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Reformhäuser punkten bei Bio im Trockensortiment

Fabian Ganz im Portrait. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Fabian Ganz ist Vertriebsleiter bei bioVista. Foto: Fabian Ganz, bioVista

In Deutschland gibt es rund 1.200 Reformhäuser. Sie sind Pioniere beim Verkauf von Vollwertkost, Naturkosmetik und ganzheitlicher und gesunder Lebensführung. Allerdings steht die Branche vor Schwierigkeiten und konnte am Aufschwung der Biobranche nur bedingt teilhaben. So ist die die Zahl der Geschäfte innerhalb von 20 Jahren von 2.500 auf rund 1.200 gesunken. Der Gesamtumsatz der Reformhäuser betrug 2017 rund 676 Millionen Euro inklusive Non-Food-Artikel.

Anders als im Naturkosthandel ist nur ein Teil der im Reformhaus verkauften Lebensmittel biozertifiziert. Das macht es schwierig, den Umsatz mit Biolebensmitteln zu bestimmen. Im Projekt "Mehr Transparenz auf dem deutschen Bio-Markt" im Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) hat das Marktforschungsinstitut bioVista erstmals, nachdem bislang nur Schätzungen vorlagen, den Umsatz mit Biolebensmitteln und -getränken in den Reformhäusern in Deutschland bestimmt. Unsere Fragen beantwortet Fabian Ganz von bioVista.

Oekolandbau.de: Seit wann betreibt bioVista ein Handelspanel für den Reformwarenhandel in Deutschland? Wie viele Händler sind an dem Handelspanel beteiligt?

Fabian Ganz: bioVista betreibt je ein Handelspanel im Naturkosthandel und im Reformwarenhandel. Das Handelspanel für den Reformwarenhandel kam ab dem Jahre 2010 hinzu. Die Panel erfassen die Scannerdaten von rund 460 Einzelhändlern, davon rund 200 im Reformwarenhandel.

Oekolandbau.de: Wie genau haben Sie den Umsatz ermittelt?

Fabian Ganz: In den Geschäften werden die EAN-Codes (European Article Number = Strichcode auf den Verpackungen) der einzelnen Produkte mit Preis und Einkaufsmenge erfasst, so dass sich Verkaufsmenge und Umsatz aller Produkte ermitteln lassen. Allerdings lässt sich aus dem EAN Code nicht direkt ablesen, welche Produkte Bioprodukte sind. Mit einem mehrstufigen Abgleich mit dem Naturkosthandelspanel und anderen Artikeldatenbanken hat bioVista die Produktcodes zugeordnet. Von insgesamt 25.700 Artikeln im Reformwarenhandel waren 14.000 Artikel EAN codierte Lebensmittel. 1.300 Artikel hatten keinen EAN Code. Das war lose, frische Ware, aber auch zahlreiche hochpreisige Non-Food-Artikel. 3.900 Artikel hatten möglicherweise einen EAN-Code. Da es sich häufig um eigene Nummernkreisläufe der Einzelhändler oder der Warenwirtschaftsanbieter handelte, waren diese Codes schwer zuzuordnen. Diese machen aber nur drei Prozent des Umsatzes aus. 6.600 Artikel waren Kosmetik, Kurmittel und andere Non-Food-Artikel und fielen damit nicht in die Auswertung.

Oekolandbau.de: Wie hoch ist der Bioumsatz der Reformhäuser?

Fabian Ganz: Für die Reformhäuser konnte mit der Bestimmung der Bioartikel ein Umsatzkorridor von 194 bis 350 Millionen Euro für das Jahr 2017 ermittelt werden, mit einem Durchschnitt von 276 Millionen Euro.

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Anders als im Naturkosthandel ist nur ein Teil der im Reformhaus verkauften Lebensmittel biozertifiziert. Foto: Christine Rampold, AMI

Oekolandbau.de: Welche Bedeutung haben die Reformhäuser demnach am Biomarkt?

Fabian Ganz: Die Reformhäuser hatten damit 2017 einen Anteil am Biomarkt von 2,7 Prozent inne. Zusammen erreichten die Einkaufsstätten außerhalb des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) und des Naturkosthandels (Bäckereien, Metzgereien, Hofläden, Versandhändler und Wochenmarktbeschicker) damit einen Marktanteil von 14,6 Prozent.

Oekolandbau.de: Warum ist der ermittelte Umsatzkorridor so groß?

Fabian Ganz: Der Korridor ergibt sich im Wesentlichen durch die hohen Umsätze von loser Ware, welche keinen EAN-Code tragen. Diese 1.300 gemessenen Artikel sind zwar nur fünf Prozent nach der Anzahl der Artikel, stellen aber rund 15 Prozent des Gesamtumsatzes im Reformwarenhandel. Diese 15 Prozent sind somit nicht näher hinsichtlich "Bio" oder "Nicht-Bio" zu bestimmen. Zum Vergleich: Dies ist mehr als die Warensegmente Frische (EAN) und Getränke im Reformwarenhandel zusammen ausmachen.

Oekolandbau.de: Was sind die wichtigsten Produktgruppen für den Reformwarenhandel? Welche Bioanteile haben die verschiedenen Warengruppen?

Fabian Ganz: Der Umsatzanteil an Biolebensmitteln im Reformhaus ist hoch: Mindestens 73 Prozent des Umsatzes aus dem Warensegment Frische ist Bio, 63 Prozent im Warensegment Trockenprodukte und immerhin 58 Prozent im Warensegment Getränke. In absoluten Zahlen gesprochen sind Trockenprodukte damit die wichtigste Warengruppe für die Bioumsätze. Gemessen an der Gesamtbedeutung kommen neben den Food-Kategorien auch die wichtigen Kategorien der Kosmetik und Kurmittel mit 16 Prozent beziehungsweise 17 Prozent Umsatzanteil hinzu.

Oekolandbau.de: Welche aktuellen Trends sehen Sie in den Reformhäusern und wie können sich die Reformhäuser im Wettbewerb um die Biokundschaft profilieren?

Fabian Ganz: Das Reformhaus hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, Gesundheitsthemen früher als andere Vertriebskanäle "zu bespielen". Bei den Sortimenten sind Manuka Honige ein aktueller Beleg dafür. Diese sind seit Jahren im Reformhaus erhältlich und haben in den letzten Jahren auch für starke Umsatzzuwächse gesorgt. Erst in den letzten Monaten haben andere Vertriebskanäle nachgezogen und diesen Trend aufgegriffen. Für eine Profilierung im Wettbewerb um die Biokundschaft muss es dem Reformwarenhandel gelingen, aus Gesundheitsthemen noch mehr Kapital zu schlagen und damit Kundinnen und Kunden langfristig an sich zu binden.

Oekolandbau.de: Inwieweit können die im Projekt ermittelten Umsätze des Reformwarenhandels in Zukunft eine bessere Schätzung des Bioumsatzes ermöglichen?

Fabian Ganz: bioVista konnte für den Reformwarenhandel erstmalig einen Bioumsatz- beziehungsweise Bioabsatz Korridor ermitteln, welcher für die jährliche Verbesserung der Marktschätzung des Arbeitskreises Biomarkt herangezogen werden kann. Es muss somit für den Reformwarenhandel weniger geschätzt, sondern kann gemessen werden. Die gewonnenen Ergebnisse und Methoden können jährlich für die Arbeit des Arbeitskreises Biomarkt genutzt werden.


Letzte Aktualisierung: 21.05.2019