Was leistet der Öko-Landbau für die Gesellschaft?

Forschungsprojekt: Was leistet der Öko-Landbau

Wie lassen sich gesellschaftliche Leistungen von Bio-Landwirtinnen und -Landwirten erfassen und sichtbar machen? Darüber tauschten sich Ende März etwa 30 Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und Beratung aus. Vorgestellt wurden die Ergebnisse aus dem BÖL-Projekt regiosöl.

Bio-Betriebe haben einen Mehrwert für die ganze Region. Sie produzieren nicht nur Lebensmittel, sondern erbringen auch gesellschaftliche Leistungen. Wie sich diese objektiv messen und nach außen vermitteln lassen, hat das Institut für Ländliche Strukturforschung e.V. (IfLS) drei Jahre lang mit dem Zentrum für ökologische Landwirtschaft und der Regionalwert AG Rheinland ermittelt. Dazu wurden praxisrelevante Methoden verglichen und mittels eines ausgewählten Tools auf 61 Bio-Betrieben getestet. Herausgekommen sind ein praxistaugliches Tool zur Erfassung von sozialen und ökologischen Leistungen von Bio-Betrieben, regionale Profile der beiden untersuchten Pilotregionen Rheinland und Nordhessen sowie ein Konzept für eine zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit.

Die Erkenntnisse aus dem interdisziplinären BÖL-Verbundvorhaben "Ansätze für die Erfassung und Erhebung von sozialen und ökologischen Leistungen des Ökolandbaus auf regionaler Ebene" (kurz: regiosöl) sind besonders für die zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik wegweisend. Denn sie zeigen auf, wie sich die in der Zukunftsstrategie ökologischer Landbau (ZöL) angestrebte effiziente Honorierung von Umweltleistungen umsetzen lässt. Hierzu brauche es baldmöglichst – gerade im Hinblick auf die Neugestaltung der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) – sehr klare, überprüfbare und justiziable Daten, betonte Dr. Karl Kempkens vom BMEL auf dem regiosöl-Abschlusstreffen Ende März.

Dr. Marie Sophie Schmidt vom IfLS stellte die verschiedenen Instrumente zur Nachhaltigkeitsbewertung vor, die große Anknüpfungspunkte für eine Erfassung gesellschaftlicher Leistungen bieten. Bei der vom IfLS durchgeführten Bewertung der Leistungsbereiche, der Ökolandbau-Spezifika und der Mehrwerte für Betriebe und Regionen erwiesen sich die Instrumente der Regionalwert Leistungen GmbH als besonders geeignet und praxistauglich. "Denn die Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse und die darauf basierende Leistungsrechnung bilden die Spezifika des Ökolandbaus am besten ab und legen zusätzlich einen Fokus auf den Bereich Regionalökonomie", erläuterte Schmidt. Zunächst war es schwierig, Betriebe zum Mitmachen zu gewinnen, nachträglich waren die 61 beteiligten Bio-Betriebe dann positiv überrascht und haben die Tools der Regionalwert AG gerne genutzt.

"Es hat vielen Betrieben die Augen geöffnet, die Nachhaltigkeit in ihrem Betrieb zu erkennen", ergänzte Johanna Saxler von der Regionalwert Leistungen GmbH. Ein wichtiger Punkt sei auch die öffentliche Wahrnehmung: "Das Ergebnis bringt viel Anerkennung und wirft ein positives Licht auf die Betriebe."

Mehrwert für die Praxis

Dass die Instrumente der Regionalwert-Leistungen GmbH der Praxis nützen, bestätigte Bio-Landwirt Nils Tolle. Der nordhessische Biohof Tolle hat im regiosöl-Projekt als Testbetrieb teilgenommen. Auf seiner Webseite ist das Ergebnis eindrucksvoll zu sehen: In allen drei Kategorien Ökologie, Soziales und Regionalökonomie punktet der Betrieb mit "stark nachhaltigen" und "nachhaltigen" Leistungen. In der Summe entspricht dies einem monetären Wert von 50.510 Euro. Nach Einschätzung von Nils Tolle ist die Analyse ein Anfang, um das komplexe Thema Nachhaltigkeit und die damit verbundenen zusätzlichen Leistungen landwirtschaftlicher Betriebe zu erfassen und zu monetarisieren. Zusätzlich helfe sie dabei, die Nachhaltigkeit in verschiedenen Bereichen noch weiter zu verbessern. Der Schlüssel für ein dauerhaftes nachhaltiges Engagement liegt laut Bio-Landwirt Tolle in den Menschen, die zusammen mit ihm seinen Familienbetrieb bewirtschaften: "Unser großer Mehrwert ist, dass wir viel testen und probieren. Dabei kommt uns zugute, dass wir viel Freiraum haben, um neue Ideen etwa für eine nachhaltige Landnutzung zu entwickeln."

Aus Sicht von Bastian Engemann vom Biolandhof Engemann aus Ostwestfalen kann die Nachhaltigkeitsanalyse dazu beitragen, die eigenen Nachhaltigkeitsleistungen und die der landwirtschaftlichen Partnerbetriebe öffentlichkeitswirksam zu transportieren. Wichtig sei es aber, dass es sich für die Höfe auch rechne und die öffentliche Anerkennung mit einer finanziellen Vergütung einhergehe.

Anreize für Bio-Betriebe

Damit sich die Bewertung von ökologischen und sozialen Leistungen in der Breite durchsetzt, braucht es Anreize für die Bio-Landwirtinnen und -Landwirte. Den größten Handlungsspielraum bietet hier die Agrarpolitik. Aber auch kostenlose Beratungsangebote der Landwirtschaftskammern oder Landwirtschaftsämter könnten den Betrieben dabei helfen, ihr Nachhaltigkeitsprofil zu schärfen. Zudem könnten Beratungskräfte die Landwirtinnen und Landwirte darin schulen, ihre Daten für die Nachhaltigkeitsanalyse mit wenig Aufwand aufzubereiten. Denkbar ist es auch, dass die Nachhaltigkeitsanalyse zu den identifizierten Schwachstellen konkrete Handlungsempfehlungen liefert. Bei den Bewertungskriterien gilt es die Wirtschaftsweise der konventionellen Landwirtschaft ausreichend zu berücksichtigen und die Kriterien nicht zu sehr an den Vorgaben der Öko-Verbände auszurichten.

Nach Einschätzung der teilnehmenden Expertinnen und Experten, aber auch Praktikerinnen und Praktiker werden bisher die Bereiche Ressourcenschutz, Kreislaufwirtschaft und Klimawandelanpassung sowie Risikomanagement und Bildung in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung zu wenig beachtet. Diese Leistungen sollte man stärker in der Kommunikation hervorheben.

Regionale Strategien können unterstützen

Das regiosöl-Projekt hat gezeigt, wie wichtig es ist, die gesellschaftlichen Leistungen von landwirtschaftlichen Betrieben in einen regionalen Gesamtkontext einzubetten. Bei der Betrachtung der beteiligten Pilotregionen in Nordhessen und im Rheinland ist es gelungen, zahlreiche Stellschrauben zu identifizieren. Nun geht es darum, die politischen Ziele zum Ausbau des Ökolandbaus mit administrativer Umsetzung und förderlichen Beschaffungsrichtlinien zu untermauern. Auch flächendeckende Öko-Modellregionen (aktuell nur in Hessen) als lokale Vernetzungsakteure sehen die Studienautorinnen und Studienautoren als wichtigen Baustein an.

Insgesamt zeigte die Tagung: Die Landwirtschaft befindet sich in einem Spannungsfeld – sie muss nicht nur Nahrungsmittel erzeugen, sondern auch die Umwelt schützen und wirtschaftlich arbeiten. Es gibt bereits viele spannende Projekte und praxistaugliche Methoden zur Bewertung von Nachhaltigkeit – die Regionalwert-Leistungsrechnung bietet insbesondere Bio-Betrieben eine Möglichkeit, ihre gesellschaftlichen Leistungen zu kommunizieren. Nun liegt der Ball bei der Politik – sie muss dafür sorgen, dass Landwirte für ihre betrieblichen Nachhaltigkeitsleistungen honoriert werden.

Letzte Aktualisierung 25.04.2023

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