Neue Wege in der ökologischen Geflügelzucht

Neue Wege in der ökologischen Geflügelzucht

Bislang sind Ökogeflügelhalter weitestgehend auf Tiere angewiesen, die für die konventionelle Intensivhaltung gezüchtet wurden. Solche Tiere eigenen sich kaum für eine ökologisch-nachhaltige Eier- und Fleischerzeugung. Um die Geflügelzüchtung an die ökologischen Produktionsbedingungen anzupassen, haben Demeter und Bioland 2015 die Ökologische Tierzucht gGmbH – kurz ÖTZ – gegründet. Oekolandbau.de sprach mit der ÖTZ-Geschäftsführerin Inga Günther darüber, warum dieser Schritt längst überfällig war und wie das Ökohuhn der Zukunft aussieht.

Oekolandbau.de: Frau Günther, Sie setzen sich sehr aktiv für eine ökologische Zucht im Geflügelbereich ein. Warum?

Günther: Anders als bei den Nutzpflanzen, wo die ökologische Züchtung schon seit 25 Jahren praktiziert wird, hat die Ökobranche den Handlungsbedarf im Nutztierbereich erst sehr spät erkannt. Bis heute ist die Ökobranche bei Legehennen und Mastgeflügel weitestgehend auf Tiere angewiesen, die für die konventionelle Intensivproduktion gezüchtet wurden. Diese Form der Züchtung, bei der die Tiere nur einseitig auf Mast- und Legeeignung selektiert werden, nimmt das massenhafte Töten männlicher Küken in Kauf. Ein Zustand, der von vielen Landwirtinnen und Landwirten in der Biobranche und auch von immer mehr Verbraucherinnen und Verbrauchern als nicht zukunftsfähig empfunden wird. Auch neue Verfahren, wie die in ovo-Geschlechtsbestimmung, bei denen das Geschlecht bereits im Ei festgestellt werden kann, stellen hier keine befriedigende Lösung für das Problem dar. Denn das Verfahren verlagert die Tötung der männlichen Legetiere lediglich in das erste Drittel der Brut. So lange Legehennen nur als Eierstöcke gesehen werden mit einem ansonsten überflüssigen Körper und Masthähnchen nur als Hähnchenschnitzel, wird sich an dem Dilemma nichts ändern. Wichtig ist es daher, durch tiergerechte Züchtung die Ursachen zu vermeiden und neue ganzheitlichere Konzepte umzusetzen. Hier setzt die ökologische Züchtung an.

Oekolandbau.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit der Ökologischen Tierzucht gGmbH?

Günther: Die Ökologische Tierzucht gGmbH – kurz ÖTZ – wurde Anfang 2015 von Demeter und Bioland gegründet, um die kritisierten Zustände in der Geflügelzucht zu verändern. Langfristiges Ziel der ÖTZ ist die Zucht von Zweinutzungsrassen, die der weiblichen und männlichen Seite gerecht wird und die Grenzen der Leistungszucht anerkennt. Wir sehen es als durchaus realistisch an, mit weniger stark spezialisierten Zuchtlinien in geschickter Kombination, das heißt mit einem legebetonten Zweinutzungshuhn und einem fleischbetonten Pendant dazu eine wirtschaftliche Eier- und Fleischerzeugung zu gewährleisten. Der Weg dorthin ist allerdings noch recht weit. Wichtigstes Ziel seit der Gründung im März 2015 war es, überhaupt erst einmal authentische Strukturen für eine ökologische Züchtung zu schaffen, die es bis dato nämlich nicht gab. Da sind wir schon gut vorangekommen. Wichtig ist uns zudem eine enge Zusammenarbeit mit den Landwirten bei der praktischen Züchtungsarbeit.

Oekolandbau.de: Welche Zuchtziele verfolgt die ÖTZ in der Geflügelzucht?

Günther: Langfristiges Zuchtziel ist ein Huhn, das beide Produktionsrichtungen abdeckt, Eier und Fleisch, und dabei gleichzeitig eine wirtschaftliche Aufzucht ermöglicht. Hier streben wir eine Legeleistung von etwa 240 Eiern und auf der männlichen Seite ein Lebendgewicht von rund drei Kilogramm in 18 Wochen an. Parallel dazu wird es um die Entwicklung alternativer, ökologischer Legehennen-Linien gehen. Grundsätzlich gilt es, die Hühner besser an die Haltungs- und Fütterungsbedingungen der ökologischen Landwirtschaft anzupassen. Das heißt im Klartext, robuste Hühner mit guter Eignung für die Auslaufhaltung, Resistenzen gegen Krankheiten und einer guten Verwertung ökologischer Futterkomponenten wie zum Beispiel heimische Leguminosen. Ein Zuchtziel wird auch die Verbesserung der geschmacklichen Qualität des Fleisches sein. Positiven Einfluss darauf wird aber allein schon das langsamere Wachstum der Zweinutzungstiere haben.

Oekolandbau.de: Was bedeutet für Sie ökologische Geflügelzüchtung und was unterscheidet diese von der derzeitigen Praxis?

Günther: In der ökologischen Geflügelhaltung leben alle Tiere, deren Eier und Fleisch wir konsumieren, unter ökologischen Haltungs- und Fütterungsbedingungen – und zwar von Anfang an. Das gilt auch für die Eltern dieser Tiere. Die Großeltern unserer Biohennen leben bisher jedoch überwiegend unter konventionellen Bedingungen in Einzeltierkäfigen – eben weil die Biobranche hier noch auf Tiere der großen Zuchtunternehmen angewiesen ist. Ein wichtiges Merkmal ökologischer Geflügelzucht ist für uns daher, dass wirklich alle für die Zucht benötigten Tiere bereits unter ökologischen Bedingungen gehalten werden. Das heißt, keine Einzeltierhaltung, Fütterung mit Ökofuttermitteln ohne chemisch-synthetische Aminosäuren, kein präventiver Einsatz von Antibiotika und keine Manipulation an Schnäbeln, Kämmen und Flügeln. Soweit möglich, soll auch auf künstliche Besamung verzichtet werden. Ein wichtiges Bestreben der Ökozüchtung ist es zudem, dass die Arbeit für alle transparent ist und nicht, wie in der herkömmlichen Züchtung üblich, hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Oekolandbau.de: Wo steht die ökologische Geflügelzucht derzeit?

Günther: Züchtungsarbeit dauert sehr lange, sodass man nach zwei Jahren noch nicht von echten züchterischen Erfolgen sprechen kann. Sehr erfolgreich war die ÖTZ bisher jedoch darin, die Entwicklung von Strukturen für eine erfolgreiche Züchtung in Gang zu setzen. Eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass wir auf die züchterische Vorarbeit der Domäne Mechthildshausen, einem Ökobetrieb bei Wiesbaden, zurückgreifen konnten. Dort wurden über viele Jahre die Zuchtlinien White Rock und New Hempshire selektiert. 2017 sind außerdem noch Hühner der Rasse Bresse hinzugekommen, die bereits mehrere Jahre am Demeter-Standort Rengoldshausen züchterisch bearbeitet wurden. Alle diese Tiere und die verschiedenen möglichen Kreuzungen daraus werden von uns nun in den nächsten Jahren getestet und hinsichtlich ihrer Eignung als alternative Legehenne und Zweinutzungshuhn weiterentwickelt. Dabei arbeiten wir eng zusammen mit den Praktikern. Dank der Brütereien, Elterntierhalter und einzelner Züchtungsinitiativen können wir bereits auf viel Know-how bauen.

In den kommenden Jahren wird es jedoch erstmal weiterhin um den Aufbau der Strukturen für eine erfolgreiche Ökogeflügelzucht gehen. Es ist wichtig, eine Infrastruktur entlang der gesamten Zucht,- Produktions- und Distributionskette zu entwickeln. Ein vom BÖLN gefördertes, dreijähriges Projekt, das Anfang 2017 begonnen hat, soll dazu weitere Erkenntnisse liefern.

Wichtig ist zudem die Initiative "1 Cent pro Ei für die ökologische Tierzucht". Hier unterstützen uns elf Naturkosthändler sowie 45 Abokistenbetriebe und Hofläden und beziehen die Konsumentinnen und Konsumenten in die Züchtungsarbeit ein. In den kommenden fünf Jahren zahlen diese Partner auf jedes gehandelte Bioei einen Züchtungscent, der direkt der ÖTZ zugute kommt. Aktuell sind es fast 20 Millionen Eier, deren Verkauf direkt Geld für die Ökozüchtung erbringt. Verbraucherinnen und Verbraucher können die Läden oder Abokisten, die an der Aktion teilnehmen, an dem Unterstützungssiegel der ÖTZ erkennen.

Oekolandbau.de: Können Ökogeflügelhalter schon jetzt Jungtiere aus ökologischer Tierzucht beziehen?

Günther: Interessierte Landwirtinnen und Landwirte und Geflügelhalterinnen und Geflügelhalter können natürlich jetzt schon ÖTZ-Tiere in ihre Herden integrieren oder als separate Gruppe halten. Diese müssen allerdings früh genug bei den Biojunghennenaufzüchtern bestellt werden. Der ÖTZ ist es besonders wichtig, dass die männlichen Küken der ÖTZ-Legehennen auch aufgezogen werden. Um dies zu ermöglichen können Betriebe entweder gleich weibliche und männliche Tiere bestellen oder sich für die Aufzucht der Hähne an die Initiative "Bruderhahn" wenden. Mehr Infos zu den verfügbaren Gebrauchskreuzungen finden sich auf unserer Internetseite.


Letzte Aktualisierung 21.02.2017

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