Landwirtschaft


Tierwohl am Tier messen

Bioschmastschwein im Stroh. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Ob die Haltung auf Stroh das Tierwohl verbessert, ist auch eine Frage des Managements. Quelle: Jürgen Beckhoff/BÖLN

Das Tierwohl von Rindern, Schweinen und Geflügel ist auch in der ökologischen Nutztierhaltung ein zentrales Thema. Doch wie im konventionellen Bereich orientiert sich die Beurteilung des Wohlergehens der Tiere zurzeit fast ausschließlich an baulich-technischen Vorgaben wie Platzangebot oder Stroheinstreu oder an bestimmten Managementmaßnahmen, die meist direkt am Tier vorgenommen werden (Enthornung, Kupieren von Schwänzen oder Schnäbeln). Verschiedene Studien haben jedoch gezeigt, dass diese indirekten Vorgaben auch im ökologischen Landbau nicht automatisch das Tierwohl verbessern. Der Grund dafür ist der große Einfluss des jeweiligen betrieblichen Managements, das entscheidend zum Tierwohl beiträgt.

Um den Faktor Management bei der Beurteilung des Tierwohls auf einem Betrieb zu berücksichtigen, liegt es nahe, das Wohlergehen der Tiere direkt am Tier zu beurteilen. Dafür benötigt man jedoch belastbare Kriterien beziehungsweise Indikatoren, die eine objektive Aussage über den Gesundheitszustand und das Wohlergehen ermöglichen.

Tierbezogene Indikatoren für jede Tierart

Solche Indikatoren hat ein Expertenteam des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) gemeinsam mit Fachleuten aus Wissenschaft, Beratung, Tierschutz und Praxis erarbeitet und für die Rinder-, Schweine- und Geflügelhaltung definiert. Dazu gehören Indikatoren, die den Betrieben bereits vorliegen, wie etwa Milchzellgehalte bei Milchkühen aus den monatlichen Milchkontrolluntersuchen. Dazu kommen weitere Messgrößen, die am Tier erhoben werden müssen, zum Beispiel der Anteil lahmer oder verschmutzter Kühe. Für jede Tierart wurde ein Set an Indikatoren festgelegt, mit denen in der Praxis häufig auftretende Tierwohlprobleme einfach und zuverlässig gemessen werden können. Mehr in der Broschüre "Übersicht Indikatoren Milchkühe und Legehennen".

Die Indikatoren wurden bewusst so gewählt, dass Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter die benötigten Daten eindeutig und mit vertretbarem Aufwand erheben können. Wie die Daten zu erheben sind, beschreiben drei KTBL-Leitfäden zur konkreten Anwendung tierwohlbezogener Indikatoren in der Praxis. Damit sich der Aufwand für einen Betrieb lohnt, müssen die Daten regelmäßig erhoben und sauber dokumentiert werden. Wie regelmäßig, hängt letztlich vom jeweiligen Indikator ab.

Während zum Beispiel Tierverluste bei Legehennen monatlich dokumentiert werden sollten, genügt es, den Anteil lahmer Mastputen in den letzten vier Lebenswochen zu prüfen. Zudem muss nicht bei jedem Indikator die gesamte Herde geprüft werden. So genügt zum Beispiel bei der Kontrolle des Aufstehverhaltens von Kühen eine Stichprobe von zehn Prozent der Herde. Für eine möglichst sorgfältige und fachgerechte Erfassung empfehlen die Fachleute des KTBL die Teilnahme an einer Fortbildung.

Daten erlauben innerbetriebliche Schwachstellenanalyse

Euter einer Milchkuh. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Eutergesundheit ist auch in der ökologischen Milchkuhhaltung ein wichtiger Indikator für das Tierwohl. Quelle: Dr. Jan Brinkmann

Um die laufend gesammelten Daten einordnen und interpretieren zu können, gibt es für einige Indikatoren Orientierungswerte in Form von Faustzahlen, zum Beispiel für Zellzahlen bei Milchkühen. Darüber hinaus können die aufgenommenen Daten im Zeitverlauf verglichen werden, sodass positive oder negative Entwicklungen beim Gesundheitsstatus einer Herde sichtbar werden. Auch der Vergleich mit Zahlen anderer Betriebe oder mit Erhebungen von Erzeugerverbänden hilft bei der Einordnung der eigenen Daten.

Kontrollgänge, Dokumentation und Auswertung sind bei diesem tierbezogenen Ansatz mit einem gewissen Aufwand verbunden. Doch dieser Aufwand kann sich für den Betrieb rechnen. Denn grundsätzlich können Tierhalterinnen und Tierhalter damit die ohnehin laut Tierschutzgesetz vorgeschriebene Pflicht zur betrieblichen Eigenkontrolle abdecken. Seit 2014 müssen tierhaltende Betriebe anhand von tierbezogenen Indikatoren nachweisen, dass ihre Tiere gemäß Paragraph zwei des Tierschutzgesetzes, also tiergerecht, gehalten werden. Darüber hinaus lässt sich mithilfe der systematischen Datenerhebung eine betriebliche Schwachstellenanalyse durchführen, mit der das tägliche Herdenmanagement systematisch verbessert werden kann. Erhöht sich zum Beispiel der Anteil lahmer Tiere im Bestand, kann man gezielt nach möglichen Ursachen suchen und diese durch entsprechende Maßnahmen abstellen.

Gute Vorbereitung für jährliche Betriebskontrolle

Speziell für tierhaltende Biobetriebe ergibt sich durch die Anwendung der Indikatoren ein weiterer Vorteil. Denn sie leisten mit der umfangreichen Dokumentation wichtige Vorarbeiten für die jährliche Betriebskontrolle ("Tierwohlkontrolle im Zuge der Bioregelkontrolle"). Einen weiteren möglichen Anwendungsbereich der tierbezogenen Beurteilung des Tierwohls haben Forscherinnen und Forscher des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau in Trenthorst durchgespielt. Sie verknüpften in einem Forschungsprojekt mit 115 konventionellen und ökologischen Milchviehbetrieben besondere Leistungen für das Tierwohl mit zusätzlichen Fördermitteln. Das Tierwohl orientierte sich im Projekt an konkreten Daten für zehn zuvor definierte, tierbezogene Indikatoren. Lagen die Betriebe bei einem bestimmten Indikator unter den 25 Prozent besten der Vergleichsgruppe, erhielten sie eine zusätzliche "Tierwohl-Prämie". Die große Mehrheit der beteiligten Betriebe bewertete das Konzept positiv. Zudem bestätigten sie, dass der tierbezogene Ansatz große Vorteile bei der innerbetrieblichen Schwachstellenanalyse und Optimierung der Tierhaltung bietet.

Das KTBL-Team betont, dass die entwickelten Leitfäden zur Erhebung tierbezogener Indikatoren in der beschriebenen Form ein erster Ansatz sind, der in der praktischen Anwendung erprobt und weiterentwickelt werden soll. Dabei wird die weitere Ausarbeitung konkreter Zielgrößen und Grenzwerte für die einzelnen Indikatoren eine der größten Herausforderungen sein.


Letzte Aktualisierung: 29.11.2016