quadratmeter Mindestauslauffläche erhalten sollen, Bio-Masthähnchen aber vier Quadratmeter. Eine einheitliche Mindestfläche wäre logisch. Denn mit den Masthähnchen und auch mit den Bruderhähnen wird ja am Ende Hähnchenfleisch erzeugt.

Oekolandbau.de: Welche Änderungen werden sich konkret auf den Neu- oder Umbau von Ställen auswirken?

Röhrig: Auch hier betreffen die meisten Änderungen die Geflügelhaltung. So wird zum Beispiel bei Legehennen die Zahl der möglichen erhöhten Ebenen, die es in den Ställen zusätzlich zum Boden geben darf, auf zwei festgelegt. Für Neubauten gilt das ab 2021. Bestehende Ställe mit drei Ebenen müssen in einer Übergangsfrist von acht Jahren angepasst werden. Zu Veränderungen kommt es auch beim Wintergarten. Hier sollten sich die Tierhalter mit ihrem Berater kurzschließen, um eventuell notwendige Anpassungen abschätzen zu können.

Die EU-Kommission erkennt außerdem an, dass die bisherige Verordnung nicht alle neuen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen für innovative Haltungssysteme ausreichend berücksichtigt. Das gilt zum Beispiel für innovative Haltungssysteme für Schweine oder Rinder, die sich als besonders tiergerecht erwiesen haben, bei denen aber Funktionsbereiche nicht mehr klar dem Stall oder Auslauf zuzuordnen sind. Wie dies in der Verordnung besser berücksichtigt werden kann, soll im Laufe des Jahres 2021 beraten werden. Dafür fehlt der Kommission aktuell die Zeit.

Kurz gefasst

Oekolandbau.de: Erstmals legt die neue Verordnung auch konkrete Auslaufdistanzen für Geflügel fest, die bei 350 Meter liegen wird. Diese Distanz ist in Deutschland üblich, sodass die Betriebe gut darauf vorbereitet sind. Warum sehen Sie diesen Punkt kritisch?

Röhrig: Wir hätten uns eine Festschreibung der Distanz auf 150 Meter gewünscht, weil das eher dem Verhalten von Geflügel entspricht. Legehennen und Hähnchen halten sich überwiegend in der näheren Umgebung des Stalls auf. Eine Auslaufdistanz von 150 Metern hätte zu einer besseren Ausnutzung des Auslaufs geführt. Das schont die Böden im stallnahen Bereich. Außerdem hätte das auch die Stallgrößen begrenzt.

Oekolandbau.de: Wie gut sind die Betriebe darauf vorbereitet, dass ab 2021 mindestens 60 Prozent des Futters für Rinder und 30 Prozent des Schweinefutters vom eigenen Betrieb beziehungsweise aus der Region stammen müssen?

Röhrig: Für die Verbandsbetriebe ist das ohnehin kein Problem. Für die Bio-Betriebe, die nach dem EU-Standard arbeiten, ist das aus unserer Sicht auch der richtige Weg. Denn es stärkt die Glaubwürdigkeit der Ökologischen Landwirtschaft bei den Menschen und trägt dazu bei, die Importe von Bio-Futtermitteln niedrig zu halten. Einziger Haken bei der Sache ist die fehlende Definition des Begriffs "regional" durch die EU-Kommission. Während in Deutschland Futtermittel aus dem Bundesland des Betriebs und den angrenzenden Bundesländern als regional erzeugte Ware gelten, interpretieren andere EU-Staaten ganz Europa als "Region". Das ist eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der deutschen Öko-Bauern.

Oekolandbau.de: Ab 2035 müssen nach der neuen EU-Öko-Verordnung alle Tiere aus Öko-Aufzucht stammen. Ist das realistisch?

Röhrig: Ich denke, wir sind hier in Deutschland auf einem guten Weg bei Rindern, Schweinen und Geflügel. Bei Puten wird es noch größere Anstrengungen brauchen. Aber es gibt auch Bereiche, da wird es wichtig bleiben, auch auf Tiere zurückzugreifen, die nicht aus Bio-Aufzucht stammen. Ich denke da beispielsweise an seltene Rinder- und Geflügelrassen, wo es darum geht, die Artenvielfalt zu erhalten. Schon jetzt steht fest, dass es im Jahr 2028 einen Zwischenbericht zu dieser Vorgabe geben wird. Darin sollen Fortschritte und Probleme bei der Erreichung dieses Ziels zusammengefasst werden. Auf Basis des Berichts kann man die Verordnung dann weiter anpassen.


Letzte Aktualisierung 03.04.2020

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