Landwirtschaft


Verhaltensstörungen bei Geflügel

Durch Federpicken und Kannibalismus an der Kloake verletzte Henne.
Federpicken und Kannibalismus können Wohlbefinden und Gesundheit der Tiere erheblich beeinträchtigen. Foto: BAT e. V.

Bei ungenügenden Umgebungsverhältnissen kann es zu einer Überforderung der Anpassungsfähigkeit der Tiere und somit zu Verhaltensstörungen kommen. Eine Verhaltensstörung ist eine im Hinblick auf Modalität, Intensität oder Frequenz erhebliche und andauernde Abweichung vom Normalverhalten. Unter natürlichen Verhältnissen treten diese Verhaltensweisen nicht auf. 

Federpicken und Kannibalismus

Federpicken und Kannibalismus werden in erster Linie mit Hühnergeflügel in Verbindung gebracht. Diese Verhaltensweisen sind aber auch zunehmend bei Puten, Enten und vereinzelt auch Gänsen zu beobachten. Nicht alle Geflügelarten reagieren gleich in punkto Federpicken und Kannibalismus.

Hühnergeflügel

Für Hühnergeflügel wurden eine Vielzahl auslösender Faktoren festgestellt. Eine dieser Ursachen allein löst jedoch keine Reaktion wie Federpicken oder Kannibalismus aus, wenn die Tiere in ihrem alltäglichen Verhaltensabläufen und -mustern nicht eingeschränkt werden. Treffen jedoch mehrere Faktoren zusammen, so werden die Einschränkungen so groß, dass die Tiere unweigerlich in Stress geraten und damit das Gleichgewicht des Verhaltensmusters gestört ist.

So kann beispielsweise Futter mit hohem Feinanteil in einem Fall auslösend für Federpicken sein, kann unter anderen Umständen jedoch keine Veränderung des Verhaltens hervorrufen. Daraus wird ersichtlich, dass die Auslöser der Verhaltensprobleme in ihrer Komplexität bislang noch nicht vollständig analysiert werden können, da nicht alle der vielen möglichen interfaktoriellen Wechselwirkungen bekannt sind.

Es wird vermutet, dass Federpicken eine Form fehlgeleiteten Nahrungsaufnahmeverhaltens ist. Verhalten, das in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme steht, konnte von den Tieren - eventuell bereits während der Aufzucht - nicht ausgelebt werden. Artgemäße Aufzuchtsbedingungen sind daher ein ganz wesentlicher Baustein für den Erfolg des Hennenhalters.

Puten

Bei den Putenküken muss bereits in den ersten Aufzuchtswochen unbedingt auf gegenseitiges Bepicken geachtet werden. In solchen Fällen muss durch eine attraktive Gestaltung der Umwelt die Aufmerksamkeit von den Artgenossen abgelenkt werden. Gut geeignet sind Verfahren, die gleichzeitig auch dem Nahrungssucheverhalten entsprechen und den Pickreflex umlenken. Hierbei müssen Faktoren wie Ringgröße, Besatzstärke, Strukturierung und Lichtverhältnisse berücksichtigt werden.

Sobald die klimatischen Bedingungen und das Alter bzw. die Kondition der Tiere es erlauben, ist eine abwechslungsreiche Umgebung sehr dienlich. Bezüglich der innerartlichen Aggressivität sollen die mittelextensiven Linien (zum Beispiel Bronzepute) erheblich verträglicher sein als Typen der intensiven konventionellen Hybriden. Bei den Puten kommen die Hähne im Verlauf einer Langzeitmast in die Geschlechtsreife, was naturgemäß zu größerer Unruhe führt.

Wassergeflügel

Bei Cairina-Ententypen wird ebenfalls Federzupfen und Kannibalismus beobachtet. Der Beginn dieser Verhaltensabweichungen geht häufig mit dem Zeitpunkt des ersten Schiebens der Rückenbefiederung einher. Hier wird vermutet, dass unter anderem fehlende Bademöglichkeiten eine Ursache sind. Monoton strukturierte Stallumwelt und Futterangebote sind weitere schwerwiegende Faktoren.

Vorbeugende Maßnahmen

Die beste Vorbeugung besteht in der Berücksichtigung nachfolgend besprochener Parameter. Jedoch kann selbst unter Optimalbedingungen das Auftreten von Federpicken und Kannibalismus nicht völlig ausgeschlossen werden. Wichtig ist in jedem Fall eine frühzeitige Ursachenanalyse und die Beseitigung der Stressquellen.

Genetik 

Es ist mittlerweile hinreichend bekannt, dass zwischen den verschiedenen Hybridlinien (Legetypen) erhebliche Unterschiede bezüglich der innerartlichen Aggressivität bestehen. Da bei der Zucht im wesentlichen auf Lege- oder Mastleistung selektiert wird, werden die für eine artgemäße Legehennenhaltung wichtigen Sozial-Verhaltensweisen wie Verträglichkeit der Tiere untereinander bislang nicht genügend berücksichtigt. Ein hohes Aggressionsniveau kann jedoch auch bei Rassegeflügel auftreten, so dass hierin (abgesehen von der meist mäßigen Legeleistung) zurzeit keine echte Alternative liegen kann.

Aufzucht

Da die Zucht im Moment weitestgehend außerhalb des Einflussbereiches der ökologischen Legehennenhalter liegt, kommt der Aufzucht eine besondere Bedeutung zu. Offensichtlich müssen die Küken bzw. Jungtiere von Beginn an die Möglichkeit haben, in einer artgemäßen Umgebung aufzuwachsen. Eine wesentliche Rolle kommt somit der Zusammenarbeit zwischen Aufzüchter und Halter zu, damit die Bedingungen der Junghennenaufzucht bereits weitestgehend der späteren Haltung entsprechen.

Ernährung

Futtermangel sowie Mängel in der Nährstoffversorgung (Mineralstoffe [Natrium], Aminosäuren [Methionin], Proteine) können Federpicken auslösen. Wirtschaftseigenes Futter ist daher auf einen ausreichenden Nährstoffgehalt aller Komponenten zu untersuchen und gegebenenfalls zu ergänzen. Bei ausschließlicher Mehl- oder Pelletfütterung werden wesentliche Sequenzen des Nahrungsaufnahmeverhaltens nicht erfüllt. Um der Ersatzhandlung "Federpicken" vorzubeugen, werden als Beifütterung Möhren, Rüben, Heu, Grünfutter, Kräuter sowie Kalksteine und Viehsalz empfohlen. Wenn keine ausreichende Futteraufnahme der Hennen gewährleistet ist, führt dies zu einer indirekten oder relativen Nährstoffunterversorgung mit den entsprechenden Folgereaktionen.

Einstreu

Einstreu muss vor allem trocken und locker gehalten werden. Im Scharraum ist zudem eine dreischichtige (Stroh-Kompost-Sand), mindestens zehn Zentimeter tiefe Einstreu mit Sandbädern einzurichten. Sand- und Staubbäder ermöglichen Hühnern und Puten die Körper- und Gefiederpflege, die für das Wohlbefinden sehr wichtig ist (zum Beispiel Ektoparasiten). Das Wassergeflügel benötigt hierfür geeignete Bademöglichkeiten. Durch tägliches Ausstreuen von Getreidekörnern in die Einstreu wird die Scharraktivität und die Nahrungssuche gefördert und verlängert. So wird dem Auftreten von Federpicken entgegengewirkt.

Stallklima

Ein gutes Stallklima (relative Luftfeuchte von 60 bis 80 Prozent sowie schadgasarme und nicht zu warme Luft) reduziert ebenfalls das Auftreten von Federpicken. Insbesondere der Mistentfernung und Schadgasabfuhr muss viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Deshalb muss die Frischluftzufuhr und -verteilung steuerbar sein. In diesem Zusammenhang ist auch die Einstreu im Scharraum, besonders im Warmbereich zu sehen. Ist diese zu trocken, baut sich im Stallinneren eine enorme Staubbelastung auf, welche ebenfalls über Luftaustausch und oder Feuchtegehalt in der Einstreu geregelt werden muss. Ein ähnlicher Effekt tritt nach der Anwendung mineralischer Stäube zur Ektoparasitenbekämpfung auf.

Tageslicht

Tageslicht ist ein Grundbestandteil einer artgerechten Tierhaltung. Es ist jedoch darauf zu achten, dass das Licht indirekt oder gestreut (Milchglas) einfällt. Punktuell einfallendes Licht (Sonnenflecken) kann Federpicken erheblich begünstigen. Es sollten der Scharrraum hell, der Futter- und Tränkebereich mäßig und der Ruhebereich wenig beleuchtet sein. Niederfrequente Leuchtmittel sind eher ungeeignet zur Beleuchtung, da das Flimmern für die Hennen eine Stressquelle ist. Als geeignete Lichtquelle haben sich Vollspektrumlampen erwiesen.

Legenester

Eine gute Abdunkelung der Legenester beugt dem Kloakenpicken, das eine Vorstufe des Kannibalismus sein kann, vor. Die rosaglänzende, beim Ablegen vorgestülpte Kloake übt auf andere Hennen, die das Nest betreten, einen erheblichen Pickreiz aus. Vorbeugend wirkt eine ausreichende Anzahl von Nestern, keine Störungsreize während der täglichen Legephase der Herde (zum Beispiel durch eine beliebte Körnergabe) und die Steuerung der Stallausleuchtung. 

Geschlechterverhältnis

Aus der Praxis wird vom positiv regulierenden Effekt von Hähnen (ein Hahn pro 50 Hennen) auf das Hennenverhalten beim Streiten berichtet. Jedoch können andauernde Streitigkeiten der Hähne auch zu zusätzlicher Unruhe führen.

Letzte Aktualisierung: 24.06.2018