Handel


Essen von morgen: Insekten als Lebensmittel

Heuschrecke. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
In Europa die Wanderheuschrecke für den menschlichen Verzehr gezüchtet. Sie ist aufgrund ihres hähnchenartigen Geschmacks ein beliebtes Speiseinsekt. Foto: Dominic Menzler, BLE

Lebensmittel aus Insekten – das klingt für viele Menschen zuerst einmal ungewohnt. In Teilen von Asien, Südamerika und Afrika ist der Verzehr von Insekten hingegen schon längst Alltag, und das aus gutem Grund: Viele Insektenarten sind nicht nur schmackhaft und sehr nährstoffreich, sondern lassen sich ressourcenschonend und artgerecht erzeugen. 

Lebensmittel aus Insekten zeichnen sich durch eine Fülle an wertvollen Proteinen aus und beinhalten zudem viele wichtige Spurenelemente wie Eisen, Zink und Vitamin B. Darüber hinaus weisen sie einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren auf. Mehlwürmer haben zum Beispiel einen deutlich höheren Eiweiß-Gehalt als Fleisch, gleichzeitig einen geringeren Fettanteil.

Ressourcenschonende und artgerechte Haltung

Die Herstellung von Speiseinsekten ist deutlich klimafreundlicher als beispielsweise die Produktion von Hühner- oder Schweinefleisch. Sie benötigt weniger Ressourcen wie Futtermittel oder Wasser und beansprucht darüber hinaus deutlich weniger Landfläche. Ebenfalls positiv zu bewerten ist, dass Antibiotika gar nicht zum Einsatz kommen. Auch die Futtereffizienz von Insekten ist deutlich höher als bei klassischen Nutztieren, so das Bundeszentrum für Ernährung (bzfe) in einem Beitrag über essbare Insekten. Das liegt daran, dass Insekten wechselwarme Tiere sind und sie deshalb weniger Energie aufwenden müssen, um ihre Körpertemperatur zu regeln. 

Insektenprodukte als "Neuartige Lebensmittel" zugelassen

In Europa werden essbare Insekten in einer industriellen Zucht unter kontrollierten Bedingungen vermehrt. So kann gewährleistet werden, dass sichere und wertvolle Produkte erzeugt werden. 

Die Herstellung von Lebensmitteln aus Insekten ist seit dem 1. Januar 2018 die Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283 geregelt. In dieser Verordnung werden Insekten explizit aufgeführt. Anträge für die Zulassung müssen direkt bei der Europäischen Kommission eingereicht werden. Die Zulassung und gesundheitliche Bewertung der neuen Lebensmittel übernimmt dann die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). In manchen Fällen kann auch auf das neue Anzeigeverfahren für traditionelle Lebensmittel aus einem Drittstaat zurückgegriffen werden, um eine Zulassung für den europäischen Lebensmittelmarkt für Lebensmittel aus bestimmten Insektenarten zu erhalten. Nämlich dann, wenn belegt werden kann, dass das Lebensmittel dort seit mindestens 25 Jahren verzehrt wurde und keinerlei Sicherheitsbedenken aufgetreten sind. 

In der Schweiz sind drei Insektenarten (Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken) schon seit 2017 als Lebensmittel zugelassen. Vor allem in Städten verkaufen sich Produkte aus Insekten gut.

Als Biohändler oder -händlerin Informationen geben 

Neue Produkte in das eigene Regal aufzunehmen macht Spaß. Händlerinnen und Händler, die Lebensmittel aus Insekten vermarkten möchten, sollten sich und ihr Personal vorab gut über die Vorteile von Insekten als Nahrungsmittel informieren. Da die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher es nicht gewohnt sind, Insekten zu essen, muss das Personal für jegliche Fragen gewappnet sein. 

Junge Unternehmen gehen hier mit gutem Beispiel voran und beantworten wichtige Fragen zu ihren neuartigen Produkten auf ihrer Webseite. Das Osnabrücker Start-Up Unternehmen BugFoundation hat zum Beispiel einen Insektenburger aus Buffalowürmern kreiert – jedoch nicht in Bioqualität. Auf seiner Internetseite beantwortet das Unternehmen unter anderem, wie die Würmer getötet werden. Als Kaltblüter fallen die Buffalowürmer natürlicherweise in eine Art Winterschlaf, sobald sie runtergekühlt werden, weil sie ihre Körpertemperatur an ihre Umgebungstemperatur anpassen. Dies passiert gewöhnlich in der Natur bei Nacht, wenn die Temperaturen fallen. Bei der Produktion von Buffalowürmern wird die Temperatur jedoch deutlich weiter runter gekühlt. Dadurch wachen die Würmer nicht mehr aus ihrem Ruhezustand auf.

Die Frage, ob ihr Insektenburger vegetarisch oder gar vegan ist, beantwortet das Unternehmen mit einem deutlichen nein. Insekten sind Tiere, weshalb sie und damit auch der Insektenburger den Grundsätzen der vegetarischen oder veganen Ernährung nicht entsprechen.

Instinct Insektensnack – das erste biozertifizierte Insektenprodukt Europas

Insektensnack. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Der erste Bioinsektensnack Europas kommt von der Bearprotein GmbH. Es gibt ihn in zwei Geschmacksrichtungen. Foto: Henriette Quaing, AMI

Seit Juli 2018 gibt es den Instinct Insektensnack des Start-Ups Bearprotein zum Beispiel in Filialen der Bio Company und bei Basic Bio zu kaufen. Das Start-Up verwendet für seine Produkte Insektenmehl aus biologisch gezüchteten Grillen. In der Produktion wird bewusst auf Kristallzucker, Gluten und Laktose verzichtet. Hergestellt werden die Insektensnacks über entomofarms in Kanada, da in Deutschland bisher keine Insektenzüchter und Produzenten für Insektenlebensmittel existieren. Die Grillen werden mit Mais, Gräsern und etwas Soja gefüttert, alles biozertifiziert. Zudem wird in der Insektenproduktion auf den Einsatz von Plastikboxen verzichtet. 

Was ist das Besondere an Bio-Insektenlebensmitteln? 

Wie bei der herkömmlichen Tierhaltung liegen die Unterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Produktion sowohl in der Fütterung, den Haltungsbedingungen als auch in der Verwendung von Hilfsstoffen. Biozertifizierte Insekten erhalten biozertifiziertes, gentechnikfreies Futter, bei dessen Herstellung auf den Einsatz chemischer Mittel verzichtet wurde. Bei den Haltungsbedingungen geht es darum, eine artgerechte Haltung zu gewährleisten, also Bewegungsmöglichkeiten, Licht und ausreichend Platz für die Insekten zur Verfügung zu stellen. Bei der Verwendung von Hilfsstoffen sind sich ökologische und konventionelle Insektenzucht sehr ähnlich. In beiden wird bisher auf Hormone und Antibiotika verzichtet. Insekten haben den Vorteil, dass sie diese nicht benötigen. 

Erste Öko-Erzeugerrichtlinie für Insekten

Die neue Naturland Richtlinie für ökologische Insektenzucht definiert grundlegende Haltungsbedingungen für sieben Arten von Käfern, Fliegen und Heuschrecken in der Insektenproduktion. Hintergrund ist vor allem der stärkere Einsatz von Insekten als Futtermittel für andere Tierarten, aber auch als Lebensmittel. Zur Fütterung sollen in erster Linie ökologisch-pflanzliche Nebenprodukte und Reststoffe aus der Verarbeitung eingesetzt werden. Den Einsatz von Futtermitteln, die in direkter Konkurrenz zu menschlicher oder tierischer Ernährung stehen, gilt es grundsätzlich zu vermeiden. Durch vorbeugende Maßnahmen wie artgerechte Besatzdichten und optimale hygienische Bedingungen soll die Tiergesundheit sichergestellt werden. Auch für die Tötung der Tiere gibt es eine Regelung: Sie muss so schonend und schnell wie möglich erfolgen – mittels Temperaturschock direkt im Aufzuchtbetrieb.  

Von Insektenprodukten profitieren 

Laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vermuten die meisten Deutschen keine gesundheitlichen Risiken durch den Verzehr von Insekten, wünschen sich aber mehr Informationen dazu. Diese Informationen sollten Händlerinnen und Händler zur Verfügung stellen. Für Bioladnerinnen und -ladner können Lebensmittel aus öko-zertifizierten Insekten eine Bereicherung im Sortiment sein und bieten eine Möglichkeit, nachhaltige Proteinalternativen neben den herkömmlichen Fleischprodukten anzubieten. 

Bis Insekten aber häufiger auf den Speiseplan der Biokundschaft kommen können, müsste die Herstellung dieser Produkte in Deutschland vorangetrieben werden. Hierzu wäre es hilfreich, wenn in der Schwebe befindliche Antragsverfahren im Zuge der Novel-Food-Verordnung Gewissheit schaffen würden. Auch der Bekanntheitsgrad von Insekten als Lebensmittel müsste bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern erhöht werden. Einer repräsentativen Umfrage vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zufolge, haben aber zumindest schon 72 Prozent der Befragten von Insekten als Lebensmittel gehört.


Letzte Aktualisierung: 19.06.2019