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Interview zum Thema Ökolandbau und Klimawandel mit Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen

Porträt von Prof. Dr. Hülsbergen
Prof. Dr. Kurt Jürgen Hülsbergen vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der Technischen Universität München. Foto: Technische Universität München

Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der Technischen Universität München leitet seit 2009 mehrere Forschungsprojekte zu Klimawirkungen ökologischer und konventioneller Betriebe sowie zu Treibhausgas-Minderungs- und Optimierungsstrategien. Dafür werden umfassende Daten auf je 40 konventionellen und ökologischen Betrieben erfasst und ausgewertet.

Oekolandbau.de: 2018 war eines der heißesten und trockensten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Haben Sie über die Pilotbetriebe ihrer Klimastudie einen Überblick, wie groß die durchschnittlichen Ertragseinbußen bei Ökobetrieben sind?

Prof. Dr. Hülsbergen: Es gibt noch keine Auswertung für das laufende Jahr, auch weil noch nicht alle Erträge aller Fruchtarten vorliegen. Für die Fragestellung im Projekt ist nicht nur die Analyse der Erträge auf Ebene der einzelnen Kultur wichtig, sondern die Analyse der Ertragsleistungen vollständiger Fruchtfolgen. Aber durch den engen Kontakt zu unseren wichtigsten Projektpartnern, den Landwirtinnen und Landwirten, wissen wir, dass es auch auf unseren ökologischen Pilotbetrieben zum Teil massive Ertragseinbußen gab. Bei extremer, langanhaltender Trockenheit auf sandigen Böden kam es auch zu Totalausfällen. Allerdings gab es sehr große regionale Unterschiede. Je nach Niederschlagsverteilung erzielten einige Betriebe auch annähernd durchschnittliche Erträge.

Oekolandbau.de: Trifft die Hitze und vor allem die Trockenheit konventionelle und Biobetriebe gleichermaßen stark, oder gibt es Unterschiede im Ausmaß der Einbußen?

Prof. Dr. Hülsbergen: Auf den 40 konventionellen Betrieben in unserem Netzwerk sind die Auswertungen des extremen Sommers ähnlich wie auf den ökologischen Betrieben. Entscheidender waren in diesem Jahr die großen regionalen, teilweise auch kleinräumigen Unterschiede, die sich je nach Niederschlagsverteilung stärker auf die Erträge ausgewirkt haben als die Effekte der Bewirtschaftungsform.

Oekolandbau.de: Heiße, trockene Sommer mit langen Dürreperioden wird es nach Ansicht von Klimaforscherinnen und -forschern zukünftig häufiger geben. Ist der Ökolandbau im Ackerbau dafür gut gerüstet im Vergleich zum konventionellen Anbausystem?

Prof. Dr. Hülsbergen: Auf den ökologischen Betrieben mit weiten Fruchtfolgen und hohen Kleegrasanteilen, gibt es nachweislich einen Humusaufbau. Das ist ein wichtiger Faktor, denn Humus erhöht die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Hohe Humusgehalte tragen dazu bei, den Pflanzen in längeren Dürrephasen einige Millimeter Wasser mehr zur Verfügung stehen als auf vergleichbaren Böden mit Humusabbau, den wir vor allem auf konventionellen Marktfruchtbetrieben beobachten. Wichtig ist auch ein gutes Bodengefüge mit ausreichender Porung. Dadurch wird mehr Wasser bei Starkniederschlagen aufgenommen und fließt nicht ungenutzt oberirdisch ab. Weiteres Plus des Ökolandbaus ist seine Vielseitigkeit. Ökologische Betriebe haben oftmals deutlich vielfältigere Fruchtfolgen und Betriebsstrukturen, etwa die Kombination von Ackerbau und Tierhaltung oder die Integration von Obst oder Gemüse, zum Teil mit Verarbeitung und Direktvermarktung. Fällt eine Kultur durch ungünstige Witterung aus, kann diese durch eine andere Kultur oder einen anderen Betriebszweig aufgefangen werden. Das Risiko wird besser verteilt. Das funktioniert allerdings bei so extremen Sommern wie diesen nur eingeschränkt.

Oekolandbau.de: Warum ist gerade das Kleegras so wertvoll?

Prof. Dr. Hülsbergen: Die von uns untersuchten ökologischen Marktfruchtbetriebe haben im Mittel einen Kleegrasanteil von 20 Prozent, Milchviehbetriebe von 40 Prozent. Kleegras ist insbesondere bei mehrjährigem Anbau ein ganz wichtiger Faktor für die Humusbildung und die Stabilisierung der Krümelstruktur. Zudem trägt der Anbau nachweislich zur Vermehrung von Regenwürmern bei. Regenwürmer verbessern nicht nur die Struktur des Oberbodens, sondern bilden durch ihre Aktivität auch zahlreiche Bioporen in tieferen Schichten, die die Wasseraufnahme und die Durchwurzelung entscheidend verbessern. Wir konnten sogar nachweisen, dass die positiven Effekte auf die Aggregatstabilität mehrere Jahre über den Umbruch hinaus wirken. Auch der Humusaufbau durch Kleegras vollzieht sich über Jahrzehnte. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Betrieben, die kein oder zu wenig Kleegras anbauen.

Oekolandbau.de: Hat eine ökologische Bewirtschaftung auch Nachteile hinsichtlich des Klimawandels?

Prof. Dr. Hülsbergen: Ein Nachteil des ökologischen Ackerbaus ist, dass nur relativ wenige Betriebe eine langjährig konservierende Bodenbearbeitung betreiben. Um eine ausreichende Unkrautunterdrückung sicherzustellen, wird fast immer gepflügt. Beim Pflügen kann aber viel Feuchtigkeit verloren gehen. Neuere Untersuchungen aus Trockengebieten in Sachsen zeigen, dass bei konservierender Bodenbearbeitung 30 bis 50 Millimeter pro Jahr mehr Wasser für das Pflanzenwachstum zur Verfügung steht als beim Pflügen. Also eine Menge, die bei längeren Dürrephasen über den Anbauerfolg entscheiden kann. Im Netzwerk der Pilotbetriebe sind allerdings mehrere, sehr erfolgreiche Ackerbaubetriebe, die zeigen, dass bei entsprechenden Voraussetzungen (Standort, Fruchtfolge) eine konservierende Bodenbearbeitung ohne Herbizideinsatz möglich ist und wirtschaftlich tragfähig sein kann. Bei ökologischen Milchviehbetrieben können Probleme durch den meist höheren Weideanteil und höhere Grobfutteranteile in der Futterration entstehen. Denn in trockenen Jahren wie diesem fällt es Biobetrieben meist schwerer, ausreichende Mengen an Grobfutter in gewünschter Qualität zur Verfügung zu stellen.

Oekolandbau.de: Fachleute rechnen auch mit häufigeren Starkregenereignissen und anderen Extremen. Zudem soll sich der Niederschlag stärker auf die Wintermonate verlagern. Wie gut sind Biobetriebe dafür aufgestellt?

Prof. Dr. Hülsbergen: Entscheidend ist eine möglichst ganzjährige Bodenbedeckung mit Pflanzen, die den Boden und die Bodenstruktur schützen. Hier haben Biobetriebe Vorteile, da der Anteil an Hackfrüchten mit langsamer Jugendentwicklung wie Mais oder Zuckerrüben deutlich geringer ist. Zudem ist der Anbau von Kleegras auch in diesem Zusammenhang sehr vorteilhaft, genauso wie Zwischenfrüchte oder eine Winterbegrünung, die im Ökolandbau ebenfalls Standard sind. Grundsätzlich sollte vor allem im Mai und Juni ein "schwarzer Acker" unbedingt vermieden werden. Denn in diesen Monaten ist das Risiko für heftige Niederschläge statistisch am größten.

Oekolandbau.de: Welche speziellen Herausforderungen bringt der Klimawandel noch für den Ökolandbau?

Prof. Dr. Hülsbergen: Ein wärmeres trockenes Klima wird das Unkraut- und Schädlingsauftreten und -spektrum ändern. Wir können das schon jetzt beobachten. So gibt es schon seit einigen Jahren einen stärkeren Drahtwurmbefall im ökologischen Kartoffelanbau, zum Teil auch neue, wärmeliebende Schädlinge. Aber auch durch häufigere Vermehrungszyklen kann der Schädlingsdruck zunehmen. Die milden Winter begünstigen allgemein die Vermehrung vieler tierischer Schädlinge und Schadpilze. Deshalb wird der Befallsdruck wohl größer werden. Auch bei Unkräutern beobachten wir, dass einige Arten selbst bei extremen Bedingungen noch weiterwachsen, während die Kulturpflanzen ihr Wachstum längst eingestellt haben. Diese Problematik wird dadurch verschärft, dass eine mechanische Unkrautbekämpfung, etwa bei langanhaltenden feuchten Bedingungen und fehlender Tragfähigkeit der Böden, wie wir sie häufiger im Frühjahr erleben, nur eingeschränkt möglich ist. Deshalb sollten Betriebe möglichst alle klassischen vorbeugenden Maßnahmen im Pflanzenbau nutzen, etwa eine vielfältige Fruchtfolge, konkurrenzstarke Sorten und optimale Saattermine.

Oekolandbau.de: Was können Betriebe darüber hinaus tun, um sich auf den Klimawandel einzustellen?

Prof. Dr. Hülsbergen: Eine wichtige Maßnahme wird die Anpassung der angebauten Kulturen sein. Der Erbsenanbau geht aufgrund phytosanitärer Probleme schon seit längerem zurück. Stattdessen gewinnen Soja und andere wärmeliebende Pflanzen an Bedeutung. Auch Mais könnte als wassereffiziente, ertragsstarke Futterpflanze im Ökolandbau interessanter werden. Erste Erfahrungen haben wir auch bei Anbauversuchen mit Hirse gemacht. Voraussetzung ist allerdings auf erosionsgefährdeten Standorten, bodenschonende Verfahren mit Mulchsaat oder Untersaaten zu entwickeln, um die angesprochenen Probleme beim Hackfruchtanbau zu vermeiden. Milchviehbetriebe werden wohl nicht darum herumkommen, in günstigen Jahren noch größere Futterreserven vorzuhalten. Und ein ganz wichtiger Punkt ist eine große Vielseitigkeit in der Fruchtfolge als Risikoausgleich. Ich kenne Biobetriebe, die mit einem Getreideanteil von 80 Prozent in der Fruchtfolge arbeiten. Das kann es natürlich nicht sein. Welche zusätzlichen Kulturen oder betrieblichen Standbeine Sinn machen, muss aber letztlich jeder Betrieb individuell entscheiden. Dabei sollte nicht ein Maximum an Vielseitigkeit das Ziel sein, sondern das Optimum.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2018