Landwirtschaft


Der Biokartoffelmarkt – Jetzt umstellen oder Anbau ausweiten?

Grafik zur Biokartoffelanbaufläche und den Betrieben. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Anbaufläche für Biokartoffeln in Deutschland ist seit vielen Jahren konstant, genau wie die Zahl Betriebe. Quelle: AMI

Der Markt für Biokartoffeln wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen günstig für Erzeugerbetriebe. Wer Biokartoffeln anbaut, erzielt für verkaufsfähige Speiseware in den meisten Jahren deutliche höhere Preise als konventionelle Betriebe. Hinzu kommt, dass die Preise im Biosegment deutlich geringeren Schwankungen unterliegen. Das gilt sowohl von Anbaujahr zu Anbaujahr als auch innerhalb einer Anbausaison.

Parallel zum gesamten Biomarkt hat sich auch die Nachfrage nach Biokartoffeln sehr positiv entwickelt. Trotz höherer Preise greifen viele Verbraucherinnen und Verbraucher immer häufiger zu Bioware, während die Nachfrage nach konventionellen Speisekartoffeln seit längerem rückläufig ist. Allein im ersten Quartal 2019 verzeichnete der Handel für Biospeisekartoffeln Zuwachsraten von über 40 Prozent.

LEH benötigt bis zu 3.000 Tonnen pro Woche

"Hier müssen wir allerdings abwarten, ob dieser Trend von Dauer ist", warnt Monika Tietke, Geschäftsführerin des Bio Kartoffel Erzeuger e.V. (BKE). Der Verein bündelt die Interessen von etwa 200 Biokartoffelbetrieben, die mehr als ein Drittel der gesamten Anbaufläche von circa 8.700 Hektar bewirtschaften. Die Mitgliedsbetriebe des Vereins erzeugen etwa 70 Prozent der Biospeisekartoffeln für den deutschen Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Pro Woche werden 2.500 bis 3.000 Tonnen abgepackte über den LEH verkauft.

Sehr positiv sieht Tietke die Entwicklung, dass die großen Handelsketten bevorzugt deutsche Biokartoffeln anbieten und inzwischen auch mit der Herkunft aus der "Region Deutschland" werben. Bis vor wenigen Jahren war es im Handel üblich, bereits ab Februar Importware anzubieten und regionale Biokartoffeln auszulisten. Das Einlagern der Ernte war deshalb mit hohen Risiken behaftet und lohnte sich kaum.

Handelsketten setzen verstärkt auf Verbandsware

"Heute spielen Importe nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Lagerware wird in der Regel komplett verkauft, wenn auch ohne Aufschlag für die Kosten der Lagerung", sagt Tietke. Die Handelsketten gehen inzwischen sogar einen Schritt weiter und setzten immer mehr auf reine Verbandsware.

Eine Entwicklung, die in Tietkes Sinne ist: "Betriebe, die nach EU-Vorgaben wirtschaften, produzieren unter anderen Voraussetzungen." So dürfen sie zum Beispiel bis zu 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr zukaufen, während der Zukauf bei Verbandsbetriebe auf 40 Kilogramm pro Hektar und Jahr begrenzt ist. "Das führt zu einer klaren Wettbewerbsverzerrung", meint Tietke. Dennoch geht sie davon aus, dass sich der Trend zu mehr Verbandsware bei Biokartoffeln weiter fortsetzen wird, da der Handel diese Entwicklung forciert.

Anbaufläche stagniert

Doch trotz dieser günstigen Ausgangslage liegt der Selbstversorgungsgrad bei Biokartoffeln nur bei 70 Prozent. Seit 2007 stagniert die heimische Anbaufläche bei etwa 8.700 Hektar und auch die Zahl der Erzeugerbetriebe verändert sich kaum. Der Grund: Die Erzeugung ist kostenintensiv und anspruchsvoll, insbesondere der Anbau nach Verbandsstandards.

Erträge und Qualitäten werden im Biokartoffelanbau vor allem durch Rhizoctonia, Drahtwürmer und die Kraut- und Knollenfäule (Phytophthora infestans) geschmälert. Die Regulierung dieser Schaderreger ist nach wie vor schwierig und erfordert neben sauberem Pflanzgut und hohen innerbetrieblichen Hygienestandards bei der Lagerung und Sortierung auch geeignete Flächen, die wenig anfällig für die Ausbreitung von Drahtwürmern sind.

Bis zu 30 Prozent wird aussortiert

Mann kontrolliert Abfüllung der Kartoffeln in Kisten. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Neben der Erntemenge entscheidet beim Anbau von Biokartoffeln vor allem die Qualität der Ware über die Wirtschaftlichkeit. Foto: Dominic Menzler, BLE

Die Durchschnittserträge im Biokartoffelanbau sind deshalb in den letzten Jahren kaum gestiegen. Als sehr gute Ernte gelten 30 bis 35 Tonnen pro Hektar. Je nach Witterung sind aber auch deutlich geringere Erträge möglich. "Man muss bei Biokartoffeln zudem immer mit hohen Abzügen für Qualitätsmängel rechnen", erklärt Tietke. "Die Aussortierungsquote liegt hier mit 25 bis 30 Prozent viel höher als im konventionellen Anbau."

Wer seinen Betrieb umstellen oder als Biobetrieb in die Erzeugung einsteigen möchte, sollte laut Tietke auf jeden Fall die gesamte Wertschöpfungskette im Blick haben. Denn neben ausreichenden Erträgen und guten Qualitäten gilt es zum Beispiel auch, die vom Handel gewünschten Sorten in gewünschter Menge anzubieten.

Packbetriebe als Ansprechpartner

Der erste Schritt für Einsteiger sollte deshalb die Wahl eines Packbetriebs sein. Die knapp 20 Packbetriebe in Deutschland fungieren als Zwischenhändler zwischen Erzeugerbetrieben und dem Lebensmitteleinzelhandel. Sie erfassen die Ware, kümmern sich um die vom Handel gewünschte Verpackung und die zum Teil sehr anspruchsvolle Logistik und sie übernehmen die Abrechnung für die angelieferten Mengen.

"Vor jeder Anbausaison sollten Betriebe mit den Packbetrieben Sorten und Mengen besprechen. Diese Vorgehensweise hat sich bundesweit durchgesetzt, weil sie beiden Seiten Sicherheit bietet und zudem die gewünschte Markttransparenz schafft", sagt Tietke. Da Bioware knapp ist, sind die Packbetriebe zurzeit sehr an neuen Erzeugerbetrieben interessiert.

Kein Einstieg ohne Lagerkapazitäten

Potenzielle Einstiegsbetriebe müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass eine durchgehende Lieferung von zehn Monaten erwünscht ist. Entsprechende Lagerkapazitäten und auch das Know-how für die Lagerung von Kartoffeln sind deshalb unverzichtbar. Laut Tietke sind geeignete Kartoffellager derzeit allerdings knapp.

Ein weiterer Kostenfaktor ist die Investition in Bewässerungstechnik, ohne die in vielen Regionen Deutschlands kaum noch ein wirtschaftlicher Anbau möglich ist. Sowohl der Kauf, als auch der Betrieb der Anlagen kosten aber viel Geld und müssen bei der Kalkulation eines möglichen Einstiegs in den Biokartoffelanbau unbedingt berücksichtigt werden.

Nachfrage nach Verarbeitungsware wächst

Alternativen zum LEH sind eine Direktvermarktung und der Anbau von Verarbeitungskartoffeln, etwa zur Herstellung von Biostärke oder Flocken. Beide Kanäle haben den Vorteil, dass die äußere Qualität der Ware eine geringere Bedeutung hat und entsprechend weniger Ausschuss anfällt. Die Nachfrage nach Verarbeitungskartoffeln aus ökologischer Erzeugung ist in den letzten drei Jahren um zehn Prozent gestiegen. Der Nachteil ist, dass der Anbau kaum die anfallenden Kosten deckt und nur in Kombination mit der Erzeugung von Speisekartoffeln wirtschaftlich ist.

Die Direktvermarktung bietet dagegen nach Einschätzung von Tietke durchaus Potenzial und erlaubt vor allem ein höheres Preisniveau. Dafür ist der eigene Anbau und eine selbständige Vermarktung kleinerer Mengen nochmals arbeitsintensiver.

"Die Vermarktung von Biokartoffeln ist momentan wirklich das kleinste Problem", fasst Tietke die Marktlage zusammen. "Wer aber günstige betriebliche Voraussetzungen hat und es schafft, die gewünschten Qualitäten zu erzeugen und zu lagern, für den kann der Einstieg in die Produktion ein vielversprechendes Standbein werden."