Wie beeinflusst das starke Wachstum den Biomarkt?

Wie beeinflusst das starke Wachstum den Biomarkt?

Die Umsätze mit Biolebensmitteln wachsen seit vielen Jahren rasant. Auch die Zahl der Biobetriebe und der Umfang der Biofläche steigen inzwischen deutlich. Was bedeutet das für den deutschen Biomarkt und die einzelnen Biobetriebe? Droht durch das schnelle Wachstum ein Preisverfall? Und wie können Betriebsleiterinnen und -leiter auf Marktentwicklungen reagieren? Dazu äußert sich Dr. Heino von Bassewitz, Biolandwirt und Ökobeauftragter des Deutschen Bauernverbandes (DBV).

Oekolandbau.de: Herr von Bassewitz, die konventionellen Erzeugerpreise stehen seit Jahren unter Druck, während Bioprodukte bei wachsendem Angebot ein konstantes Preisniveau halten oder zum Teil sogar noch anziehen. Liegt das am Premium-Label "Bio" oder verhalten sich die Marktteilnehmer einfach geschickter?

Herr von Bassewitz: Der Biomarkt hat grundsätzlich den Vorteil, dass die Nachfrage in fast allen Segmenten stärker wächst als das Angebot. Das ist für die Bioerzeuger natürlich eine ganz andere Ausgangssituation als in den gesättigten konventionellen Märkten. Aber die meisten Biobetriebe machen im Bereich der Vermarktung auch eines anders als viele konventionelle Kollegen: Sie liefern ihre Ware nicht einfach ab, sondern sie verkaufen wirklich! Sie kümmern sich aktiv um die Vermarktung und stehen in engem Kontakt mit ihren Abnehmern, seien es Supermärkte, Molkereien, Mühlen oder Schlachtereien. Daher wissen sie, welche Produkte gefragt sind und welche nicht. Und nur für Produkte, die gefragt sind, bekommt man letztlich anständige Preise.

Oekolandbau.de: Wie sieht es auf der Abnehmerseite aus?

Herr von Bassewitz: Auch die Abnehmer im Biobereich sind nach meiner Erfahrung sehr an einem engen Austausch mit den Erzeugern interessiert, viel mehr, als dies im konventionellen Bereich üblich ist. Denn zum einen wollen sie sichergehen, nur die Ware in benötigter Menge und Qualität zu bekommen, die sie wirklich brauchen. Zum anderen sind sie an langfristigen Lieferbeziehungen interessiert. Zudem haben viele Biomolkereien während der Krise des konventionellen Milchmarkts geschickt agiert und nicht gleich alle umstellungswilligen Milchviehbetriebe unter Vertrag genommen. Sonst hätten kurzfristige Überlieferungen einen Preisverfall verursacht. Die Umstellerbetriebe kommen erst dann zum Zug, wenn aufgrund der weiter wachsenden Nachfrage mehr Biomilch benötigt wird. So läuft es auch in anderen Bereichen des Biohandels.

Oekolandbau.de: Seit vielen Jahren wird beklagt, dass der Selbstversorgunggrad bei bestimmten Bioerzeugnissen wie Schweinefleisch oder Gemüse niedrig ist. Wo liegen hier aus Ihrer Sicht die größten Hemmnisse für deutsche Biobetriebe?

Herr von Bassewitz: Das ist natürlich von Lebensmittel zu Lebensmittel unterschiedlich und oft in der Produktion begründet. Grundsätzlich bevorzugt der Handel deutsche Bioware. Günstige Importe wirken auch hier preissenkend. Der Flaschenhals bei Bioschweinefleisch ist definitiv die Sauenhaltung. Hier neue Kapazitäten aufzubauen, erfordert hohe Investitionen. Zudem ist die Biosauenhaltung anspruchsvoll und der Markt in Deutschland klein. Das macht ihn anfällig für Preisschwankungen, wie sie derzeit durch zusätzliche Angebote aus Dänemark und Frankreich zu beobachten sind. Bei Biogemüse verstehe ich nicht ganz, warum nur so wenige Betriebe die Chance nutzen. Die Technologie für den Anbau zu konkurrenzfähigen Preisen ist aus meiner Sicht bei vielen Kulturen vorhanden und die Nachfrage wird weiter steigen. Aber wahrscheinlich ist es auch hier eine Frage des Anbau-Know-hows.

Oekolandbau.de: Die Politik strebt bundesweit für den Ökolandbau einen Anteil von 20 Prozent an. Ist das sinnvoll oder führt das Wachstum zu ähnlichen Problemen wie im konventionellen Markt?

Herr von Bassewitz: Grundsätzlich wollen wir ausdrücklich weiteres Wachstum im Ökolandbau. Schon aus Gründen der Nachhaltigkeit ist jeder neue Biobetrieb willkommen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass sich das derzeitige Wachstum auf der Nachfrageseite fortsetzt und ausreichen wird, um auch 20 Prozent der deutschen Betriebe eine Existenz zu sichern. Klar ist aber auch, dass wir einen Technologieschub im Ökolandbau benötigen, insbesondere durch mehr Forschung, um weiterhin nachhaltig zu produzieren, aber mit höherer Produktivität. Denn die Preise für Biolebensmittel werden tendenziell sinken.

Oekolandbau.de: Wie kann die Politik das Wachstum des Ökomarktes sinnvoll begleiten?

Herr von Bassewitz: Zentraler Punkt ist hier vor allem die Förderung der Forschung im Ökolandbau, wie es das Ministerium ja auch in der Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau vorsieht. Mehr Mittel für die Forschung ermöglichen die Optimierung des Know-hows und damit eine kostengünstigere Erzeugung. Große Potentiale bietet vor allem die Digitalisierung. Autonome Landmaschinen können zum Beispiel gerade im ökologischen Pflanzenschutz wertvolle Dienste leisten.

Oekolandbau.de: Die Handelsketten haben großen Anteil am Nachfrageboom für Biolebensmittel. Auf der anderen Seite geraten dadurch die Erzeugerpreise unter Druck und die nachgefragten Mengen überfordern die meist kleiner strukturierten Biobetriebe. Was können die Betriebe tun?

Herr von Bassewitz: Grundsätzlich führt aus meiner Sicht kein Weg an den Handelsketten vorbei. Und das muss nicht unbedingt schlecht sein. Es stimmt natürlich, dass nur wenige Biobetriebe über eine entsprechende Größe verfügen, um die benötigten Mengen zu liefern. Deshalb rate ich kleineren Betrieben dazu, Erzeugergemeinschaften aufzubauen. Das ist nach meiner Erfahrung auch von Seiten des Großhandels gern gesehen, da es eine verlässliche Belieferung mit der gewünschten Ware sicherstellt. Außerdem sind Anbauverträge ein wichtiges Element, das beiden Seiten Sicherheit gibt. Und wie schon eingangs erwähnt gehört für mich ein möglichst regelmäßiger Austausch mit den Abnehmern unbedingt zu einer erfolgreichen Vermarktung. Im Gespräch bleiben, das ist elementar.

Oekolandbau.de: Auch in anderen Ländern wie Frankreich wächst der Biomarkt inzwischen rasant. Sehen Sie für deutsche Biolandwirtinnen und -landwirte eine Chance im Export?

Herr von Bassewitz: Ja, natürlich gibt es hier Potential für einzelne Produkte. Ich denke aber, dass wir in Deutschland auf absehbare Zeit eine Selbstversorgungslücke bei vielen Biolebensmitteln haben werden. Deshalb besteht eigentlich kein besonderer Bedarf, ausländische Märkte zu beliefern. Außerdem sollte es im Ökolandbau auch vorrangiges Ziel bleiben, zuerst die regionalen Märkte zu bedienen.

Oekolandbau.de: Ein Ausblick: Wie wird Ihrer Meinung nach der Biomarkt in Deutschland in zehn Jahren aussehen?

Herr von Bassewitz: In zehn Jahren werden 20 Prozent der Betriebe ökologisch wirtschaften und Bioprodukte einen Marktanteil von zehn Prozent haben. Die Preise werden möglicherweise etwas niedriger liegen, aber für die Erzeuger kostendeckend sein, da durch technologischen Fortschritt auch kostengünstiger produziert werden kann. Was wir nicht haben werden, ist eine Entwicklung wie im konventionellen Bereich, wo die Landwirte auf den anhaltenden Preisdruck mit Mengenerhöhung reagieren, um ihr Einkommen stabil zu halten. Hier sind meiner Ansicht nach die Grenzen des Wachstums erreicht. Fallende Preise werden zukünftig nicht mehr wie im bisherigen Maße über eine noch höhere Produktivität pro Fläche und Tier kompensiert werden können. Deshalb steht hier ein Paradigmenwechsel an.


Letzte Aktualisierung 04.04.2018

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