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Perspektiven von verpackungsfreien Läden

Verschiedene Produkte in einer Box. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Foto: pixabay

Mittlerweile gibt es deutschlandweit an die 40 Läden, die unverpackte Lebensmittel – hauptsächlich in Bioqualität – verkaufen, um ihre Kundinnen und Kunden einen bedarfsgerechten Einkauf und nachhaltigen Konsum zu ermöglichen. Die Ladnerinnen und Ladner setzen dem Trend steigenden Verpackungsaufkommens ein alternatives Geschäftsmodell entgegen und verbinden so Idealismus und Geschäftssinn. Von den derzeit 17,8 Millionen Tonnen Verpackungen pro Jahr werden 71,4 Prozent recycelt. Bei Kunststoffen beträgt dieser Anteil 50,2 Prozent (Schüler, 2016). Das Vermeiden und unmittelbare Wiederverwerten (zum Beispiel in Form von Mehrweg) wird jedoch bislang vernachlässigt.

Herausforderungen entlang der Wertschöpfungskette

Unverpackt-Läden machen ihren Kundinnen und Kunden das Angebot, Verpackung gar nicht erst entstehen zu lassen. Damit birgt das Konzept durchaus ein Potenzial zur ökologischen Transformation von Prozessen in Wertschöpfungsketten des Lebensmitteleinzelhandels (Goldkorn et al., 2017). Gleichzeitig stößt es aber auch auf zahlreiche Herausforderungen, schließlich müssen die Verpackungsfunktionen alternativ erfüllt werden. Im Rahmen eines an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) durchgeführten Forschungsprojekts wird gemeinsam mit den Ladnerinnen und Ladnern daran gearbeitet, diese Barrieren zu identifizieren, Lösungen aufzuzeigen und die Vernetzung der Läden zu fördern, um deren Marktposition zu stärken.

In der ersten Projektphase wurden sechs Perspektiven mit spezifischen Herausforderungen identifiziert, die für das Konzept und dessen Fortentwicklung eine zentrale Rolle spielen (siehe Tabelle).

Perspektiven und spezifische Herausforderungen des Unverpackt-Konzepts
PerspektiveHerausforderungen
Beschaffung
  • Bestellprozess: Warenbestand/-erfassung, Warenwirtschaftssystem, Mindestbestellmengen, Verfügbarkeit
  • Beschaffung: Kooperation mit Lieferanten, Optimierung Verpackung (Gebindegrößen, Material)
  • Logistik: alternative Transportverpackungen, Losgrößen
  • Produkte: Anforderungen, Sortimentsgestaltung, Kompromisse
Vermarktung
  • Kundschaft: Gewinnung/Bindung, Kaufbarrieren/Verhaltensänderung
  • Entwicklung des Ladens: Aktionen im Ladengeschäft, Sortimentsweiterentwicklung, Marketing ohne Verpackung
innen
  • Geschäftsführung und Personal: Herausforderung Quereinstieg, Führung, Mitarbeiterschulung
  • Wirtschaftlichkeit: Kosten, Umsätze, Kennzahlen (Messung, Planung)
  • Ladengestaltung: Hygiene, Design, Produktplatzierung
außen
  • Rechtliches und Verwaltung: Hygienebestimmungen, Kennzeichnungspflichten, Umgang mit Ämtern
  • Kritik am Konzept: klassischer Lebensmitteleinzelhandel, Verpackungswirtschaft, Berichterstattung (Medien), Verbraucherschutz
Umwelt
  • Ökologie: Kennzahlen (Materialmengen, Einsparpotenziale), Verbesserung der Ressourceneinsparung
Branche
  • Partnerschaft: Kooperation
  • Wettbewerb: Konkurrenz

Quelle: Kröger et al., 2017

Besonders in den Bereichen Beschaffung und Vermarktung zeigen sich Barrieren. So ist es aus Sicht der Ladnerinnen und Ladner schwierig, Verpackungen, die bei der Anlieferung weiterhin anfallen, sukzessive zu reduzieren. Viele Produkte werden in nicht optimalen Gebindegrößen oder nach wie vor mit Transportverpackung geliefert, alternative Mehrwegsysteme sind nicht hinreichend verbreitet.

Während der Lebensmitteleinkauf etwa via Internet immer einfacher wird, müssen Kundinnen und Kunden gewonnen werden, die für den Einkauf einen Mehraufwand betreiben wollen. Das Unverpackt- Konzept ist dabei, wie ein nachhaltiger Konsumstil generell, voraussetzungsreich: Auch wenn viele Menschen mittlerweile über eine gewisse Sensibilität in Bezug auf das Thema Plastikvermeidung beim Lebensmitteleinkauf (NABU, 2014) verfügen oder sogar den verpackungsfreien Einkauf befürworten (PwC, 2015), lässt sich daraus nicht ableiten, dass sie diesen auch tatsächlich praktizieren.

Der bewusste Einkauf ist nicht nur ein Angebot, sondern setzt auch voraus, dass die Kundschaft ihre Alltagsroutinen verändert: Es gilt, Gefäße mitzunehmen, vorab zu reinigen, den Einkauf zu planen und längere Wege in Kauf zu nehmen. Das Projekt untersucht, wie der Einkauf in Unverpackt-Läden sich in das Konsumverhalten generell einfügt, wie Routinen sich ändern, welche Barrieren der Einkauf hat und wie Kundinnen und Kunden diese überwinden. So wird erstmals untersucht, wie Unverpackt-Kundinnen und -Kunden handeln, und nicht nur, was sie denken.

Unverpackt-Läden fördern und vernetzen

Auch die Läden müssen teilweise neue Prozesse etablieren. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfüllen andere und mehr Aufgaben als in klassischen Bioläden, etwa in den Bereichen Lagerhaltung, Reinigung, Kennzeichnung und Beratung. Außerdem sind Produzenten von anderen Verpackungsmöglichkeiten zu überzeugen und Logistikketten umzustellen. Hier setzt das Forschungsprojekt an. Es fungiert als Schnittstelle zwischen Läden und Lieferanten. Es untersucht, welche Barrieren existieren und welche Bedarfe beide Seiten haben. Nudeln sind hierfür ein gutes Beispiel: Diese werden derzeit üblicherweise in Fünf-Kilogramm-Beuteln, die für Großabnehmer (zum Beispiel Caterer) bestimmt sind, geliefert. Da es sich um Alltagsprodukte handelt, die in der Regel schnell umgesetzt werden, werden größere Einheiten, idealerweise in einer alternativen Verpackung (zum Beispiel in Papiersäcken), benötigt. Ähnliches gilt für Flüssigkeiten wie Seife, die bislang oft in Einwegkanistern angeliefert werden. Anhand einer Auswahl von zehn Produkten und mithilfe von Interviews und Befragungen soll herausgefunden werden, unter welchen Bedingungen die Lieferanten in der Lage und bereit sind, dem Konzept entgegenzukommen – und welche Lösungen einzelne Läden gegebenenfalls bereits gefunden haben.

Neben der praxisnahen Forschung zielt das Projekt vor allem darauf ab, die Ladnerinnen und Ladner zu vernetzen und so das Miteinanderund Voneinander-Lernen zu unterstützen. Auf der veröffentlichten Internetseite können sich alle Läden präsentieren. In Workshops werden Themen bearbeitet, die für alle Ladnerinnen und Ladner von Relevanz sind, etwa "Marketing ohne Verpackung". So bietet das Projekt auch den Rahmen, sich mit strategischen Herausforderungen zu befassen, etwa der möglichen Übernahme des Konzepts in klassischen (Bio-)Supermärkten oder der Gründung von Einkaufsgemeinschaften.


  • Naturschutzbund (NABU) (2014): Repräsentative NABU-Umfrage zu Verpackungen Obst und Gemüse.
  • PwC (Pricewaterhouse Coopers) (2015): Verpackungsfreie Lebensmittel – Nische oder Trend? Verbraucherbefragung
  • Schüler, K. (2016): Aufkommen und Verwertung von Verpackungsabfällen in Deutschland im Jahr 2014. Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes, Dessau-Roßlau
  • Goldkorn, F., M. Kröger, J. Pape (2017): Der verpackungsfreie Super markt: Wertschöpfungsketten neu denken und Barrieren überwinden. Ökologisches Wirtschaften 1/17, S. 12 f.
  • Kröger, M., F. Goldkorn, J. Pape (2017): Herausforderungen der unverpackt Wertschöpfungskette – Perspektiven, erste Befunde und Forschungsfragen des unverpackt Projektes. Beiträge zur 14. Wissenschaftstagung Ökolandbau. Dr. Köster, Berlin

Beitrag aus der Ökologie & Landbau 03/2017: "Mehr als einfach nur weglassen" von Melanie Kröger, Frederic Goldkorn und Jens Pape

Letzte Aktualisierung: 31.08.2017