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Ökologische Außer-Haus-Verpflegung: Herausforderungen für Politik und Beratung

Portrait Dr. Felix Prinz zu Löwenstein. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Dr. Felix Prinz zu Löwenstein ist Vorstandsvorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Foto: Felix Prinz zu Löwenstein

Was brauchen wir, um die ökologische Außer-Haus-Verpflegung (AHV) in den nächsten Jahren voranzubringen? Die Redaktion des Ökolandbau-Portals sprach dazu mit Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, dem Vorstandsvorsitzenden des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Oekolandbau.de: Der Einsatz von Bioprodukten in der AHV spielt in Deutschland bislang – im Vergleich zum privaten Konsum – noch eine viel geringere Rolle. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Prinz zu Löwenstein: Bis jetzt wurde dieses Thema noch nicht mit genügend Schwung und mit der notwendigen Systematik angegangen. Das liegt sicher auch daran, dass wir erst in den letzten Jahren damit begonnen haben, in der Branche die Strukturen aufzubauen, um auch die größeren Einrichtungen der AHV mit Biolebensmitteln zu bedienen. Wir müssen jetzt mit mehr Energie auf zwei Ebenen ansetzen: Wir brauchen zum einen den klaren politischen Willen für mehr Bio in der AHV. Zum anderen bedarf es noch mehr Unterstützung für die Praxis, damit das Bio-Thema in der Breite umgesetzt wird.

Oekolandbau.de: In der Zukunftsstrategie ökologischer Landbau (ZÖL) wurden erstmals auch Ziele für die AHV definiert…

Prinz zu Löwenstein: …und das ist der richtige Ansatz. Es kommt aber jetzt darauf an, die ZÖL zu einer Strategie der ganzen Bundesregierung zu machen. Das Thema nur in einem Ministerium zu verankern, reicht bei weitem nicht aus.

Oekolandbau.de: Was heißt das konkret?

Prinz zu Löwenstein: Wir brauchen dazu einen Kabinettbeschluss der neuen Bundesregierung. Die ZÖL darf nicht nur eine Strategie des BMEL bleiben. Alle öffentlichen Kantinen müssen eine Vorreiterrolle einnehmen. Nicht nur in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung sondern bis hin zur Bundeswehr. Alles, was bisher im Bundesprogramm gemacht wurde, gab dazu wichtige Impulse, aber war noch nicht genug. In der ZÖL haben wir definiert, wo die Hebel sind, um das notwenige Wachstum in der ökologischen AHV voranzubringen. Das muss jetzt umgesetzt werden.

Oekolandbau.de: Hängt also alles vom politischen Willen ab?

Prinz zu Löwenstein: Überall, wo es in der Praxis gut funktioniert, hat der politische Wille einen entscheidenden Impuls gegeben. Aber das allein genügt nicht. Es reicht nicht, den Verantwortlichen vor Ort Prozessvorgaben für ihre Kantinen zu machen. Die Umsetzung in der Praxis kann nur gelingen, wenn man die Akteurinnen und Akteure konkret unterstützt. Denn die Umstellung zu einer Bioküche bedeutet viel mehr, als nur die Bezugsquellen für die Lebensmittel auszutauschen. Es geht auch um die Themen Fleischkonsum, weniger Convenience-Produkte, die Vermeidung von Abfällen und vieles mehr. Wir dürfen die Einrichtungen mit diesen Fragen nicht alleine lassen. Und dafür gibt es wichtige Argumente. Diese Veränderungen bringen für viele drängende Zukunftsfragen entscheidende Vorteile: Für eine gesunde Ernährung, für den Natur- und Klimaschutz und vieles mehr. Auf einer reinen Apell-Ebene bringen wir diese Dinge nicht voran. Wir müssen uns fragen: Warum essen wir so viel Fleisch, warum genießen Lebensmittel bei uns eine so geringe Wertschätzung? Wenn die Preise die ökologische Wahrheit sprechen würden, dann würde sich auch der Konsum ändern.

Bio-Catering bei Veranstaltung. Klick fühtr zu Großansicht im neuen Fenster.
Mit Veranstaltungen informieren die Biostädte über den Einsatz von Bio-Lebensmitteln in Kommunen. Foto: A. Greiner, BLE

Oekolandbau.de: Brauchen wir dazu noch mehr Informationen, damit wir diese Themen besser kommunizieren können?

Prinz zu Löwenstein: Diese Informationen haben wir doch längst! Seit Rachel Carsons Buch "Der stumme Frühling" sind viele Studien erschienen, die uns punktuell aber deutlich zeigen, wohin die Reise geht. Wir könnten jetzt die nächsten 50 Jahre damit verbringen, dazu noch mehr Daten zu generieren. Bis nichts mehr zu retten ist. Das können wir uns nicht leisten und im Übrigen wissen wir längst genug! Wir wissen, was der ökologische Anbau für den Schutz des Trinkwassers, für die Artenvielfalt oder für den Klimaschutz bringt. Wir müssen jetzt in Aktion kommen! Das Netzwerk der Biostädte ist da auf einem sehr guten Weg. Die Kommunen haben bei ihrer öffentlichen Beschaffung viele Gestaltungsmöglichkeiten und können eine wichtige Rolle übernehmen. Immer mehr Beispiele zeigen, wie es in der Praxis funktioniert.

Oekolandbau.de: Und vor welchen Herausforderungen steht die Bio-Branche?

Prinz zu Löwenstein: Grundsätzlich war es richtig, was am Beginn des BÖLN und auch der ZÖL gestanden hat: Es kommt entscheidend darauf an, die ganze Wertschöpfungskette im Blick zu haben. Es genügt nicht, nur an die Küchen zu appellieren, mehr Bioprodukte einzusetzen. Mehr Erzeugerbetriebe müssen umstellen, die Verarbeiter und der Handel müssen mit ins Boot. Wenn wir aus der Frage nur ein Henne-Ei-Problem machen, kommen wir nicht wirklich weiter. Beispiele wie das der Stadt Kopenhagen oder der Autostadt Wolfsburg zeigen, wie es geht. Dort haben sich die Verantwortlichen darum gekümmert, dass in der Region auch Strukturen und Kapazitäten für die Produktion von Biolebensmitteln entstehen. Sie sind auf die Betriebe zugegangen und machen langfristige und verlässliche Verträge für die Abnahme. Wenn die Spieler der Wertschöpfungskette so zusammenarbeiten, bringt das Impulse für den Markt.

Oekolandbau.de: Welche Rolle hat dabei der BÖLW?

Prinz zu Löwenstein: Die Zukunftsstrategie für den ökologischen Landbau ist eine wichtige Grundlage, die schon vorliegt. Die neue Bundesregierung muss das jetzt entschlossen umsetzen und dafür die Ressourcen bereitstellen. Unsere prioritäre Aufgabe als Verband ist es, dafür in der Politik mit Nachdruck Lobbyarbeit zu machen.

Oekolandbau.de: Herr Prinz zu Löwenstein, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Letzte Aktualisierung: 11.12.2017