Bio kann jeder


Bioverpflegung für Kleinkinder

Zwei kochende Frauen am Herd. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Während des kochpraktischen Teils tauschten sich alle intensiv aus. Foto: a´verdis

Das Beispiel der Stadt Wesel zeigt – auch Orte im ländlichen Raum können in punkto Bioverpflegung einiges bewegen: Generell sind die Voraussetzungen in Wesel eher ungünstig. Dafür gibt es viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die sich für ein wachsendes Bioangebot durch eine verstärkte Nachfrage engagieren. Eine davon ist Regina Möllengraf, Fachbereichsleiterin für Ernährung und Gesundheit am Katholischen Bildungsforum Wesel. Die Ökotrophologin bietet Kochkurse im Bildungsforum an und setzt dort wenn möglich Biolebensmittel ein.

Da passte es hervorragend, den Bio kann jeder-Workshop "Verpflegung und Nachhaltigkeit im Einklang – so funktioniert Bio in Kita und Tagespflege" im Weseler Bildungsforum zu veranstalten. Der Workshops fand am 28. Februar 2018 statt und richtete sich primär an Tageseltern und Kitas mit U3-Bereich aus Wesel und Umgebung. Dazu eingeladen hatte der Bio kann jeder-Regionalpartner a’verdis.

Bio in der Kinderernährung – geht das überhaupt?

Damit gesundes und nachhaltiges Essen bei Kleinkindern gut ankommt, muss es vor allem kindgerecht zubereitet sein und gut schmecken. Wie das gelingen kann, erläuterte Eva Schlüter von a’verdis. Als zentrale Möglichkeit empfahl sie den Einsatz von Biolebensmitteln. Wertvolle Ansatzpunkte geben darüber hinaus der "DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder" und Speisepläne vergleichbarer Einrichtungen.

Schritt für Schritt mehr Bio

Der Einstieg in die Bioküche ist für die meisten Einrichtungen die größte Hürde. Hier zeigte Eva Schlüter verschiedene Wege und Möglichkeiten auf:

  • Ökoprodukte über Abo-Kisten kaufen und schrittweise einführen
  • Kosten beobachten und
  • bevorzugt Produktgruppen mit geringem Preisabstand zur konventionellen Variante verwenden, etwa Trockenwaren wie Nudeln oder Reis.

Zunächst gehe es gar nicht darum, ermutige Eva Schlüter die Teilnehmenden, wie viel Bio man einsetzt. Entscheidend sei, dass Ökolebensmittel überhaupt zum Einsatz kämen: "Der erste Schritt ist der wichtigste. Alles andere ergibt sich nach und nach." So würde mit jeder weiteren Information eine neue Handlung folgen. Mit der Zeit verändere sich die Beziehung zu den Lebensmitteln, dann werde auch anders mit ihnen umgegangen und der Bioanteil allmählich erhöht.

Am Beispiel des Renner-Gerichtes "Spaghetti Bolognese" rechnete die Ökotrophologin vor, wie es sich kostenmäßig auswirkt, wenn man den Fleisch- beziehungsweise Gemüseanteil variiert: angefangen von 100 Prozent Hackfleisch, 50 Prozent Hackfleisch und 50 Prozent Grünkern bis hin zu 100 Prozent Grünkern oder 100 Prozent Gemüse. Die Gruppe war sich einig: "Das klappt – zumindest bei der 50 / 50-Variante".

Tipps rund um den Einkauf

Unter dem Programmpunkt "Wie kann ich im Bioladen sparen?2 erläuterte Eva Schlüter, wo man Bioprodukte kaufen kann: angefangen vom Wochenmarkt, der Bestellung im Online-Shop eines Bio-Marktes über Abo-Dienste bis hin zum Hofladen oder Biosupermärkten. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannten zwar eine dieser Einkaufsquellen, beklagten aber die schlechte Beschaffungssituation in Wesel und Umgebung. Zwar sind am Niederrhein zahlreiche direkt vermarktende Bio-Bauernhöfe angesiedelt, die Stadt Wesel ist allerdings hiervon nahezu ausgeschlossen.

Bio direkt vom Erzeuger

Der Biogemüsegärtner Josef Koplin aus Hamminkeln unweit von Wesel engagiert sich schon lange für mehr Bio in Wesel. Auf dem Workshop stellte er seinen Betrieb vor und erklärte anschaulich die Besonderheiten des Ökolandbaus. Zusätzlich zu seinem Demeter-Hof Lankerskate betreibt Josef Koplin zwei Bioläden in Wesel und Bocholt. Beide Läden haben ein Bistro, dessen Angebote die Kundschaft gerne annehmen. Auch deshalb, weil es dort möglich ist, mittels Bio-Menüs zu "erschmecken", was Bio ausmacht. Seine Bioläden beliefert der engagierte Biobauer selbst – mit allein 40 verschiedenen Kulturen. Dazu zählen neun verschiedene Salatsorten, diverse Kräuter und auch weniger bekannte Gemüsesorten wie den Ufo-Kürbis. Fleisch und weitere frische Lebensmittel bezieht Josef Koplin von regionalen Hof-Partnern – partnerschaftlich, persönlich und fair.

Neben reinen Fakten zu Anbau und Tierhaltung brachte Josef Koplin viele persönliche Erfahrungen ein und begeisterte die Teilnehmenden so für den Biogedanken: Der 60-jährige Biobauer ist überzeugt von seinen Produkten und von Biolandwirtschaft im Allgemeinen. Nach einem Lehramtsstudium und einer Ausbildung als Töpfer fand er seine Berufung schließlich in der Biolandwirtschaft. In seinem Vortrag betonte er, wie wichtig es sei, sich an dem Boden zu orientieren: "Nicht alles kann auf jedem Boden angebaut werden, da muss man einfach Abstriche machen".

Vielfach unterschätzt wird der Mehraufwand im Ökolandbau. Gerade bei Fragen rund um den Pflanzenschutz wurde deutlich, wie aufwändig die Arbeit eines Biobauern ist. Des Weiteren berichtete Koplin davon, dass er gerne wieder mit einem Pferd auf dem Feld arbeiten würde und wegen des damit verbundenen Aufwands jedoch weiterhin auf Maschinen setzt.

Kindgerecht kochen

Wirsing und Kartoffelscheiben in einer Pfanne. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Wirsingtortilla: bio, saisonal und gesund. Foto: a´verdis

Angeleitet von der gelernten Köchin und  Ökotrophologin Anna Lena Krämer, wurden zum Abschluss des Workshops kindgerechte Rezepte mit Biozutaten überwiegend aus der Region ausprobiert und nachgekocht. Als Vorspeise gab es einen Kürbis-Kartoffel-Eintopf mit Joghurt-Möhren-Brötchen, gefolgt von einer Kartoffel-Wirsing-Tortilla mit Curry-Dattel-Frischkäse. Das Dessert war ein Apfelkompott mit Quarkcreme und Pumpernickel-Topping.

Als besonders kindgerecht bewerteten die Teilnehmenden den Eintopf und die Brötchen: Eintöpfe sind im U3-Bereich, so ihre Erfahrung, ein "absoluter Renner", wenngleich er nicht so pfeffrig und rosmarinhaltig sein sollte wie im Workshop. Und Brötchen würden bei Kleinkindern stets gut funktionieren. "Gerade bei Kindern unter drei Jahren kommt alles gut an, was sie mit eigenen Händen greifen und eigenständig verspeisen können", brachte es eine der Teilnehmerinnen auf den Punkt. Auch die Wirsingtortilla wollten viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer einmal ausprobieren und mutmaßten darüber, ob die betreuten Kinder diese auch mögen würden. Ihre Einschätzung war ja. Das Pumpernickel-Topping auf dem Dessert wurde aufgrund der Konsistenz und des dominanten Geschmackes als eher ungeeignet für Kleinkinder angesehen. Insgesamt hat es allen Teilnehmenden aber sehr gut geschmeckt. Viele haben ihre Absicht bekundet, die Rezepte auch in ihren Einrichtungen ausprobieren – teilweise jedoch mit kleinen Anpassungen.

Verschiedene Erfahrungen

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer brachten eigene Erfahrungen ein, so dass ein reger Austausch entstand: Darunter war eine Kita, die mit ihrem Essensangebot sehr unzufrieden ist, aber an einen Caterer gebunden ist. Eine weitere Kita erzählte von ihrem erfolgreichen Verpflegungskonzept, das sie in Eigenregie umsetzt. Bei dem Workshop zeigte sich einmal mehr, dass die Kitas das verfügbare Budget ganz unterschiedlich einsetzen – manche Einrichtungen zugunsten eines niedrigeren Erzieher-Kind-Betreuungsschlüssels, andere für eine hochwertigere Verpflegung oder für eine Kombination aus beidem. Ersichtlich wurde auch, dass auch große Kitas in Eigenregie und mit 70 Essen auf Bio achten können – vorausgesetzt die Verpflegungsverantwortlichen stehen voll dahinter. Letztendlich steht und fällt der Erfolg mit ihrem Engagement.

Wie ist die Verpflegungssituation vor Ort?

Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kochen bereits mit einem kleinen Anteil an Biolebensmitteln – sei es für Tagespflegekinder im eigenen Haushalt oder in einer Einrichtung, in der selbst gekocht wird oder die eine warme Mittagsmahlzeit geliefert bekommt und den Snack-Bereich selbst gestaltet. Verschiedene Vorstellungen von "gesund" und "ungesund" wie auch "viel" und "wenig" Bio trafen aufeinander. Das Budget war immer wieder einer der Dreh- und Angelpunkte, über das intensiv diskutiert wurde. So entstand ein dynamisches Miteinander über das Für und Wider einer hundertprozentigen Bioernährung, vegetarisch-veganer Kinderernährung oder der Frage, ob man lieber selber kocht oder sich beliefern lässt.


Letzte Aktualisierung: 01.05.2018