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Wie kann der Handel sich regional versorgen und mit Regionalität werben?

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Unter dem Programm "Bio-Stadt Bremen" wird das Bioangebot in der Stadt vergrößert. Quelle: www.biostadt.bremen.de

Laut einer BÖLN-Studie (Gremmer et al. 2016) legen Konsumentinnen und Konsumenten insbesondere bei Obst, Gemüse und Fleisch Wert auf regionale Herkünfte, zunehmend auch bei Eiern und Molkereiprodukten. Aber auch für alle anderen Produkte, die in der Region produziert werden können, sind mehr als die Hälfte der Kundinnen und Kunden in Deutschland bereit, Aufpreise zu bezahlen. In der Kombination Bio und regional werden die Produkte noch attraktiver.

Biostadt: Was heißt das?

Festgelegte Kriterien für den Titel "BioStadt" gibt es in Deutschland nicht. Auch muss sich eine Stadt weder irgendwo bewerben noch gibt es eine offizielle Zertifizierung. Innerhalb Deutschlands haben sich die bestehenden Biostädte zu einem Netzwerk verbunden. Ziel des Netzwerkes ist es, den Ökolandbau beziehungsweise die regionale Vernetzung von Biobetrieben zu fördern und den Einsatz von Bioessen in Kitas, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen zu steigern. Das Biostädte-Netzwerk bestand im Juni 2017 aus 17 Städten. Dazu gehören Augsburg, Bremen, Hamburg, Darmstadt, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Lauf/Pegnitz, München, Nürnberg, Erlangen und Landshut. Ein weiterer Zusammenschluss findet sich auf europäischer Ebene unter anderem mit Paris, Mailand, Wien, Poreč und Nürnberg. Einige der Biostädte, darunter Bremen, legen ein beachtliches Tempo vor.

Wie weist der Handel auf die regionale Herkunft hin?

Einige Bundesländer haben zusätzlich zum EU-Bio-Logo und Bio-Siegel ein regionales Siegel. Auch Labels wie "Regional ist 1. Wahl" oder "Bio von hier" weisen auf die regionale Produktion hin. Dazu kommen Eigenmarken wie "Mien Leevsten", die schon durch die plattdeutsche Namensgebung auf die norddeutsche Herkunft hinweisen. In der BioStadt Bremen beispielsweise wird für Produkte, die in den Aktionsplan der Stadt Bremen eingebunden sind, das Logo der BioStadt Bremen verwendet, das vor allem bei Veranstaltungen verwendet wird.

Der Naturkostgroßhändler Grell Naturkost nutzt neben Namensgebung und Siegel die Verpackungsflächen der Bioprodukte für nähere Informationen oder Plakatierungen mit hohem Wiedererkennungswert. Die Schilder geben Informationen zum Produkt mit Schwerpunkt Erzeugung "Woher?" und Sorte "Was genau?". Um die regionale Vermarktung anzukurbeln wird auch immer mehr das Marketing in den sozialen Netzwerken und Medien genutzt. Diese Form der Werbung ermöglicht meist eine exponentielle Verteilung, insbesondere bei ungewöhnlichen Nachrichten. Auch Filme mit Lieferantenporträts werden hier verbreitet. Dadurch werden die Landwirtschaftsbetriebe immer bekannter.

Das Projekt BioStadt Bremen legt einen besonderen Schwerpunkt in die BioRegion Nordwest. Über die Initiative "Genussland Bremen/ Niedersachsen" wird die regionale Kooperation gefördert. Nach Angaben der Referentin der BioStadt Bremen, Claudia Elfers, wird dabei die Herkunft regionaler Lebensmittel und deren Zertifizierung hervorgehoben: "Das Regionalkonzept von Naturkost Nord und regionalen Erzeugern verbindet die Biobetriebe mit dem Handel und den Verbrauchern. Ziel ist es, die norddeutsche Herkunft bei unseren Partner-Einkaufsstätten gleich wahrnehmbar zu machen. Die Lebensmittel müssen direkt auf dem Hof erzeugt und des Weiteren in der Region verarbeitet werden. Außerdem bieten Schilder den Händlern die Möglichkeit, mit der regionalen Herkunft zu werben." Mit umfassenden Informationen über die Webseite hoefe.bio, bei Facebook oder im Laden stiftet "Unsere Höfe im Norden" Kommunikation über die gesamte Wertschöpfung. So sollen nicht zuletzt auch die Kulturleistungen, die norddeutsche Biohöfe erbringen, ins Bewusstsein rufen und würdigen.

Lässt sich bedarfsgerecht produzieren?

Vieles lässt sich im Voraus zwar planen, aber die Produktion im Gartenbau und in der Landwirtschaft ist stark witterungsabhängig. Zwar gibt es vor allem im Gemüseanbau sowie bei empfindlichen Obstkulturen wie Kirschen immer mehr geschützte Kulturen, unterm Strich ist der Anteil an Unterglasware – abgesehen von Tomaten – aber gering.

Es reicht also nicht, die genaue Nachfragemenge an Erzeugerinnen oder Erzeuger weiterzugeben. Stattdessen ist eine stetige Kommunikation mit den Produzentinnen und Produzenten notwendig. Schwankungen in der Verfügbarkeit durch Erntehöhepunkte oder -ausfälle sind üblich. Je früher die Informationen weitergegeben werden, desto eher lassen sich Alternativen finden, wenn Mengenabsprachen oder Liefertermine nicht eingehalten werden können.

Eine bedarfsorientierte Produktion beinhaltet Menge sowie Qualität in Form von Sortenauswahl, Sortierung oder Aufbereitung. Eine Umfrage bei Verbraucherinnen und Verbrauchern hat ergeben, dass auch B-Ware, also Produkte mit optischen Mängeln, durchaus akzeptiert wird. Erfahrungen im Handel mit nicht konformen Obst und Gemüse, Stichwort "Krumme Gurken", belegen das. Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch eine Umfrage an der Universität in Hohenheim.

Ist die logistische Herausforderung zu meistern?

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Händlerinnen und Händler können durch Schilder auf regionale Bioprodukte hinweisen.
Quelle: ArTo – stock.adobe.com

Die Belieferung von Kindergärten, -tagesstätten und Schulen fordert neue logistische Konzepte. Vor allem die oft kleinstrukturierten Kitas sind kaum an den im Großhandel üblichen Großgebinden interessiert. Auch die termingerechte Belieferung fordert ein Denken in anderen Strukturen. Nicht alle Standorte können pünktlich zur Mittagszeit angefahren werden. Hier werden neue Angebote in Bezug auf die Bündelung der zu liefernden Waren geschaffen.

Gibt es genügend Ware, wenn der Bedarf steigt?

Dem Handel fehlen leistungsstarke Lieferantinnen und Lieferanten, die Landwirtinnen und Landwirte fragen nach mehr Absatzgarantie. Viele Produzentinnen und Produzenten haben Potenzial zu einer Anbauausweitung. Auch gibt es bislang konventionell arbeitende Betriebe, denen der letzte Impuls für den Schritt in die Bioproduktion noch fehlt. Die Haushalte fragen zwar nach mehr Bio, der politische Wille, wie der Senatsbeschluss der Bremer Bürgerschaft zu mehr Bio- in der öffentlichen Versorgung mit Kitas, Schulen und Krankenhäuser zeigt, gibt aber mehr Sicherheit auf Erzeugerebene.

Mit gutem Beispiel voran

Ein gelungenes Beispiel für eine regionale Belieferung hat nun der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) in puncto Milch geliefert. Weil die Krankenhausversorgung noch schwieriger ist als die von Schulen, Kitas und öffentlichen Kantinen, hat der Aktionsplan in Bremen der Umstellung der Krankenhäuser auf Bioessen mehr Zeit eingeräumt. Bei tierischen und pflanzlichen Produkten lautet die Zielvorgabe lediglich 20 Prozent bis Ende 2024. Bei Biomilch hat die Geno nun nach Gesprächen mit der Biohofmolkerei Dehlwes diesen Teil bereits vorzeitig umgesetzt. Bis Ende 2018 sollen demnach in den Krankenhäusern nicht nur die jährlich benötigten 116.000 Liter Trinkmilch, sondern auch Kakao und Naturjoghurt in Bioqualität angeboten werden. Auch bei Käse und Müsli haben sich bereits Lieferantinnen und Lieferanten für weitere Bioprodukte aus der Region gefunden.

Um die Bioquote zu erfüllen hat sich die Klinikleitung bereits mit den Lieferantinnen und Lieferanten zusammengesetzt und sogar regional einige Lösungen gefunden. Der direkte Weg zwischen Abnehmer und Erzeugerzusammenschluss ist jedoch mit einem hohen beidseitigen Aufwand verbunden. Um regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen, sind Ökomodellregionen eine gute Hilfe. Denn folgende Dinge führen für einzelne Unternehmen sowohl auf Erzeuger-, als auch auf Verarbeiterseite schnell zur Überforderung oder sind schlicht von der Kapazität her nicht leistbar: Kontakte zwischen Landwirtschaft und Herstellung knüpfen, Gespräche in Gang bringen, Details zu Qualitätsansprüchen, benötigte Abnahmemengen, Infrastruktur für Lagerungsmöglichkeiten oder die Reinigung der Rohware klären, aber auch Informations- und Überzeugungsarbeit leisten. Den Aufbau eines solchen Netzwerks kann der Handel mit langfristigen Abnahmeregelungen und Verträgen unterstützen.

Regionalsiegel ermöglichen mehr Transparenz

Ein anderes Beispiel aus dem Süden: Edeka Südwest kauft seit mittlerweile drei Jahren Bioschlachttiere aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen und vermarktet die Tiere ausschließlich in diesem Vermarktungsgebiet. So war es möglich, die ökologisch gehaltenen Rinder nun auch in Regionen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland zu bündeln und als Bioware zu verkaufen. Vorher gab es nicht genügend Abnehmerinnen und Abnehmer, sodass Biorinder in die konventionelle Vermarktung geflossen sind. Die regional erzeugten Bioprodukte, nicht nur Fleisch, tragen die Edeka Regionalmarke "Unsere Heimat – echt & gut" und teilweise das Regionalfenster. Für die Regionalmarke beliefert auch Andreas Renner die Edeka Südwest seit 2012 mit Rucola und Bundzwiebeln in Bioqualität. Weitere Produzentinnen und Produzenten finden sich auf der Homepage. Bei den derzeit 1.500 Erzeugern und Verarbeitungsbetrieben finden sich auch viele Biobetriebe. Auch Bioeier aus der Region für den Handel gibt es seit der Zusammenarbeit von Biohühnerhof Halder mit EDEKA Südwest. Unter der Packstelle Biohühnerhof Halder haben sich mehrere Legehennenbetriebe zusammengeschlossen, die unter der Regionalmarke "Unsere Heimat - echt & gut" Eier produzieren. Nicht jeder Legehennenbetrieb verfügt über die notwendige Technik zum Sortieren und Verpacken der Eier. Daher schließen sich immer mehrere Hühnerhalter zusammen und beliefern eine Packstelle. Das wiederum ist nur möglich, wenn die Abnahme mit entsprechenden Preisen gesichert ist.


Letzte Aktualisierung: 17.06.2018