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Fragen und Antworten zur Rückstandsanalyse bei Biolebensmitteln

Laboruntersuchung von Möhren. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Mehrheitlich sind die Ursachen von Rückstandsbefunden in Biolebensmittel unbeabsichtigt und beispielsweise in der konventionellen Landwirtschaft und Verarbeitung zu suchen. Foto: Dominic Menzler, BLE

Die Produktionsmethoden des Biolandbaus sind darauf ausgelegt, rückstandsfreie Lebensmittel herzustellen. Dennoch kann es vorkommen, dass auch in Bioprodukten Spuren von Rückständen gefunden werden. Für Analysen von Pestiziden gibt es in Deutschland eine Vielzahl von Laboratorien. Die Eurofins Dr. Specht Laboratorien gehören zu den führenden Rückstandslaboren weltweit. Oekolandbau.de sprach mit Jochen Riehle, der seit vielen Jahren in der Rückstandsanalytik bei Eurofins Dr. Specht Laboratorien tätig ist.

Oekolandbau.de: Herr Riehle, worin bestehen Ihre wesentlichen Aufgaben im Labor?

Riehle: Eurofins Dr. Specht hat in Hamburg ein Kompetenzzentrum für Rückstandsanalytik, welches seit 50 Jahren Analysen bei Lebensmitteln leistet. Wir beproben jährlich gut 150.000 Lebensmitteln auf Pflanzenschutzmittelrückstände. Hierbei stammen mehr als zehn Prozent der Proben von Biolebensmitteln. Neben der Analytik geben wir auch Empfehlungen im Hinblick auf Monitoringpläne und helfen, die Rückstandsbefunde zu bewerten.

Oekolandbau.de: Wer sind Ihre Kunden im Biobereich?

Riehle: Unsere Kunden kommen aus allen Stufen der Wertschöpfung, also vom Acker bis zum Handel schicken Erzeugerinnen und Erzeuger, Erzeugerzusammenschlüsse, Fach- und Einzelhandel und Ex- und Importunternehmen aber auch Öko-Kontrollstellen Proben ein. Biolebensmittel werden hierbei nicht zwangsläufig intensiver beprobt als konventionelle Lebensmittel, vielmehr hängt die Art der Beprobung vom Lebensmittel ab. Allerdings ist bei Bio die Glaubwürdigkeit ein großes Thema, und mit den immer wieder auftretenden Fällen von Lebensmittelbetrug ist neben den Rückständen die analytische Überprüfung der Echtheit (Authentizität) von Lebens- und Futtermitteln ein wichtiger Aspekt. Bei Bio ist auch die Frage, was im Boden drin ist. Es können ja auch Altlasten im Boden sein, die nach jahrelanger konventioneller Nutzung nun aber die Umstellung auf Bio unmöglich machen. Es besteht ein starkes Interesse der Landwirtschaft, die ökologische Herkunft eines Produktes zu garantieren. Mehrheitlich sind die Ursachen von Rückstandsbefunden in Biolebensmittel unbeabsichtigt und beispielsweise in der konventionellen Landwirtschaft und Verarbeitung zu suchen: Abdrift von konventionellen Nachbarn oder Pestizid-Altlasten aus früherer konventioneller Bewirtschaftung können die Ursache für Rückstände sein. 

Oekolandbau.de: Welche Produkte werden bei Biolebensmitteln vorwiegend beprobt?

Riehle: Analysierbare Produkte sind zum Beispiel frisches und tiefgefrorenes Obst und Gemüse sowie Säfte, Konzentrate und Aromen, Getreide und Getreideerzeugnisse, Trocken- und Schalenfrüchte, Gewürze und Kräuter, Tee, Kaffee, Kakao, Blätter und Pflanzenteile sowie Boden- und Umweltproben. Die Analytik von Pflanzenteilen während der vegetativen Phase ist ein wichtiges Kriterium für die Kontrolle während der Erzeugung.

Oekolandbau.de: Wie laufen die Proben ab?

Riehle: In der Regel wird im Labor eine Multimethode angewendet, die bei einer Untersuchung eine Vielzahl von Wirkstoffen gleichzeitig prüft. Bei vielen gängigen Lebensmitteln wie Getreide oder vielen Obst- und Gemüsearten reicht das aus. Bei Ölsaaten, Nüssen und auch bei einigen der so genannten Superfoods reichern sich eher verschiedene Rückstände an: Bei Chiasamen wird auf einzelne kritische Wirkstoffe geprüft, die aus technischen Gründen nicht innerhalb der Multimethode untersucht werden können wie beispielsweise Glyphosat oder Paraquat. Auch bei Leinsamen und Gojibeeren wäre es grob fahrlässig, nicht auf bestimmte Rückstände untersuchen zu lassen.

Oekolandbau.de: Wer legt die Grenzwerte fest?

Riehle: Im ökologischen Landbau dürfen nur die Pflanzenschutzmittel und andere Mittel zur Bekämpfung von Schadorganismen verwendet werden, die in der Positivliste des Anhangs II der "EG-Öko-Durchführungs-VO" (Verordnung (EG) Nr. 889/2008 der Kommission vom 5. September 2008) genannt sind. Dies bedeutet, dass keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen dürfen. Darüber hinaus verpflichten Bioverbände ihre Mitglieder zur Einhaltung noch strengerer Standards. Das bedeutet allerdings nicht, dass Bioprodukte komplett rückstandsfrei sind. In Fällen von positiven Nachweisen sind selbstverständlich in jedem Fall die Grenzwerte der für  Lebensmittel allgemein geltenden europäischen Rückstandshöchstgehalteverordnung 396/2005 einzuhalten. Neben der EG-Ökoverordnung, die keine Grenzwerte bei Pestiziden vorsieht, gibt es die Orientierungswerte für Pestizide des Bundesverband Naturkost Naturwaren e.V. (BNN). Der BNN hat einen Orientierungswert  für Pestizide in Bioprodukten eingeführt: Ist dieser Wert überschritten, ist für jeden Einzelfall zu recherchieren, ob gegen die gesetzlichen Regelungen für den ökologischen Landbau verstoßen wurde oder ob der Befund beispielsweise eine unvermeidbare Kontamination durch Abdrift ist.

Oekolandbau.de:  Was passiert, wenn in einer Bioprobe ein Rückstand gefunden wird?

Riehle: Grundsätzlich bekommt der Kunde das Ergebnis vom Labor schriftlich oder elektronisch mitgeteilt. Die Verantwortung, was mit einem positiven Ergebnis geschieht, liegt dann beim Kunden. Allerdings erwartet dieser vom Labor Unterstützung bei der Bewertung von positiven Ergebnissen: Beispielsweise die Anwendung von Orientierungswerten oder Information darüber, ob es sich bei dem Rückstand um relativ viel oder wenig handelt oder wo dieser erfahrungsgemäß seine Ursachen haben könnte. Wenn bestimmte gefundene Wirkstoffe im Widerspruch zur Öko-Verordnung stehen, wird der Kunde seine Kontrollstelle einschalten. Wenn ein größerer wirtschaftlicher Schaden zu befürchten ist, dann wird der Kunde sicher auch eine zweite Analyse veranlassen, idealerweise mit erneuter Probennahme. Hier spielt sicher auch das Problem der Haftung mit hinein und wer nun eigentlich für den Schaden aufkommen muss, wenn ein Produkt nicht in den Handel gelangt bzw. nicht vermarktbar ist. Ohnehin ist der Handel durch etliche Medienberichte sehr sensibel, wenn es um Rückstände in Biolebensmitteln geht. Zu schnell kann eine negative Presse zu einem Imageschaden führen. Wenn Bioware keine Rückstände aufweist, heißt es auch nicht bindend, dass sie biologisch produziert wurde. Es kann durchaus sein, dass der Wirkstoffeinsatz bereits so lange zurückliegt, dass ein Pflanzenschutzmittel bereits abgebaut wurde und daher nicht mehr nachgewiesen werden kann. Wichtig ist es für den Handel bzw. das Importunternehmen, dass er dem Erzeuger trauen kann. Gerade bei einer Herkunft aus dem Ausland ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Produzent und Abnehmer von großer Bedeutung. Man kann nicht alles beproben lassen: Wenn viele kleine Erzeuger gemeinsam ein Lebensmittel nach Öko-Richtlinien erzeugen, reicht es, wenn eine Erzeugerin oder ein Erzeuger unerlaubte Mittel einsetzt, um die ganze Erzeugung in Verruf zu bringen.

Oekolandbau.de: Wer nimmt die Probe vor Ort und wie muss die Probe genommen werden? Gibt es Schulungen dafür?

Riehle: In der Regel werden die Proben von der zuständigen Öko-Kontrollstelle vorgenommen, welche eigens dafür ausgebildetes Personal hat. Sicher kommt es auch vor, dass einzelne Erzeugerinnen und Erzeuger Proben nehmen. Dann haben sie sich aber vorweg mit der Probenentnahme beschäftigt und wissen, auf was sie achten müssen. Von unabhängigen Probenehmern entnommene Proben bieten zudem noch eine größere Sicherheit durch Neutralität. Eurofins bietet beispielsweise weltweit Probenahmen vor Ort an.

Oekolandbau.de: Welche Kosten fallen für eine Probe an und wer bezahlt die Analyse?

Riehle: Im Schnitt kostet die Untersuchung einer Probe circa 200 Euro – je nach Umfang und Art der Probe, weitere Kosten entstehen für spezifische Untersuchungen. Die Kosten trägt in der Regel der Auftraggeber.

Oekolandbau.de: Wo sehen Sie zukünftig für Ihr Unternehmen neue Aufgaben im Bereich der Beprobung von Biorohstoffen? 

Riehle: Viele Biolebensmittel kommen aus dem Ausland, seien es die Bananen aus Südamerika oder Sultaninen aus der Türkei. Es wird zunehmend erforderlich sein, eine Bio-Kontrolle vor Ort durchzuführen. Sei dies durch örtliche Kontrollstellen oder lokale Partner vor Ort, die die Proben entnehmen. Oftmals müssen Proben den weiten Weg nach Deutschland antreten, da die Analytik inzwischen so speziell ist, dass es für lokale Anbieter immer schwieriger wird, den permanent steigenden analytischen Anforderungen zu folgen. Zunehmend werden bei den Laboruntersuchungen neben Rückständen und Verunreinigungen auch die mikrobiologische Belastung (Keime) untersucht. Gerade der Ernährungstrend zu den Superfoods, die in der Regel roh verzehrt werden, machen weitere Untersuchungen notwendig.

Oekolandbau.de: Vielen Dank für das Gespräch!


Letzte Aktualisierung: 05.10.2016