Automatische Melksysteme

Automatische Melksysteme in der Öko-Milchviehhaltung

Automatische Melksysteme, kurz AMS, sind zunehmend gefragter. Mehr als 50 Prozent aller aktuell in Deutschland neu installierten Melksysteme sind AMS – Tendenz steigend. Auch ökologische Milchviehhalterinnen und -halter interessieren sich immer mehr für das automatische Melken mit dem Melkroboter. Kein Wunder, lässt sich damit doch die Arbeitsbelastung senken und die Arbeitszeit flexibler gestalten.

Viele Betriebe sind allerdings noch skeptisch, wie gut sich das AMS mit dem für den Ökolandbau so charakteristischen Weidegang vereinen lässt. So mancher fragt sich zudem, ob das System auf einem Öko-Betrieb ausreichend ausgelastet werden kann, um die höheren Investitions- und Unterhaltskosten zu decken. Außerdem: Wie wirkt sich der Melkroboter auf die Eutergesundheit der Tiere aus? Und wie verträglich ist das AMS für horntragende Kuhherden?

Wie vertragen sich Weidegang und AMS?

"Weidegang und AMS scheinen auf den ersten Blick schlecht miteinander vereinbar," erklärt Uwe Eilers vom Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW). Der Tierwissenschaftler hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit automatischen Melksystemen beschäftigt und weiß, dass der erfolgreiche Einsatz eines AMS stark davon abhängt, dass die Tiere in möglichst gleichmäßigen Intervallen zum Melken in den Stall gehen. Bei ausgedehntem Weidegang, wie er im Ökolandbau üblich ist, könne das schon mal schwierig werden.

Wie schwierig das sein kann, zeigte eine 2013 an der Uni Witzenhausen durchgeführte Studie von Franziska Bühlen, bei der über 40 Öko-Milchviehbetriebe mit AMS befragt wurden: Beinahe ein Drittel der Betriebe stellte den Weidegang nach Einführung des AMS aufgrund von Problemen komplett ein, einige andere haben ihn zumindest eingeschränkt. Eine solche Entwicklung ist sicher nicht im Sinne einer ökologischen Milchviehhaltung. Die Studie zeigte aber auch, dass zwei Drittel der Öko-Betriebe mit dem System Weidegang und AMS ohne Einschränkung des Weidegangs zurecht kamen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine aktuelle Untersuchung des LAZBW unter Leitung von Uwe Eilers, in der 25 Öko-Milchviehbetriebe in Baden-Württemberg und Bayern mit AMS und Weidegang analysiert wurden. Auch hier war die Weidezugangsdauer der untersuchten Betriebe zwar sehr unterschiedlich. Die Mehrheit der untersuchten Betriebe kann den Kühen jedoch einen täglichen Weidezugang von mehr als fünf Stunden, gut ein Drittel sogar von mehr als zwölf Stunden gewährleisten.

Was die ökonomische Auslastung des AMS angeht, besteht allerdings noch Potenzial nach oben. Wie die LAZBW-Studie zeigt, erreichte die Mehrheit der untersuchten Betriebe keine volle Auslastung des AMS (nach konventionellen Gesichtspunkten, siehe Tabelle). "Gründe dafür waren vor allem die relativ niedrige Bestandsgrößen und die geringeren Milchleistungen", so Eilers. "Nur einige wenige der untersuchten Öko-Betriebe konnten die höheren Anschaffungs- und Unterhaltskosten für das AMS durch die Ersparnis von Futterkosten durch Weidegang und die geringeren Arbeitskosten ausgleichen."

Konventionelle Zielwerte für das AMS im Vergleich zu den in der LAZBW-Studie ermittelten Werten von Öko-Betrieben mit AMS.
ParameterKonventioneller ZielwertÖko-Betriebe mit Weidegang (Mittelwert von 24 Betrieben)
Milchmenge in Kilogramm je Box und Tag> 1.7001.044
Melkungen je Kuh und Tag> 2,42,5
Milchmenge in Kilogramm je Kuh und Tag> 25,021,5
Technische Auslastung in Prozent> 8066
Anzahl melkende Kühe6848

Quelle: Merz 2016, ergänzt durch Uwe Eilers

Erfolgsfaktoren für das System Weidegang mit AMS

Viele Öko-Milchviehbetriebe mit AMS setzen auf den ungeregelten Zugang zur Weide. Das heißt die Kühe können, ungehindert zwischen Weide und AMS pendeln, was den Kühen größtmöglichen Bewegungsfreiraum ermöglicht. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich das Vorhandensein von ausreichend arrondierter Weidefläche mit direktem Anschluss an den Stall. "Beim System des ungeregelten Zugangs zur Weide muss der Tierhalter allerdings dafür sorgen, dass die Kühe auch gerne regelmäßig wieder in den Stall gehen, um sich melken zu lassen", berichtet Eilers, "andernfalls ist ein hoher Nachtreibeaufwand nötig". Dafür müssen Anreize geschaffen werden, wie zum Beispiel ein schmackhaftes Kraftfutter, Zufütterung von attraktivem Grundfutter, gutes Stallklima und ausreichend Platz im Stall. Damit der Pendelverkehr zwischen Weide und Stall gut funktioniert, braucht es neben fußgesunden Kühen möglichst kurze und tiergerechte Verbindungswege, das heißt ohne Steine und Morast.

Eine sinnvolle Methode, um den Nachtreibeaufwand gering zu halten und die Auslastung des AMS zu verbessern, ist der Einsatz von automatisierten Selektionstoren. Sie verweigern Kühen mit bevorstehendem Melkanrecht den Zugang zur Weide. Zudem kann bei knapper Weidefläche die Weidezeit automatisch begrenzt werden, um die Grasnarbe zu schonen und Aufwuchs und Beweidung aufeinander abzustimmen.

AMS und Öko-Milcherzeugung: Best Practice-Empfehlungen

Aus der durchgeführten LAZBW-Studie hat Uwe Eilers "Best Practice"-Empfehlungen für den ökologische Milchviehbetriebe abgeleitet. Bei Orientierung an folgenden Eckdaten kann eine gute Auslastung des AMS gewährleistet werden. Zugleich werden damit Zielkonflikte zur Ökologie und Tiergerechtheit gelöst:

  • Milchleistung 7.000 Kilogramm
  • Durchschnittliches Tagesgemelk 23 Kilogramm
  • Laktationsspitze maximal 30 Kilogramm
  • Maximal zehn Dezitonnen Kraftfutter je Kuh und Jahr
  • Maximal sieben Kilogramm Kraftfutter je Kuh und Tag
  • Aktive Tierselektion nach dem Melken auf die Weide
  • Mindestens fünf, besser mindestens acht bis zehn Stunden tägliche Weidedauer
  • Mindestens 0,06, besser mindestens 0,12 Hektar Weidefläche je Kuh
  • Portionsweide/rotierende Standweide (möglichst täglich neue Parzelle/Portion)
  • Zufütterung entsprechend des Weideanteils in der Ration in festem Tagesrhythmus

Melkhygiene und Eutergesundheit

Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Eutergesundheit und Melkhygiene auf Betrieben mit AMS, abgesehen von der Umstellungsphase, nicht schlechter einzustufen ist als bei Betrieben mit konventioneller Melktechnik. Das Robotermelken erfolgt dabei sehr euterschonend. So wird beispielsweise das Blindmelken einzelner Viertel durch das viertelweise Abhängen der Melkbecher unmöglich gemacht. Außerdem kann die Melkfrequenz an das Laktationsstadium und die Milchleistung angepasst werden, was den natürlichen Abläufen einer säugenden Kuh besser entspricht als das zweimalige Melken über die gesamte Laktation.

Da im Melkroboter vor dem Anhängen des Melkzeugs keine visuelle Kontrolle der Sauberkeit des Euters erfolgt, muss in AMS-Ställen ganz besonders viel Wert auf die Boxenpflege gelegt werden. Wichtig ist zudem auch die intensive Kontrolle der Daten des AMS, darunter Leitfähigkeit und Milchmenge, um Infektionen frühzeitig zu erkennen.

AMS gut für horntragende Kühe

Ställe mit automatischen Melksystemen eignen sich ideal für horntragende Kuhherden. "So gibt es insbesondere für rangniedere Kühe keinen Stress im Wartebereich, beim Treiben in und aus dem Melkstand und anschließend am Fressgitter. Rangniedere Kühe können abwarten, bis der Zugang zum AMS für sie frei ist", berichten Dr. Silvia Ivemeyer von der Universität Witzenhausen und Franziska Bühlen vom Beratungsdienst Ökologischer Landbau Ulm e. V. in der Zeitschrift "Lebendige Erde". Allerdings könne ein AMS auf einem Betrieb mit horntragenden Kühen kaum bis an die Grenze ausgelastet werden.


Letzte Aktualisierung 30.12.2020

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