Landwirtschaft


Wege aus der Liquiditätsfalle

Getreide wird auf LKW verladen, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Bei guter Ernte fließt auch das Geld. Aber was tun, wenn die Kassen immer leerer werden? Foto: Thomas Stephan, BLE

Zeiten mit prall gefülltem Portemonnaie und solche mit tiefen Löchern in der Kasse wechseln sich im Jahresverlauf ab, das ist für landwirtschaftliche Betriebe typisch. Beispiel Ackerbaubetrieb: Hier gehen die meisten Zahlungen nach dem Verkauf der Ernte zwischen Oktober und Februar ein, dazu kommen die Prämienzahlungen zwischen November und Mai. Viele Ausgaben sind dagegen über das ganze Jahr verteilt, Pachtzahlungen stehen meist im Herbst an. Eine Lücke entsteht zwischen Frühjahr und Herbst. 

Anders sieht es beim Sonderkulturbetrieb mit Direktvermarktung aus. Hier spielen die Prämien keine entscheidende Rolle. Die Erlöse aus Produktverkäufen fließen von April bis September. Ein großer Teil der Auszahlungen (Pflanzgut, Betriebsmittel, Hilfslöhne) ist zwischen Dezember und Mai fällig. Von Oktober bis April entsteht eine Lücke in den Zahlungsströmen.

Liquidität ist die Fähigkeit eines Unternehmens, bestehenden Zahlungsverpflichtungen fristgerecht nachzukommen. Eine langfristig fehlende Rentabilität im landwirtschaftlichen Betrieb führt schleichend zum Untergang. Eine Liquiditätslücke hingegen kann zum Sekundentod führen. Aber aufgepasst: Nur selten sind Liquiditätsengpässe ein kurzfristiges Problem. In den meisten Fällen sind es die akuten Zeichen von chronischen Krankheiten. Zu hohe Investitionen, fehlende Rentabilität oder ein schlechtes Management der Finanzen können die eigentlichen Ursachen sein. 

Wenn es sich tatsächlich nur um vorübergehende Zahlungsschwierigkeiten handelt, können Sie mit folgenden Maßnahmen gegensteuern:

  • Analysieren Sie Ihre Lage mit einem kompetenten Berater und machen Sie sofort eine Aufstellung über alle kurzfristigen Ausgaben und Einnahmen, bevor Sie Verhandlungen mit Geldgebern aufnehmen.
  • Verschaffen Sie sich einen schnellen Überblick über alle Schulden und Geldvermögen. Lösen Sie Wertpapiere auf, um Liquidität zu schaffen.
  • Verkaufen Sie Ihre Produkte so schnell wie möglich, verlangen Sie von problematischen Kunden Sicherheiten oder liefern Sie nur gegen Vorkasse.
  • Stellen Sie Ihre Lieferungen bei Ihren Kunden sofort in Rechnung, buchen Sie alle Verkäufe sofort und fordern Sie Zahlungen sofort ein.
  • Prüfen Sie die Privatausgaben Ihrer Familie und verschieben Sie diese wo möglich.
  • Verringern Sie Betriebsmittel und Bestände auf das nötige Maß.
  • Verschieben Sie Investitionen und Reparaturen, die nicht sofort Geldrückflüsse bringen, leasen Sie Investitionsgüter statt diese zu kaufen, aber vergleichen Sie die Konditionen genau.
  • Bezahlen Sie ausstehende Rechnungen später, verzichten Sie dafür notfalls auf Skonto.
  • Nehmen Sie einen Betriebsmittelkredit (ab 5 % bei 6 bis 9 Monaten Laufzeit) auf.
  • Sprechen Sie Verwandte, Freunde und Kunden darauf an, ob diese Ihnen Darlehen oder Bürgschaften geben können.
  • Verkaufen Sie unrentable Vermögensteile (z. B. Immobilien, schlecht ausgelastete Maschinen).
  • Informieren Sie Ihre Bank sofort, wenn Probleme absehbar werden, verhandeln Sie über ein höheres Limit auf dem Kontokorrentkonto.

Falls Ihre Lage bereits zu angespannt ist, um die genannten Änderungen durchzusetzen, schalten Sie einen Unternehmensberater oder sozioökonomischen Berater ein, mit dem Sie weitere persönliche und betriebliche Konsequenzen angehen. Kommen Sie Zahlungsverpflichtungen bei der Bank in jedem Fall nach und überziehen Sie Ihr Kontokorrentkonto nie über das vereinbarte Limit hinaus. Sie zahlen sonst um 4 bis 5 % überhöhte Zinsen und verschlechtern gleichzeitig Ihren Spielraum bei künftigen Kreditverhandlungen. Ungeregelte Konten und nicht erfüllte Zahlungsverpflichtungen verschlechtern Ihr Rating (= Ihre Bewertung als Kreditkunde) bei der Bank und diese stuft Sie als Kunden mit höherem Risiko ein.

Ohne Diagnose keine Behandlung

In jedem Fall muss bei Liquiditätsproblemen ein aktueller Überblick über alle Finanzen geschaffen werden. So wie kein Kapitän ein Schiff ohne Kompass steuert, können Sie Ihr Unternehmen nicht ohne Finanzplanung sicher führen, schon gar nicht in stürmischen Zeiten.

In einem Liquiditätsplan werden alle Einnahmen und Ausgaben monatlich dargestellt. Die Zahlen der vergangenen Jahre und der zukünftige Finanzplan bilden die Datenbasis für den Liquiditätsplan für die Zukunft. Dieser Plan wird für mindestens ein Jahr im Voraus aufgestellt. Kurzfristig hilft auch schon eine Vorschau der kommenden drei Monate weiter. 

Bankgespräche gut vorbereiten

Gehen Sie niemals unvorbereitet in Bankgespräche. Wenn schon die Lage schlecht ist, dann sollten Ihre Unterlagen in Ordnung sein und sofort bereitstehen. Um Missverständnisse in der Kommunikation und Lücken im Konzept zu vermeiden, sollten Sie die folgende Checkliste beachten:

  • Stellen Sie die aktuellen Buchabschlüsse der letzten beiden Jahre und den Geldbericht für das laufende Jahr der Bank vorab zur Verfügung und arbeiten Sie sich gut in die Zahlen ein.
  • Informieren Sie sich im Voraus, welche Personen am Gespräch beteiligt sind und welche Ziele diese haben.
  • Stellen Sie mit drei Stichpunkten dar, wie Ihre langfristigen geschäftlichen Ziele und Pläne sind und wie Sie diese erreichen wollen.
  • Stellen Sie dar, wie es zu der aktuellen Situation kam und warum der aktuelle Liquiditätsengpass Ihre Ziele und Pläne nicht gefährden wird.
  • Stellen Sie sich auf Nachfragen zu Ihren Plänen und zu Ihrer aktuellen Situation ein, so dass Sie diese schlüssig beantworten können.
  • Üben Sie wichtige Gespräche vorab mit Fachleuten und Personen Ihres Vertrauens.

Geld von Einzelpersonen?

Bevor Sie Darlehen von Verwandten oder guten Kunden annehmen, denken Sie daran, dass diese Ihnen vertrauen. Verspielen Sie dieses Vertrauen nicht und gefährden Sie nicht leichtfertig persönliche und betriebliche Beziehungen. Wenn Sie nach sachlicher Überlegung dennoch auf ein privates Darlehen zurückgreifen, dann sollten Sie ebenso wie bei der Bank klare Konditionen mit Laufzeiten und Zinssätzen festlegen. Auch Bürgen müssen im Zweifel mit Geld für Sie einspringen. Machen Sie sich und den möglichen Bürgen klar, was dies im Ernstfall bedeutet. Die Laufzeit von Kredit und Bürgschaft sollten Sie kurz halten, damit für die Kreditgeber der Zeitraum überschaubar bleibt.

Das Girokonto richtig nutzen

Erfolgreiche Landwirte sollten mit ihrer Bank eine ausreichende Kreditlinie und einen günstigen Zinssatz auf dem Girokonto vereinbaren. Kreditlinien von 30.000 Euro sind heutzutage nichts Ungewöhnliches für landwirtschaftliche Unternehmen. Erfolgreiche Landwirte verursachen für die Banken in der Regel ein viel geringeres Kreditrisiko als Privatpersonen. Deshalb ist es unangemessen, wenn sie ebenso hohe Zinsen für Kontokorrentkredite bezahlen. Geschäftskunden zahlen für ihren Kontokorrentkredit teilweise nur 8% Zinsen. Hier gibt es also Verhandlungsspielraum. Aber auch wenn Sie einen günstigen Zinssatz vereinbaren, gilt: Für die dauerhafte Finanzierung ist das Girokonto zu teuer. Es sollte nur als kurzfristiger Puffer dienen. 

Die Übersicht über die Geschäftskonten kann verbessert werden, wenn man nicht unnötig viele Girokonten unterhält. Je weniger Girokonten, desto besser; doch sollte jeder Betrieb, also Hof, Laden oder Mietshaus, sein eigenes Girokonto haben. Dies vereinfacht die Geldbuchführung sehr.

Wenn Ihre Finanzsituation nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft angespannt ist, ist das Unternehmen entweder unrentabel und überschuldet oder die Finanzierung ist nicht optimiert und es werden unnötig hohe Zinsen bezahlt. Eine unabhängige Beratung ist dann zu empfehlen. 

Ist Ihre Liquidität gesichert?

Ihre Liquidität ist gesichert, wenn folgende Aussagen auf Sie zutreffen:

  • Sie haben für die kommenden Monate einen monatlichen Überblick über alle persönlichen und betrieblichen Ausgaben und Einnahmen (Soll-Zahlen). Die Ausgaben sind in allen Monaten durch Einnahmen gedeckt.
  • Die tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen (Ist-Zahlen) des vergangenen Monats sind spätestens am 10. Tag des Folgemonats erfasst.
  • Sie vergleichen die Soll-Zahlen regelmäßig mit den Ist-Zahlen. Bei Abweichungen steuern Sie sofort gegen.
  • Nur in Ausnahmen benötigen Sie zur Finanzierung vorübergehend den Kontokorrentkredit. Der Kontostand auf dem Kontokorrentkonto ist die meiste Zeit auf Null oder im positiven Bereich, der Zinssatz ist günstig (ab 8%). Die Laufzeit der kurzfristigen Bankdarlehen, Betriebsmittel- und Lieferantenkredite ist gut auf den Bedarf abgestimmt. Sie haben günstige Zinsen (ab 5%) ausgehandelt.
  • Der Wert des Umlaufvermögens ist höher als das kurzfristige Fremdkapital.
  • Sie verzichten auf Lieferantenkredite.
  • Rechnungen werden immer fristgerecht unter Abzug von Skonto bezahlt.
  • Sie legen kurzfristig freie Gelder sinnvoll an.
  • Es bestehen ausreichende Sach-, Haftpflicht- und Privatversicherungen.

Ihre Liquidität ist nicht gesichert, wenn folgende Aussagen auf Sie zutreffen:

  • Sie haben keinen Überblick über persönliche und betrieblichen Ausgaben und Einnahmen (Soll-Zahlen), die Ausgaben sind nicht in allen Monaten durch Einnahmen gedeckt.
  • Sie werten weder kurzfristig noch regelmäßig die tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen (Ist-Zahlen) des vergangenen Monats aus.
  • Sie vergleichen die Soll-Zahlen nicht regelmäßig mit den Ist-Zahlen und steuern bei Abweichung auch nicht kurzfristig dagegen.
  • Sie müssen den Kontokorrentkredit von vornherein einplanen, um Ausgaben zu bestreiten. Das laufende Konto ist stets überzogen und wird nicht wenigstens einen Monat lang oder zweimal im Jahr auf Null zurückgeführt, Sie zahlen hohe Zinsen.
  • Die Laufzeit der kurzfristigen Bankdarlehen, Betriebsmittel- und Lieferantenkredite ist nicht gut auf den Bedarf abgestimmt. Für kurzfristigen Bedarf stehen Ihnen nur teure Kontokorrentkredite zur Verfügung.
  • Der Anteil kurzfristiger Kredite steigt ständig an und ist höher als das Umlaufvermögen. Die Banken wollen keine weiteren Kredite geben.
  • Sie haben größere Verbindlichkeiten bei mehreren Lieferanten, dadurch ist der Spielraum bei Preisverhandlungen eingeschränkt.
  • Sie müssen den Kontokorrentkredit von vorneherein einplanen, um Ausgaben zu bestreiten.
  • Rechnungen werden verspätet ohne Abzug von Skonto bezahlt.
  • Freie Gelder sind kaum vorhanden.     
  • Der Betrieb ist nicht ausreichend gegen Risiken versichert.

Autor: Hubert Redelberger
Erschienen in "bioland", Ausgabe 08/2006

Eine Liste der sozioökonomischen Beraterinnen und Berater kann bei der bioland-Redaktion angefordert werden:

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