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Gemeinwohl-Bilanz: Konzept mit Potenzial für den Biohandel

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Gemeinwohl-Ökonomie – ein alternatives Wirtschaftmodell, Foto: www.ecogood.de

Die eigenen Nachhaltigkeitsleistungen nach außen zu kommunizieren - das stellt für den Handel meist eine besondere Herausforderung dar. So fehlen im Handelsbereich etablierte Labels, die belegen, dass etwas in Sachen Nachhaltigkeit getan wird. Für die landwirtschaftliche Erzeugung sind solche Labels gut etabliert und gelten dem Kunden als Qualitätsmerkmal, so zum Beispiel das Ökosiegel oder auch das Label von Fairtrade.

Kundschaft und Öffentlichkeit erwarten jedoch gerade von Biounternehmen, dass sie sich kompetent und vor allem glaubwürdig mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen, auch (und vielleicht gerade) vom Bioladen "um die Ecke".

Biohändlerinnen und Biohändler, die ihren Betrieb nachhaltiger gestalten und das dokumentieren möchten, können mit einer Nachhaltigkeits-Bilanzierung die Stärken und Schwächen ihres Betriebes erfassen. Für den Biohandel gibt es bereits einige Angebote, wie zum Beispiel den BNN Nachhaltigkeitsmonitor, mit dem die Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen sichtbar gemacht werden können. Ein anderes vielversprechendes Angebot für die Nachhaltigkeits-Bilanzierung ist die Gemeinwohl-Bilanz der Gemeinwohl-Ökonomie.

Gemeinwohl-Ökonomie, ein neues Wirtschaftsmodell

Hinter dem Begriff Gemeinwohl-Ökonomie verbirgt sich ein alternatives Wirtschaftsmodell, das von einem Netzwerk aus verschiedenen Akteuren - Privatpersonen, Unternehmen, Vereinen, Gemeinden und Regionen - gestaltet und gefördert wird. Ihr Ziel ist ein nachhaltiges, faires, demokratisches und kooperatives Wirtschaften. Erreicht werden soll dieses Ziel durch das Erstellen von individuellen Gemeinwohl-Bilanzen durch das Unternehmen selbst, das dabei von Beraterinnen und Beratern unterstützt wird.

Auch hier geht es wieder um Nachhaltigkeit: Positiv bewertet wird, wenn sich das Unternehmen human, wertschätzend, kooperativ, solidarisch, ökologisch und demokratisch verhält und organisiert. Die Wirtschaft soll auch dem Allgemeinwohl dienen, Finanzgewinn nicht mehr um jeden Preis erhöht werden.

Gemeinwohl bilanzieren mit der Gemeinwohl-Matrix

Solaranlage auf dem Dach eines Gebäudes. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Strom aus Sonnenenergie: ein Beispiel für eine Nachhaltigkeitsleistung von Biohandelsunternehmen, Foto: Thomas Stephan, BLE

Die Gemeinwohl-Bilanz wird auf Grundlage einer Matrix durchgeführt. Anhand eines Kriterienkataloges wird die Unternehmensleistung jährlich mit Punkten bewertet. Es gibt 17 Indikatoren, für die insgesamt maximal 100 Punkte vergeben werden. Ziel ist es dabei weniger, einen exakten Wert zu vermitteln, als vielmehr dem Unternehmen eine Einschätzung an die Hand zu geben. Mit dem Ergebnis soll nachvollziehbar werden, in welche Richtung sich das Unternehmen in Bezug auf das Gemeinwohl bewegt.

In der Gemeinwohl-Matrix werden die oben genannten Werte in Hinblick auf fünf Berührungsgruppen (Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter inklusive Eigentümern, Kunden/ Produkte/ Dienstleistungen/ Mitunternehmen und gesellschaftliches Umfeld) beschrieben. Hieraus entwickeln sich Indikatoren, wie zum Beispiel "Solidarität mit Mitunternehmen" oder "Gerechte Verteilung des Einkommens".

Chancen und Potenziale der Gemeinwohl-Bilanz

Mit der Gemeinwohl-Bilanz können Unternehmen glaubwürdig und zugleich transparent darstellen, was sie in punkto Nachhaltigkeit leisten. Für Handelsunternehmen bietet sie eine einfache Möglichkeit, Stärken und Schwächen zu erfassen und Maßnahmen zur Verbesserung gezielter zu planen. Zudem können über die Gemeinwohl-Bilanz Nachhaltigkeitsleistungen sowie Anstrengungen in diese Richtung einfach kommuniziert werden.

Beispiele aus der Praxis zeigen: Es geht!

Viele Betriebe haben bereits die Gemeinwohl-Bilanzierung durchgeführt. Darunter sind auch einige Biohandelsunternehmen. Aus deren Erfahrungen lässt sich ablesen, wie vielfältig die gewonnenen Erkenntnisse sein können. Florian Gerull, Geschäftsführer des Tiefkühlhandels Ökofrost, beschreibt seinen Eindruck folgendermaßen: "Mit der Gemeinwohlbilanz kann man Fortschritte bei der Erreichung eigener Ziele messen. Außerdem stellt sie eine sehr gute Grundlage für eine Werteauseinandersetzung mit unseren Partnern dar und trägt zur Vernetzung bei". Für Ökofrost fällt die Gemeinwohl-Bilanz aufgrund eines vorbildlichen Gehaltsmodells besonders gut im Indikator "gerechte Einkommensverteilung" aus. Eine andere Möglichkeit kann eine Solaranlage sein, mit der das Unternehmen einen Beitrag zu ökologischen Nachhaltigkeit leistet.

Beim Naturkostgroßhandel Bodan beispielsweise wird insbesondere auf die sozialen Aspekte eingegangen: "Statt die Ellenbogen auszufahren, reicht Bodan allen Beteiligten des Wertschöpfungskreislaufs die Hand und setzt auf ein Miteinander im konstruktiven Dialog und gegenseitigem Respekt".

Die bewusste Auseinandersetzung mit den Indikatoren birgt einen reichen Erfahrungsschatz für interessierte Betriebe. Der innerbetriebliche Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung, in den Mitarbeitende und Unternehmen eingebunden sind, trägt zur Bewusstseinsbildung zu den Fragestellungen der Indikatoren bei. Und dies ist bereits ein wichtiger Schritt hin zu einem Gemeinwohl-orientierten Unternehmen.


  • Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie (2012), Deuticke Verlag, 208 Seiten, 17.90 €. ISBN 978-3-552-06188-0

Letzte Aktualisierung: 11.11.2015