Handel


Interview mit Vermarktern von Bioäpfeln zur Lage am Apfelmarkt und neuen Lieferstrukturen

Bioäpfel in einer Kiste. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Bioäpfel in Großkiste. Foto: U. Schockemöhle, AMI

Äpfel gehören nach den Bananen zum beliebtesten Bioobst der Deutschen. Anders als bei den meisten Bioprodukten werden Bioäpfel zu fast gleichen Teilen bei den Vollsortimentern, im Discountbereich und über den Naturkosthandel verkauft. Der Großteil des Angebots stammt in normalen Erntejahren aus hiesigem Anbau.

Nachdem im Jahr 2017/18 durch den späten Frost im April und Mai die Ernte sehr viel kleiner, in einigen Anbauregionen sogar fast komplett ausgefallen ist, steht für die Saison 2018/19 eine Rekordmenge zur Verfügung. Kommt der Markt damit klar? Dreht der bislang durch das Angebot eingeschränkte Markt jetzt auf einen Anbieter-Markt? Wie müssen wir uns den Apfelmarkt von morgen vorstellen?

Ein Interview mit Henning Rolker, Geschäftsführer von Rolker Ökofrucht, Markus Schraff, Leitung Bio Vertrieb bei Obst vom Bodensee und Gerhard Eberhöfer, Verkaufsleiter Bioprodukte beim Verband der Vinschgauer Produzenten für Obst und Gemüse (VIP):

Oekolandbau.de: Als erstes eine Frage zu dem Thema, das alle stark bewegt und wohl auch viel in Bewegung gesetzt hat: Die Kooperation zwischen EDEKA und Demeter und noch mehr zwischen dem Discounter Lidl und Bioland. Ist damit die Richtung für die weitere Entwicklung, nämlich eine Bindung von Handel und Verband, vorgegeben?

Schraff: Bei mehreren Kunden wird die Richtung vorgegeben sein. Dadurch ergibt sich auch die Möglichkeit, die wertvollen und vielfältigen Aufgaben der Bio-Anbauverbände und die Interessen der Erzeuger gegenüber dem Handel und den Konsumentinnen und Konsumenten besser zu kommunizieren. Es wird aber immer auch Ware geben, die nicht mit einem Siegel der Anbauverbände gekennzeichnet ist. Gerade bei großen Ernten könnte eine zusätzliche, zweite Produktlinie in einem günstigeren Preissegment sinnvoll sein.

Rolker: Jedes Mitglied eines Verbandes ist ein Erzeuger von ökologischen Produkten und somit auf den Handel mit diesen angewiesen. Wenn jetzt namhafte Einzelhändler mit den Verbänden eine Kooperation eingehen, stärkt es die öffentliche Wahrnehmung der Produzentengemeinschaften. Von einer Bindung von Handel und Verband ist so nicht zu sprechen.

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Markus Schraff, Vertriebsleiter bei Obst vom Bodensee. Foto: M. Schraff, Obst vom Bodensee

Oekolandbau.de: Was spricht für diese Kooperationen?

Schraff: Bei richtiger Herangehensweise können durch diese Kooperation alle gewinnen. Die Erzeuger finden ihre Marke im Lebensmitteleinzelhandel wieder und können sich mit den Kunden identifizieren. Die Verbände können auf wichtige Themen aufmerksam machen und der Handel profitiert von den hohen Vertrauens- und Imagewerten der Verbände. Die Konsumenten profitieren von der hohen Produktsicherheit.

Oekolandbau.de: Wie wird sich abhängig oder unabhängig davon die Angebotsstruktur verändern? Geht der Trend zu mehr Größe?

Rolker: Die ökologische Produktion ist aus der Nische herausgetreten. Absolut werden sich die Anbieter sicher vergrößern, anders müssten bei einem wachsenden Markt ja neue Anbieter dazu kommen. Relativ zum Anbau wird sich dieses jedoch nicht sonderlich bemerkbar machen. Eher im Gegenteil, die Anbieter werden in Relation zum Markt eher kleiner.

Oekolandbau.de: Sollten sich Lieferanten/Händler breiter aufstellen eventuell stärker miteinander kooperieren, um Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten? Ist der Markt überhaupt im Gleichgewicht?

Eberhöfer: Es gibt heute bereits große Vermarkter, die viele Produzenten und entsprechend große Mengen hinter sich haben. Das ist Voraussetzung, um große Kunden auf Abnehmerseite bedienen zu können. Andererseits ist eine gewisse Anzahl an Lieferanten absolut in Ordnung. Ein gesunder Konkurrenzkampf belebt das Geschäft, jeder wird gefordert und die besten werden mit Sicherheit auch in Zukunft gute Ergebnisse für ihre Produzenten erzielen.

Rolker: Derzeit befindet sich der Markt noch weitgehend im Gleichgewicht. Jetzt kommt es auf die Politik an, dieses Gleichgewicht nicht durch eine unausgewogene und marktferne Förderpolitik aufs Spiel zu setzten.

Oekolandbau.de: Welchen Beitrag leistet der Lebensmitteleinzelhandel und speziell der Discountbereich, um dem mittelfristigen Ziel der Bundesregierung in Deutschland von 20 Prozent Ökolandbau näher zu kommen?

Schraff: Wir kommen aufgrund von Witterungseinflüssen, aber auch steigender Produktionsfläche sehr schnell von einer knappen Warenversorgung bei Bio (Käufermarkt) hin zu einem ausgeglichenen Markt. Gerade 2017/18 war die Bioware in Deutschland, aufgrund der schweren Frostschäden, knapp. Ziele zu erfüllen, die von Seiten der Politik einfach vorgegeben werden ohne Änderung der Rahmenbedingungen erscheint darüber hinaus fraglich.

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Henning Rolker, Geschäftsführer Rolker Ökofrucht. Foto: H. Rolker, Rolker Ökofrucht

Rolker: Der Durchbruch kommt von den Verbrauchern. Nur, wenn der Verbraucher 20 Prozent nachfragt, ist dieses Ziel zu erreichen.

Oekolandbau.de: Und ist sogar nur mit den Discountern ein Durchbruch zu 20 Prozent möglich?

Schraff: Um einen Anteil von 20 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel zu erreichen, benötigt man alle Vertriebsschienen. Ferner wird dieser anstrebenswerte Bioanteil wohl nur möglich sein, wenn es gelingt, das Sortiment im Bereich Bio auszuweiten.

Oekolandbau.de: Wenn sich die Vermarktung mehr in den Discountbereich verlagert, wird der Kostendruck dann nicht steigen?

Schraff: Aus den Erfahrungen der letzten zehn Jahre und gegen alle geltenden Vorurteile scheint dies nicht automatisch der Fall zu sein.

Oekolandbau.de: Deutschland ist ein starker Markt für Bioprodukte, Österreich klettert gerade auf über 20 Prozent, wo liegen die meisten Absatzchancen in den kommenden Jahren? Weiterhin vor der Haustür?

Rolker: Die Produktion von ökologisch erzeugten Lebensmitteln steigt überall. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Nachhaltigkeit und die regionale Verankerung der Produkte. Unsere Absatzchancen müssen wir dadurch zwangsläufig vor der eigenen Haustür suchen. Dieses wird für alle Anbieter die große Herausforderung.

Oekolandbau.de: Dieses Jahr (2019) steht eine ungewöhnlich große Bioapfelmenge zur Verfügung, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Markt?

Schraff: In der aktuellen Saison muss das Ziel sein, möglichst alle Kundinnen und Kunden zu bedienen und mit Hilfe von Werbungen, tollen Qualitäten und einem attraktiven Sortiment den Mengenfluss auf einem hohen Niveau zu halten. Mittelfristig werden wir uns auf weiter steigende Erntemengen einstellen dürfen. Es muss das Ziel sein, alle Potentiale des Marktes auszuschöpfen, um auch in Zukunft unseren Erzeugern, die einen tollen Job zum Wohle der Natur machen, ein gesichertes Einkommen in Aussicht zu stellen.

Gerhard Eberhöfer. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Gerhard Eberhöfer, Verkaufsleiter beim Verband der Vinschgauer Produzenten für Obst und Gemüse. Foto: G. Eberhöfer, VIP

Eberhöfer: Unser Ziel muss es sein, den Handel davon zu überzeugen, dass dem Bioapfel mehr Sichtbarkeit geschenkt wird, sprich die Regalfläche für Bioäpfel zu erhöhen und eine breitere Auswahl an verschiedenen Sorten anzubieten. Auch die Platzierung in der Obst- und Gemüseabteilung ist enorm wichtig. Idealerweise soll die Konsumentin beziehungsweise der Konsument auf einem Blick die gesamte Auswahl an Äpfeln sehen. Bioäpfel und Äpfel aus integrierter Auswahl. Den unterschiedlichen Anbauarten und Sorten sollen die gleiche Chance gegeben werden. Der Kunde trifft dann seine Kaufentscheidung und gibt damit das beste Feedback darüber, was er haben will. Allein durch obige Maßnahmen wird der prozentuale Anteil der Bioäpfel am Gesamtverkauf stark ansteigen.

Oekolandbau.de: Von den konventionellen Äpfeln im Lebensmitteleinzelhandel ist die Verbraucherin oder der Verbraucher ein großes Angebot an Taschenware in zwei, drei oder fünf Kilo gewohnt, besonders bei Werbeaktionen? Warum spielen größere Abpackungen im Biobereich keine Rolle? Bietet sich das in einer Saison, wie der aktuellen mit einem so großen Angebot nicht an?

Schraff: Sicherlich wird es sinnvoll sein, die Packungsgrößen zu erhöhen. In Einzelfällen ist dies mit zwei Kilogramm in Körben und Netzen bei Aktionen bereits gelungen. Hier stoßen wir allerdings aufgrund der höheren Produktionskosten bei Bio auch an Grenzen, was die Preisoptik im Lebensmitteleinzelhandel betrifft. Darüber hinaus sind dem Sortiment des Handels mit deren Eigenmarken im Bereich Bio oftmals enge Grenzen gesetzt.

Oekolandbau.de: Ergeben sich aus dieser Saison gute Voraussetzungen für die kommende Saison? Bereitet diese Saison den Weg vor?

Schraff: In den nächsten Wochen steht ganz klar die Vermarktung der aktuellen Ernte im Vordergrund. Erst Mitte, Ende Mai werden wir einen ersten Überblick haben, mit welcher Erntemenge wir rechnen dürfen. Toll wäre, wenn wir auch 2019 mit einer schönen Erntemenge rechnen dürften, um das Tempo aus der aktuellen Vermarktung mit in das neue Jahr zu nehmen.

Rolker: Diese Saison kann deutlich machen, dass wir in Europa in der Lage sind, uns mit Bioäpfeln nahezu selbst zu versorgen. Somit ist diese Saison der Wegbereiter das Vertrauen unsere Kunden in die Verfügbarkeit von Europäischen Bioäpfeln zu stärken.


Letzte Aktualisierung: 25.03.2019