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Tierwohl als Chance für Biofleisch?!

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Neun von zehn Personen finden es notwendig, artgerechter Haltung von Nutztieren größere Beachtung zu schenken. Quelle: Thomas Stephan, BLE

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland wünschen sich eine artgerechtere Tierhaltung. Dafür sind sie auch bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Dies birgt Potenzial für die Produktion und Vermarktung von Biofleisch und -wurstwaren.

Rund 60 Kilogramm Fleisch verzehrte jede Bundesbürgerin und jeder Bundesbürger im Jahr 2015. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutete dies einen Rückgang von immerhin einem Kilogramm. Die Gründe für den rückläufigen Fleischkonsum sind vielfältig. Auf der einen Seite gewinnen moralisch-ethische Kriterien für die eigene Kaufentscheidung an Bedeutung. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem die Aspekte Tierwohl und Umwelt. Auf der anderen Seite zügeln Bedenken hinsichtlich der eigenen Gesundheit den Appetit auf Fleisch- und Fleischerzeugnisse. Zudem wirkt sich der anhaltende Alterungsprozess der Bevölkerung in Deutschland dämpfend auf die verzehrte Menge aus, da ältere Menschen tendenziell weniger Fleisch essen.

Fleischverzicht oder artgerechtere Haltung

Von dieser Entwicklung profitieren fleischlose Alternativen, die sich unter Verbraucherinnen und Verbrauchern wachsender Beliebtheit erfreuen und dem Handel sowie der Ernährungsindustrie zunehmende Umsätze bescheren. Bedient wird dieses Segment gleichermaßen von der Biobranche, aber auch von traditionellen Fleischverarbeitern. Bezogen auf die nachgefragten Mengen an Fleisch, Wurst und Geflügel war die Marktbedeutung der Fleischersatzprodukte 2015 mit einem Anteil von rund einem Prozent jedoch noch gering. Dabei kaufte fast jeder vierte Privathaushalt fleischlose Alternativen. Die Wenigsten verzichten dabei jedoch vollständig auf Fleisch. In einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) von Oktober 2015 gaben lediglich drei Prozent der Befragten an, nie Fleisch oder Wurst zu essen. Ungeachtet dessen hielten es neun von zehn Befragungsteilnehmerinnen und -teilnehmern (88 Prozent) notwendig, artgerechter Haltung von Nutztieren größere Beachtung zu schenken.

Mit der Initiative Tierwohl haben sich die Verantwortlichen aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel des Themas angenommen. Ziel der Brancheninitiative ist eine tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung in der konventionellen Nutztierhaltung.

Das Thema Tierwohl bedeutet jedoch auch eine Chance für biologisch erzeugtes Fleisch. Zumal die Biotierhaltung als mögliche Maßnahme zur Reduktion von Umweltbelastungen durch die Fleischproduktion gesehen wird. 40 Prozent der im Rahmen des Ökobarometers 2016 befragten Personen gaben an, häufig oder ausschließlich Biofleisch oder Biowurstwaren zu erwerben. Nimmt man die – nach eigener Einschätzung – gelegentlichen Käuferinnen und Käufer hinzu, verdoppelt sich der Anteil. Als wichtigsten Grund für den Kauf von Biofleisch oder -wurstwaren führten die Befragten die bessere Behandlung der Tiere an. Immerhin 95 Prozent derjenigen, die zumindest gelegentlich Fleisch oder Wurst aus ökologischer Erzeugung kaufen, nannten das gleiche Argument.

Bioanteil im Fleischmarkt noch gering

Kreisdiagramm: Fachgeschäfte und Direktvermarkter zeigen hohe Marktanteile im Biofleischmarkt. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Metzger, Naturkostfachhandel und Direktvermarkter bedienten 2015 mehr als die Hälfte der Nachfrage nach Biofleisch, -wurstwaren und -geflügel. Quelle: AMI auf Basis GfK-Haushaltspanels

Die Zahlen des GfK-Haushaltspanels relativieren dieses Befragungsergebnis jedoch. Demnach kauften 2015 nur 35 Prozent aller privaten Haushalte in Deutschland mindestens einmal Fleisch, Geflügel oder Wurstwaren aus ökologischer Erzeugung. Bislang ist die Marktrelevanz dieser Segmente daher auch noch gering. Allerdings entwickelte sich die Nachfrage der privaten Haushalte 2015 dynamisch. Die Einkaufsmenge von Biofleisch, -geflügel und -wurstwaren stieg in einem schrumpfenden Gesamtmarkt um 7,6 Prozent. Insgesamt bewegte sich der Bioanteil an den Einkaufsmengen in diesen Warengruppen bei 1,4 Prozent. Ein Grund für diesen im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln wie Eier, Milch, Obst oder Gemüse niedrigen Wert ist das bis dato eingeschränkte Biosortiment im Lebensmitteleinzelhandel. Dies gilt insbesondere für die Discounter. Das wiederum beschert Fleischerfachgeschäften, dem Naturkostfachhandel und der Direktvermarktung hohe Marktanteile. Auch die hohen Preisunterschiede zwischen konventionellem und Biofleisch insbesondere bei Geflügel und Schweinen sowie die knappe Verfügbarkeit lassen die Bioanteile nur langsam wachsen.

Ein Indiz für das Potenzial, das Biofleisch und -fleischerzeugnisse bergen, ist die aktuelle Preisentwicklung auf Erzeugerebene. Der Rohstoff ist knapp und gesucht. Während im April 2016 Schweine der Handelsklasse E aus konventioneller Haltung nur 1,29 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht erzielten, erhielten die Landwirte für vergleichbare Bioschweine durchschnittlich 3,70 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Aufschläge von 50 Cent je Kilogramm für Biokühe nehmen sich da fast bescheiden aus. Doch auch der Preisabstand zwischen konventionellen und Biorindern wächst.


Letzte Aktualisierung: 17.08.2017