Handel


Obst und Gemüse abseits der Norm

Feldkarottenanbau. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Hohe Verluste vom Feld bis auf den Teller. Foto: Thomas Stephan, BLE

Obst und Gemüse ist nicht immer perfekt

In der EU sind für die Vermarktung von frischem Obst und Gemüse (mit wenigen Ausnahmen) staatliche Vermarktungsnormen einzuhalten. Die EU-Vermarktungsnormen sollen sicherstellen, dass das frische Obst und Gemüse in einwandfreiem Zustand, unverfälscht und von vermarktbarer Qualität ist. Daneben gibt es die Anforderungen des Handels, die sich an der Philosophie des jeweiligen Unternehmens orientieren. Diese sind manchmal sogar strenger als es die EU-Vermarktungsnormen für die Qualität von frischem Obst und Gemüse vorschreiben.

Schönheitsfehler wie zum Beispiel krumme, schiefe Früchte oder Erzeugnisse mit mehr oder weniger starken Schalenfehlern werden in den EU-Vermarktungsnormen durchaus toleriert. Als nicht verzehrbar und somit nicht vermarktbar,  gelten hier zum Beispiel Verhärtungen im Fruchtfleisch, Fraß- oder Fäulnisstellen. Das Argument, die Verbraucher könnten die Mängel wegschneiden, gilt hier nicht. Denn erstens bilden manche Fruchtfäulen Mykotoxine und zweitens sollen die Verbraucher 100 Prozent verzehrbare Ware für ihr Geld bekommen.

Obst und Gemüse, dessen Mängel die Verzehrbarkeit nicht beeinträchtigen, kann in der allgemeinen Vermarktungsnorm, in Klasse II oder in der Toleranz der Klasse II vermarktet werden. Auf diese Weise könnte der Handel fast alles "Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern" vermarkten.

Im Übrigen fällt in einer fachkundigen Produktion wenig Obst und Gemüse mit schweren, die Verzehrbarkeit beeinträchtigenden Schönheitsfehlern an. Selbst in Jahren mit großen klimatischen Herausforderungen – wie dem Spätfrostjahr 2017 oder dem Hitze- und Trockenheitsjahr 2018 – kann Obst und Gemüse mit durch die Witterung verursachten Mängeln im Rahmen der Vermarktungsnormen auf dem Frischmarkt angeboten werden. Für die Erzeugung ist eine Vermarktung, zum Beispiel als Klasse II, aber nur sinnvoll, wenn die Erzeugerpreise wirtschaftlich vertretbar sind. Den Erzeugern muss auch zugestanden werden, dass sie Erzeugnisse, die sie nicht zu sinnvollen Preisen im Lebensmitteleinzelhandel vermarkten können, im Ab-Hof-Verkauf vermarkten oder in die Verarbeitung geben. Die Erzeugnisse sind damit dem Lebensmittelkreislauf nicht entzogen. Nur wenn die Landwirtinnen und Landwirte vom Verkauf ihrer Erzeugnisse leben können, können sie die Verbraucher mit Obst und Gemüse gut versorgen.

Dennoch kommen fast 30 bis 40 Prozent des ökologisch erzeugten Obsts und Gemüses gar nicht erst in den Handel, weil es Verformungen oder Verfärbungen hat. Die Frage ist, ob Verbraucherinnen und Verbraucher bereit sind, auch mit Makeln behaftete Bioprodukte im Laden zu kaufen, auch wenn sie nicht preiswerter angeboten werden? Einzelne Modelle im Handel gibt es bereits und die Erfolgsbilanz ist vielversprechend.

Start mit den Biohelden

Mit den "Biohelden" hat Penny seit April 2016 deutschlandweit solches Obst und Gemüse in sein Biosortiment der Eigenmarke Naturgut aufgenommen, das äußerlich nicht immer makellos ist. Für die sogenannten Biohelden wurden die Qualitätsanforderungen gelockert. Begründet wird dies damit, dass es im ökologischen Landbau etwa durch Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz und leicht lösliche Düngemittel zu Schalenfehlern sowie kleineren Früchten kommt. Obwohl das keinen Einfluss auf Qualität, Geschmack oder Haltbarkeit hat, schaffe es bisher meist nur äußerlich perfektes Obst und Gemüse ins Regal. Die Naturgut Biohelden werden nicht gesondert verpackt oder günstiger angeboten, sondern sind normaler Bestandteil der Packungen im Biosortiment. Wie viel Obst und Gemüse unter den Biohelden Schönheitsfehler hat, hängt von Saison und Witterung ab. Nach Unternehmensangaben wird ein Marktvolumen von bis zu 40 Millionen mit Naturgut Biohelden in den deutschlandweit 2.200 Filialen angestrebt.

Immer wieder bewirbt Penny eine Vielzahl der Biohelden. Das Angebot bezieht sich nicht nur auf deutsches Obst und Gemüse, sondern auch spanische Zucchini und Zitronen sowie niederländische Möhren sind gelistet. Bei Bananen kommt zum Biohelden-Label auch das FairTrade-Siegel. Ein Jahr nach Einführung der Biohelden sind die verkauften Mengen um 7,5 Prozent gestiegen. Wegen der starken Nachfrage hat Penny die Anzahl der Biohelden bereits von 13 auf 21 Artikel inklusive regionaler und saisonaler Artikel erhöht (Stand Dezember 2017). Absolute Lieblinge der Kundschaft sind Biopaprika (+54 Prozent), gefolgt von Biogurken (+52 Prozent), Biokiwi (+33 Prozent) und schließlich Biorispentomaten (+25 Prozent).

Ein weiterer Discounter vermarktet "Krumme Dinger"

Seit August 2017 verkauft auch Aldi Süd Obst und Gemüse mit optischen Makeln unter dem Namen "Krumme Dinger". Als erstes wurde das neue Konzept mit Biomöhren und Bioäpfeln umgesetzt. Die Krummen Dinger werden nicht getrennt verkauft, sondern landen in einer Packung mit "einwandfreiem" Obst und Gemüse. Die Verpackung wird entsprechend gekennzeichnet. Den Verkauf der Krummen Dinger wird der Discounter gemeinsam mit dem Institut für Nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster wissenschaftlich auswerten. Außerdem will Aldi analysieren, wie sich die Verschwendung in der Wertschöpfungskette weiter reduzieren lässt.

Zugeständnisse an den Preis erforderlich?

Ein Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher würde Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern kaufen, wenn es deutlich günstiger angeboten wird. Das ist ein Fazit einer Umfrage des Analytik-Unternehmens Blue Yonder. Rund 4.000 Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA wurden zu ihren Einkaufserfahrungen befragt. Etwa 90 Prozent aller Befragten brauchen einen Preisnachlass als Anreiz für den Kauf von Obst und Gemüse mit kleinen optischen Fehlern. In Deutschland würden knapp 70 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten zuschlagen, wenn es einen Rabatt von mindestens 20 Prozent gäbe. Je nach Einkaufsstätte gab es Unterschiede. Im Supermarkt wären 86 Prozent und im Discounter 84 Prozent der Kundinnen und Kunden in Deutschland offen für den Kauf von nicht perfektem Obst und Gemüse, wenn sie dadurch sparen könnten. Im Onlinehandel sind es nur 50 Prozent. Zumindest sind das die Aussagen der Konsumentinnen und Konsumenten.

Naturkosthandel will auch einwandfreie Ware

Auch im Naturkosthandel werden hohe Anforderungen an die Qualität von Obst und Gemüse gestellt. Allerdings wird dort eher die Handelsklasse II, die leichte Abschläge in äußerer Qualität zulässt, akzeptiert. Ein Beispiel, wie schwierig es aber auch im Naturkosthandel ist, unförmige Ware unterzubringen, zeigt die schwache deutsche Bioapfelernte 2017. Einzelne Naturkost-Großhändler wie Rinklin haben ihre Läden über die zu erwartenden Ernteausfälle bei deutschen Bioäpfeln informiert. Auch hier wird von partiellen Schönheitsfehlern an den Äpfeln wie sogenannten Frostplatten gesprochen, die eine Vermarktung über den Naturkosteinzelhandel erheblich erschwert. Nun liegt es an den Ladnerinnen und Ladnern, diese Schönheitsfehler der Kundschaft zu erklären.

Unmittelbarer Kundenkontakt ist Trumpf

Wenn die Landwirtinnen und Landwirte keine Abnehmer finden, bleiben sie auf ihrer Ware sitzen, und die Ware landet gegebenenfalls im Futtertrog oder auf dem Kompost. Aussortierungen bis zu 40 Prozent bei vielen Obst- und Gemüsearten sind keine Seltenheit. In Jahren mit schwachen Ernten und einem hohen Anteil an Qualitätseinschränkungen lassen sich Bioobst und Biogemüse mit äußerlichen Mängeln am besten erklären und verkaufen. In Hofläden und auf Wochenmärkten, aber auch im Naturkosthandel – überall da, wo der Kundenkontakt eng ist – lassen sich die "Krummen Dinger" am besten erklären. Gut sind Kostproben wie beispielsweise frisch aufgeschnittene Äpfel, die den direkten Beweis für die innere Produktqualität liefern.

Abokisten "retten" Obst und Gemüse

Um auch den Teil der Ernte, der aufgrund seines Aussehens auf dem Feld liegen bleibt oder vernichtet wird, zu retten, setzten sich in München zwei Projekte intensiv mit dem Thema auseinander. Ugly Fruits gründete einen gemeinnützigen Verein, um Aufklärungsarbeit zu leisten und Etepetete, um Ausschussobst- und –gemüse von Biohöfen aufzukaufen und als Abo-Kiste zu vermarkten. Biokundinnen und Biokunden können bei Etepete die Gemüseretter-Box bestellen, die krumme Gurken, Karotten mit zwei Beinen und riesige Zucchini enthalten, die zwar den Normen der Supermärkte nicht standhalten, aber deswegen nicht schlechter schmecken.


Letzte Aktualisierung: 11.12.2017