Ökoweinbau braucht Forschung

Öko-Weinbau braucht Forschung

Der Ökoweinbau ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen – daraus resultiert ein wachsender Forschungsbedarf. Dringend gefragt sind nicht nur umweltgerechte Pflanzenschutzmethoden, sondern auch eine breite Unterstützung des ökologischen Weinbaus auf politischer Ebene und im Ausbildungsbereich. Weitere wichtige Forschungsthemen sind Boden, Nachhaltigkeit sowie Mechanisierung bei der Unterstockpflege in Steillage. Dagegen wünschen sich Ökowinzerinnen und -winzer zu kellerwirtschaftlichen Fragen kaum Unterstützung aus der Forschung. Lediglich die Themen Schwefelreduzierung und Mikrobiologie sollten aus ihrer Sicht erforscht werden. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts für Weinbau und Önologie am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz. Gefördert wurde das Forschungsprojekt vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN).

Ziel der Studie war es, eine Forschungsagenda und einen Maßnahmenkatalog zu entwickeln, um den ökologischen Weinbau in Deutschland stärken. Dafür wurden 55 überwiegend ökologisch produzierende Betriebsleiterinnen und -leiter aus fünf deutschen Weinbauregionen persönlich befragt. Des Weiteren adressierte die persönliche Befragung Winzerinnen und Winzer, Ökoweinbaupraxis-Expertinnen und -experten  sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Beratung und Forschung aus drei europäischen Weinbauländern. Ergänzend erfolgte eine Online-Befragung von 1.113 überwiegend konventionell wirtschaftenden Weinproduzentinnen und -produzenten (65,4 Prozent) in Deutschland.

Pflanzenschutz ist das dringendste Problem

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Aus Sicht der Ökowinzerinnen und -winzer besteht der größte Forschungsbedarf beim Pflanzenschutz. Ziel müsse es sein, neue umweltverträgliche Pflanzenschutzmittel als Alternative zum Kupfereinsatz zu entwickeln. Die Forschung sollte zudem verstärkt untersuchen, wie sich Pflanzenschutzmittel auf die Biodiversität im ökologisch bewirtschafteten Weinberg auswirken. Des Weiteren wünschen sich die Ökowinzerinnen und -winzer eine erneute Zulassung von Kalium-Phosphonat für den Ökoweinbau. Wichtig sei zudem, verbesserte Applikationstechniken für Pflanzenschutzmittel im Ökoweinbau zu entwickeln und natürliche Gegenspieler gegen Peronospora, Oidium, Esca und weitere Schaderreger zu identifizieren. Auch von wissenschaftlichen Experimenten mit verschiedenen phytomedizinischen Ansätzen versprechen sich die Praktikerinnen und Praktiker einen hohen Nutzen. Darüber hinaus sehen sie in der Digitalisierung ein noch nicht ausreichend genutztes Potenzial. Nach Einschätzung von ECOVIN gibt es zwar bereits vielversprechende Ansätze, allerdings weitestgehend aus dem Automatisierungsbereich. Gängige Praxis ist hier etwa das automatisierte Bewässern der Reben im Weingarten. Noch ganz am Anfang steht hingegen laut ECOVIN die Datenerhebung sowie deren zielführende Analyse und Nutzung im Weinbau.

Nicht zuletzt wünschen sich die Befragten Argumentationshilfen zur Kupferausbringung im Ökoweinbau. Denn gerade für eine bioaffine Klientel ist es kaum nachvollziehbar, dass bei der Produktion von Bioweinen Kupferpräparate ausgebracht werden. Außerdem ist es wichtig, den Bekanntheitsgrad neuer Sorten wie den Pilzresistenten zu erhöhen.

Fokus auf den Boden

Ein großer Forschungsbedarf besteht laut Studie ferner zu den Themen Bodenfruchtbarkeit, Bodenbearbeitung, Kompost und Humusaufbau. Denn obwohl Bodenfruchtbarkeit eine zentrale Rolle im Biolandbau spielt, sind noch viele Fragen rund um den Boden ungeklärt: Wie lässt sich der Humusaufbau im Weinberg verbessern? Wie beeinflussen sich die verschiedenen Pflanzengemeinschaften wechselseitig? Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf das Bodenleben? Und wie kann es gelingen, die Nährstoffversorgung des Bodens durch gezieltes Begrünungsmanagement weiter zu verbessern? Zu all diesen Fragen wünschen sich die Ökowinzerinnen und Ökowinzer mehr Wissen. Dabei sollte die Wissenschaft verstärkt einen systemorientierten Ansatz – mit Blick auf die unterschiedlichen Standortbedingungen – verfolgen. Zudem gilt es, Biodiversitätsrichtlinien für den ökologisch bewirtschafteten Weinberg zu entwickeln und festzuschreiben.

Darüber hinaus sehen es die Befragten als wichtig an, speziell für den Ökoweinbau geeignete technische Geräte zur Bodenbearbeitung im Unterstockbereich (Steillage und Seitenhang) zu entwickeln. Als weiteren Punkt nennen sie die Förderung der Qualifikation zur Bodenpraktikerin beziehungsweise zum Bodenpraktiker speziell für den Ökoweinbau.

Nachhaltig und bio gehören zusammen

Nachhaltigkeit im Weinberg praktisch umsetzen, dafür gibt es eine Vielzahl konkreter Ansatzpunkte: So bietet es sich auch im Ökoweinbau an, vermehrt Elektro-Schlepper einzusetzen. Das setzt allerdings voraus, dass E-Fahrzeuge weiterentwickelt werden und deren Einsatz gezielt gefördert wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Minimieren von Überfahrten. Bei der Glasflaschenauswahl sehen die Ökowinzerinnen und -winzer ebenfalls ein großes Energieeinsparpotenzial. Ziel muss ein möglichst geringes Eigengewicht der Flasche sein. Als Option wird die Wiedereinführung eines Pfandsystems für Biowein genannt. Wichtig ist aber auch eine nachhaltige Gestaltung der verwendeten Flaschenverschlüsse.

Aus Umweltsicht ist es außerdem unbedingt erforderlich, den Plastikeintrag im Ökoweinberg auf ein Minimum zu reduzieren. Von der flächendeckenden Anbindetechnik mit elastischem Kunststoffband ist baldmöglichst wegzukommen. Insgesamt wurde großes Interesse an Forschungsbeiträgen zum Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung deutlich – Grund genug also, Studien zu Nachhaltigkeit und Ökonomie im Bioweinbaubetrieb stärker zu fördern.

Was spricht gegen eine Ökoumstellung?

In einer Online-Umfrage wurden überwiegend konventionell wirtschaftende Winzerinnen und Winzer befragt, was sich ändern müsste, damit sie auf Bio umstellen: Als wichtigste Hürde nennen sie die eingeschränkten Möglichkeiten im Pflanzenschutz, gefolgt von den zusätzlichen Dokumentationspflichten und dem Herbizidverzicht. Hinzu kommen die strengeren gesetzlichen Auflagen für die Produktion von Bioweinen. Darüber hinaus befürchten die Befragten ökonomische Einbußen durch reduzierte Erträge und erhöhte Produktionskosten – hier vor allem die zu erwartende Arbeitsmehrbelastung und den höheren Personalaufwand, bedingt durch die zusätzlichen Maßnahmen zum Pflanzenschutz sowie bei der Bodenbearbeitung und der Unterstockpflege, speziell im Steillagenweinbau.

Bildung ist ein wesentlicher Faktor

Die wichtigsten Ansatzpunkte zur Förderung des Ökoweinbaus in Deutschland bestehen aus Sicht der Praxis in der Politik, im Ausbau der Fachberatung und in einer verbesserten Ausbildung. An die Adresse der Politik richtet sich die Forderung, eine Ökoweinbau Modellregion zu entwickeln. Großen Wert legen die Ökowinzerinnen und -winzer auch darauf, dass auf europäischer Ebene eine schlagkräftige Ökowein-Lobby für ihre Interessen eintritt. Zudem gilt es, die von Ökoweinbaubetrieben erbrachten Leistungen für die Gesellschaft und Umwelt verstärkt zu kommunizieren.

Um die angehenden Ökowinzerinnen und -winzer besser auszubilden, kommt es vor allem darauf an, den Ökoweinbau in den Lehrplänen aller Bundesländer stärker zu verankern. Zudem braucht es mehr Ökokompetenz der Lehrenden durch Fortbildungen. Auch wenn sich die Berufsschulen stärker mit Ökobetrieben austauschen würden und mehr Ökopraxisprojekte für Berufs- und Fachschülerinnen und -schüler anbieten würden, wäre das nicht nur ein Gewinn für die Auszubildenden, sondern für den gesamten Ökoweinbau.

Wissenstransfer optimieren

Ziel muss es sein, dass die Forschungsergebnisse in die Praxis gelangen und dort umgesetzt werden. Umgekehrt sollte es einen konsequenten Wissenstransfer von der Praxis hin zur Forschung geben. Gerade wenn es um die Auswahl von Forschungsthemen geht, gilt es,  Praktikerinnen und Praktiker intensiv einzubinden. Dabei legen sie großen Wert auf eine frühzeitige Einbindung und einen guten Informationsfluss, und zwar bereits während der Projektlaufzeit und nicht erst nach dem Abschluss des Projektes.

Impulse aus der Praxis

In ihrem Bemühen, die Winzerinnen und Winzer an der Praxisforschung teilhaben zu lassen, geht das Südtiroler Forschungszentrum Laimburg andere Wege. Nach Einschätzung der befragten Südtiroler Ökoweinbauexpertinnen und -experten könnte dieses Verfahren auch für die Weinbauforschung in Deutschland interessant sein. Das Prozedere funktioniert so: Jeweils zu Beginn eines Jahres führt der wissenschaftliche Beirat des Forschungszentrums Laimburg eine Ausschreibung zu Praxisforschungsprojekten durch. Zusammengesetzt ist dieses Gremium nicht nur aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Versuchszentrums, sondern auch aus Vertreterinnen und Vertretern aus  Wissenschaft und Beratung,  des Bauernbundes sowie Expertinnen und Experten aus dem Ausland. Winzerinnen und Winzer, Beraterinnen und Berater, Fachschulen, Absolventen-Vereinigungen und Verbände – sie alle können passende Anträge einreichen. Diese evaluiert der wissenschaftliche Beirat und entscheidet darüber, welche Praxisforschungs-Projekte zum Zuge kommen.

Zielgruppengerechte Sprache

Neben mehr Mitsprache wünschen sich die Ökowinzerinnen und -winzer gut zugängliche, anwendergerecht aufbereitete Forschungsergebnisse. Wichtige Informationen sollten zielgruppengerecht in Form von Merkblättern, eines Info-Services oder einer speziell für Ökowinzerinnen und -winzer eingerichteten neuen Webseite verfügbar sein. Laut Befragung würden 62 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Informationsportal für Weinbau und Ökoweinbau begrüßen.

Nur im gegenseitigen Dialog zwischen Praxis und Forschung, so das Fazit der Studie des DLR Rheinpfalz, kann es gelingen, den ökologischen Weinbau zu fördern und weiterzuentwickeln. Über die zentralen Herausforderungen liefert die Studie wertvolle Erkenntnisse und ist somit ein wichtiger Schritt für die Zukunftsfähigkeit der Bioweinbranche.


Letzte Aktualisierung 29.08.2018

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