Landwirtschaft


Stoffstrombilanzverordnung

Traktor mit Düngeanhänger. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Viehhaltende Ökobetriebe, die Wirtschaftsdünger von fremden Betrieben aufnehmen, sind schon dieses Jahr von der Pflicht zur Stoffstrombilanzierung betroffen – es sei denn, sie fallen unter die Bagatellgrenze. Foto: Thomas Stephan, BLE

Am 1. Januar 2018 ist die neue Stoffstrombilanzverordnung in Kraft getreten. Sie regelt den Umgang mit Nährstoffen auf dem Betrieb – mit dem Ziel, die Nährstoffverluste aus der Landwirtschaft zu verringern und die Einhaltung von Umweltzielen zu gewährleisten.

Was wird durch die Stoffstrombilanz ermittelt?

Bei der Stoffstrombilanz werden alle Stoffströme, die in den Betrieb hinein gehen, und solche, die wieder hinausgehen dokumentiert und bewertet. Damit unterscheidet sie sich vom Nährstoffvergleich, wie ihn die Düngeverordnung vorschreibt. Dieser ist eine reine Flächenbilanz, bei der nur innerbetrieblich erzeugte und verwertete Futtermittel und Wirtschaftsdünger berücksichtigt werden. Die gesamtbetriebliche Stoffstrombilanz ist eine Ergänzung zum Nährstoffvergleich, sie ersetzt ihn nicht. Somit kommt auf die betroffenen Landwirtschaftsbetriebe ein zusätzlicher Dokumentationsaufwand zu.

Gestuftes Verfahren: Ab 2018 auch einige Biobetriebe betroffen

Die Stoffstrombilanz wird schrittweise eingeführt. Bereits ab 2018 müssen alle Betriebe mit mehr als 50 Großvieheinheiten je Betrieb oder mit mehr als 30 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bei einer Besatzdichte von jeweils mehr als 2,5 Großvieheinheiten je Hektar eine Stoffstrombilanz erstellen. Das heißt, es betrifft in erster Linie viehstarke Betriebe mit einer hohen Besatzdichte, die im Ökolandbau nicht zu finden sind. Darüber hinaus sind ab diesem Jahr aber auch schon kleinere viehhaltende Betriebe betroffen, wenn sie Wirtschaftsdünger von anderen Landwirtschaftsbetrieben aufnehmen. Hierunter fallen auch Ökobetriebe, die in Düngekooperationen mit anderen Betrieben stehen. Zur Stoffstrombilanz verpflichtet sind ab 2018 außerdem Betriebe mit Biogasanlage, wenn sie Wirtschaftsdünger aus anderen Betrieben beziehen.

Bagatellgrenzen für kleine Betriebe

Um kleine Betriebe zu entlasten, sieht die Verordnung jedoch Bagatellgrenzen vor. Für die Einführung dieser Bagatellgrenzen hatten sich insbesondere Vertreter der ökologischen Landwirtschaft eingesetzt. So müssen viehhaltende Betriebe nur dann eine Stoffstrombilanz erstellen, wenn sie mehr als 750 Kilogramm Gesamtstickstoff aus betriebsfremden Wirtschaftsdüngern beziehen. Als "viehhaltend" gelten dabei solche Betriebe, bei denen mehr als 750 Kilogramm Stickstoff aus Wirtschaftsdüngern tierischer Herkunft anfällt. Das heißt, Ackerbaubetriebe, die beispielsweise nebenbei einen kleinen Mobilhühnerstall betreiben oder ein paar Schafe zur Beweidung von Grünlandflächen halten, sind nicht betroffen.

Ab 2023 gilt Stoffstrombilanz auch für viehlose Betriebe

Geplant ist, dass die Stoffstrombilanzierung zukünftig auch auf viehlose Betriebe ausgeweitet wird. So soll ab 2023 auf allen Betrieben mit mehr als 20 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche eine Stoffstrombilanz erstellt werden. Vorher wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) allerdings noch einmal überprüft, ob sich die Stoffstrombilanzierung in gewünschter Weise ausgewirkt hat. Das BMEL wird dazu Ende 2021 einen Bericht vorlegen.

Bewertung der Stoffstrombilanz: Zwei Möglichkeiten

Aus den Zu- und Abflüssen errechnen die Betriebe jährlich einen Nährstoffsaldo, den sie zu einer fortgeschriebenen dreijährigen Stoffstrombilanz zusammenfassen müssen. Für die Bewertung der errechneten Bilanz – bewertet wird nur Stickstoff – gibt die Verordnung zwei Möglichkeiten vor: Entweder der Betrieb entscheidet sich für eine dreijährige betriebliche Stoffstrombilanz mit einem zulässigen Bilanzwert in Höhe von 175 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr. Oder der Betrieb setzt einen betriebsindividuellen dreijährigen Bilanzwert an, bei dem verschiedene Verlustpotenziale in Ansatz gebracht werden können.

Kritik an betriebsindividuellem Bilanzwert

Vor allem diese Option zum betriebsindividuellen Bilanzwert wird von Seiten der Umwelt- und Bioverbände, aber auch von Vertreterinnen und Vertretern der Wasserwirtschaft und der Wissenschaft kritisiert. "Der betriebsindividuelle Bilanzwert ermöglicht es insbesondere Betrieben, die viel Stickstoff ausbringen, Bilanzüberschüsse kleinzurechnen", sagt der Vorsitzende des Bundes der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft Felix Prinz zu Löwenstein. "So sei es möglich, für Gülle in der Stoffstrombilanz Stickstoff abzuziehen, für Leguminosen, mit äußerst wechselhafter Stickstofffixierung, gelten dagegen starre und hohe Werte". Umgekehrt müssten Biobetriebe jetzt kommagenau bilanzieren, obwohl sie in keiner Weise zur Grundwasserbelastung beitragen, so der BÖLW-Vorsitzende.

Enttäuscht zeigt sich auch Schleswig-Holsteins grüner Landwirtschaftsminister Robert Habeck über die verabschiedete Verordnung: "Das verursacht nur unnötigen und zusätzlichen Verwaltungsaufwand. Zudem werden die Nährstoffsalden verfälscht und sind damit für eine Auswertung untauglich", äußert der Minister gegenüber Top Agrar.

Auch Prof. Dr. Friedhelm Taube kritisiert den Beschluss scharf. Der Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Kiel, der als Mitglied der BMEL-Arbeitsgruppe "Betriebliche Stoffstrombilanzen" mitwirkte, bezeichnet die Stoffstrombilanzverordnung in einem Bericht der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft als "legalisierte Wasserverschmutzung durch die Intensivtierhaltung". Er hatte mit seiner Kieler Gruppe eine einheitliche Obergrenze von 130 Kilogramm Stickstoff pro Hektar als maximalen Stickstoffüberschuss gefordert. Der Agrarwissenschaftler geht davon aus, dass bis zum nächsten Nitratbericht 2020 kein positiver Trend bezüglich des Nitratgehaltes im Grundwasser zu erkennen sein wird – eher das Gegenteil werde der Fall sein.


Letzte Aktualisierung: 13.02.2018