Händler


Biozierpflanzen auf dem Weg aus der Nische

Grafik zur Anbaufläche von Biozierpflanzen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Biozierpflanzen werden hauptsächlich im Süden und Westen Deutschlands angebaut. Quelle: AMI

Nicht nur Lebensmittel, auch Zierpflanzen aus ökologischer Produktion werden immer stärker nachgefragt. Seit der Greenpeace Studie zu Rückständen in konventionell erzeugten Zierpflanzen von 2014 haben viele Händler reagiert und lassen nur geringe Rückstände in Zierpflanzen zu. Daher suchen einige Betriebe zwangsläufig nach neuen Strategien in der Produktion. Das Interesse, nachhaltig und umweltschonend zu produzieren, ist aber auch ohne den äußeren Druck merklich gewachsen. Fernab der Direktvermarktung bilden sich neue Handelswege.

Vielfältiger Markt

Die Haushalte in Deutschland kauften 2017 Zierpflanzen im Wert von rund 8,6 Milliarden Euro. Damit schrumpfte der Markt im Vorjahresvergleich zwar leicht, verblieb aber auf dem gewohnten Niveau. Schnittblumen bilden mit einem Anteil von rund 34 Prozent das größte Marktsegment. Zimmerpflanzen kommen insgesamt auf einen Marktanteil von rund 17 Prozent. Beet- und Balkonpflanzen sind mit ihrem Marktanteil von 21 Prozent ebenfalls bedeutend und bilden zusammen mit den Gehölzen (16 Prozent), Stauden (sechs Prozent), Kräutern (drei Prozent) und Blumenzwiebeln den großen Bereich der Gartenpflanzen.

Einkaufsgewohnheiten ändern sich

Seit Jahren werden die Baumärkte, der Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter immer wichtigere Einkaufsstätten für Zierpflanzen, bio und konventionell. Immer weniger Freizeit – zumindest gefühlt – lässt die Verbraucherinnen und Verbraucher immer häufiger in branchenfremden Einkaufsstätten außerhalb von Blumenläden, Gärtnereien und Gartencentern spontan zu Zierpflanzen greifen. Außerdem unterliegt die Handelswelt in Deutschland einer fortschreitenden Veränderung. In einigen Regionen verändern sich die Innenstädte so stark, dass der Fachhandel (Blumenfachgeschäfte, Gärtnereien, Gartencenter, Wochenmärkte) und dabei insbesondere die Blumenfachgeschäfte zu wenig Laufkundschaft haben, um ihre Geschäft gewinnbringend zu führen. Die Wege für einen geplanten Einkauf von Blumen und Zierpflanzen in Fachgeschäften werden dadurch noch länger und zeitaufwändiger.

Biozierpflanzen im Fokus

Kräuter und Gemüse gibt es schon lange aus ökologischer Produktion zu kaufen. Der Markt für Biozierpflanzen war aber bisher ein Nischenmarkt. Meist wird fast ausschließlich über den Bio-Fachhandel, meist sogar über die produzierende Gärtnerei selbst vermarktet. Biointensivkäuferinnen und -käuferwaren die wichtigste Kundengruppe. So gab es schon vor mehr als zehn Jahren Versuche, Biozierpflanzen in Bioläden an Stammkundschaft zu vermarkten, und der Erfolg ließ sich sehen.

Ökologischer Lebensstil, Urban Gardening und der Trend zu einem gesünderen Leben insgesamt lassen auch Biozierpflanzen immer interessanter werden. Da sich der Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher kaum für die konventionelle Produktion von Zierpflanzen interessiert, müssen sie stärker über die Vorteile der biologischen Produktion informiert werden.

Auch die Kampagne "Bienen füttern" des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat dazu beigetragen, die Wahrnehmung bienenfreundlicher Pflanzen bei Verbraucherinnen und Verbraucher zu schärfen. Die Top fünf der bienenfreundlichen Pflanzen sind demnach Apfelbäume, Himbeeren, Koriander, die Zier- und Gründüngungspflanze Phacelia und die Seidenblume.

Inzwischen gibt es ganze Gartencenterketten, die biologisch produzieren und auch Biozierpflanzen zukaufen. Ein Beispiel dafür ist "Pflanzen Kölle" mit seinen 13 Filialen und einem eigenen Online-Shop.

Interesse nimmt zu

Insgesamt führt das öffentliche Umdenken dazu, dass sich auch branchenfremde Einkaufsstätten mit den Vorteilen biologisch erzeugter Zierpflanzen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen möchten. Die dazu benötigten, indirekten Absatzwege über Großhändler sind noch in der Entstehung und bislang logistisch weniger ausgereift als bei konventionell erzeugten Zierpflanzen. Auch unter den Naturkostgroßhändlern bieten bislang nur einige Biozierpflanzen an.

Dabei erwarten die interessierten Groß- und Zwischenhändler von Biozierpflanzen eine gleichwertige, wenn nicht sogar höhere Qualität als von konventionell erzeugten. Das Biosortiment der Anbieter ist bislang häufig überschaubar. Bisher sind vor allem Stauden aus biologischer Produktion zu haben, aber auch Beet- & Balkonpflanzen und sogar Schnittblumen halten langsam Einzug im Sortiment.

Erfassung der Produktion schwierig

Auf einer Fläche von 124 Hektar haben in Deutschland 2016 insgesamt 179 Betriebe Biozierpflanzen angebaut. Davon wurde auf 14 Hektar unter Glas produziert. Hinzu kamen laut Statistischem Bundesamt 72 Betriebe, die Biosaatgut oder Biojungpflanzen produzierten. Allerdings berichten Branchenbeteiligte, dass sich der Biozierpflanzenanbau oftmals in Betrieben findet, die schwerpunktmäßig landwirtschaftliche oder gartenbauliche Produkte erzeugen. Es ist also davon auszugehen, dass die tatsächlichen Produktionsflächen und auch die Betriebszahlen größer sind.

Um interessierten Produktionsbetrieben in Deutschland zur Seite zu stehen, haben sich mehrere Partner im Projekt "Entwicklung und Optimierung des Zierpflanzenanbaus zu nachhaltiger und ökologischer Produktion" zusammengeschlossen, um von der Produktion bis zum Vertrieb zu beraten und zu unterstützen. Hier finden auch interessierte Händlerinnen und Händler Informationsmaterial und Bezugsquellen für Biozierpflanzen. Das Projekt wird im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) und im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) gefördert.

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit dieser Projektpartner ist es, das vorhandene Produktions-Knowhow der deutschen Gärtnerinnen und Gärtner zu sammeln, zu bündeln und interessierten Betrieben zur Verfügung zu stellen. Schnell wechseln Arten und Sorten, die der Markt fordert. Meistens gibt es nur Anbauempfehlungen für den konventionellen Anbau. Gezielter Anbau und eine leistungsfähige Logistik sind die beiden großen Herausforderungen. Das öffentliche Interesse aber scheint groß zu sein, so dass die Zeit für einen Ausbau auf allen Ebenen reif ist.


Letzte Aktualisierung: 05.09.2018