Biomilchviehbetriebe

Biomilchviehbetriebe – Wachsen, aber wie?

Im Gegensatz zu vielen konventionellen Betrieben tun sich Biomilchviehbetriebe oft deutlich schwerer, ihre Herde und damit ihre Produktion auszuweiten. Doch selbst bei hohen Auszahlungspreisen ist Wachstum auch in der ökologischen Milcherzeugung sinnvoll. Dabei sollten die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter einige wichtige Punkte beachten.

Nicht nur konventionelle Milchviehbetriebe, auch Biomilcherzeugerinnen und -erzeuger müssen sich heute regelmäßig mit der Frage beschäftigen, ob und in welchem Umfang sie ihren Betrieb vergrößern wollen oder müssen. Denn auch in Zeiten guter Milchpreise entsteht durch steigende Kosten automatisch ein gewisser Zwang zur Erweiterung. Allein von 2005 bis 2013 ist der Aufwand pro Kuh im Schnitt um 90 Euro gestiegen.

Um ihr Betriebseinkommen langfristig zu sichern, müssen deshalb auch Biobetriebe mehr Milch erzeugen. Grundsätzlich ist dies neben einer Vergrößerung der Herde auch über eine höhere Intensität möglich, also über eine höhere Milchleistung pro Kuh. Dieter Sixt, Biolandberater für Rinder in Bayern, hält grundsätzlich beide Wege für sinnvoll. Sie sollten aber zum Betrieb passen: „Für eine größere Herde spricht, dass sich das Wachstum relativ einfach über einen größeren Stall und mehr Technik umsetzen lässt, etwa mit einer Abnahmeautomatik oder Nachtreibevorrichtung.“ Allerdings ist ein solches Wachstum meist mit hohen Investitionen und einem zusätzlichen Bedarf an Futterflächen verbunden.

Anspruchsvolles Tiermanagement

Eine Leistungssteigerung von 1.000 oder mehr Kilogramm pro Kuh und Jahr erfordert dagegen keine besonderen Investitionen und auch nicht mehr Fläche. Aber es stellt deutlich höhere Ansprüche an das Tier- und Flächenmanagement der Betriebsleitung und macht in der Regel zusätzliche Kraftfuttergaben erforderlich, die teuer zugekauft werden müssen. „Viele Biobetriebe bevorzugen eine eher moderate Intensität. Dafür spricht nach meiner Erfahrung auch, dass bei hohen Intensitäten schon kleine Fehler beim Tiermanagement schnell zu Leistungseinbrüchen führen können“, sagt Sixt.

Wer eine größere Herde anstrebt, sollte sich vorab klarmachen, wie der zusätzliche Arbeitsaufwand bewältigt werden kann. Laut Dieter Sixt werden bei 60 bis 70 Kühen etwa 1,5 Arbeitskräfte benötigt. Das können Betriebe meist mit Unterstützung einzelner Familienmitglieder selbst leisten. „Schwierig ist der Bereich darüber, also zwischen 70 und 150 Kühen“, sagt Sixt. „Denn eigentlich wird bei dieser Herdengröße eine Fremdarbeitskraft benötigt, die sich aber in dieser Größenordnung noch nicht rechnet.“ Innerhalb der Familie ist dieser Schritt laut Sixt nur möglich, wenn Hofnachfolgerinnen oder –nachfolger in den Betrieb einsteigen oder wenn verstärkt Arbeiten ausgelagert und Lohnunternehmen genutzt werden können.

Das Arbeitsprofil ändert sich

Viele Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter unterschätzen beim Wachstum ihres Betriebes auch, dass sich ihr Arbeitsprofil deutlich verändert. Statt Dinge selber zu machen, müssen viele Aufgaben delegiert werden, von der Futterernte bis zum Melken. Dieter Sixt: „Der Anspruch ans Management wächst rasant, auch bei relativ kleinen Schritten von 50 auf 80 Kühe. Die Wandlung vom reinen Praktiker hin zum Manager fällt vielen Betriebsleitern schwer, ist aber letztlich entscheidend für den langfristigen Betriebserfolg.“ Aus diesem Grund rät er grundsätzlich zu kleineren Wachstumsschritten und empfiehlt Fortbildungen im Bereich des betrieblichen Managements.

Für ein Wachstum in Etappen sprechen auch andere Punkte. Es gibt der Betriebsleitung die nötige Zeit, sich langsam an neue Managementaufgaben gewöhnen, zu denen zum Beispiel der motivierende Umgang mit Fremdarbeitskräften gehört. Auch für die züchterische Entwicklung der Herde ergeben sich Vorteile. Denn so können ohne Zeitdruck weiterhin die vielversprechendsten Tiere aus der Nachzucht ausgewählt werden. „Bei schnellem Wachstum, wird dagegen oft die gesamte Nachzucht in die Herde integriert, um möglichst schnell die geplante Größe zu erreichen“, erklärt Sixt. „Das drückt später oft die Herdenleistung und erhöht den Austausch von Tieren, da nicht nur die besten Tiere nachgestellt werden.


Infografik: Wie viel bekommen die Landwirtin und der Landwirt für Bio-Milch?

Im Jahr 2020 erhielten Milchbäuerinnen und -bauern im Durchschnitt 48,29 Cent pro Kilogramm ökologisch erzeugter Milch von deutschen Molkereien. Dabei entspricht 1 Liter Milch 1,02 bzw. 1,03 Kilogramm. Für konventionelle Milch gab es 32,84 Cent. Vergleicht man dies mit dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre, erhielten konventionelle Betriebe etwa 0,8 Cent, Bio-Betriebe rund 0,1 Cent mehr als in den Vorjahren. Gegenüber 2019 konnten jedoch nur die Bio-Milchviehhalterinnen und -halter einen Zugewinn verbuchen. Während der Preis für Bio-Milch um 1,4 Prozent zulegte, ging der für konventionell erzeugte Milch um 2,6 Prozent zurück.


Optimum pro Tier bei 75 bis 100 Kühen?

Aber welches Wachstum und welche Größe sind für einen Betrieb optimal? Orientierung bieten hier einige betriebswirtschaftliche Zahlen. So ergab eine Erhebung bei Familienbetrieben in Baden-Württemberg, dass Betriebe mit 75 bis 100 Kühen mit knapp 1.200 Euro die höchsten Ergebnisse pro Tier und Jahr erreichten. Diese lagen etwa 100 Euro höher als bei der Vergleichsgruppe mit 50 bis 75 Tieren. Bei größeren Herden ging das Ergebnis pro Tier wieder zurück. Dennoch hatten Betriebe mit mehr als 100 Kühen auch ein höheres absolutes Einkommen als die kleineren Betriebe.

Auch beim Arbeitszeitbedarf pro Kuh kristallisiert sich beim Wachstum ein Optimum heraus. Bis zu einem Bestand von 120 Kühen sinkt der Aufwand pro Tier deutlich auf etwa 30 Stunden pro Tier und Jahr. Wird die Herde weiter vergrößert, geht der Aufwand pro Kuh nur noch geringfügig zurück, selbst bei 300 Tieren und mehr.

Mehr Kühe, höhere Maschinenkosten

Eine größere Herde führt darüber hinaus zu einem höheren Futterbedarf. Außerdem fallen mehr Gülle und Mist an. Damit verbunden sind deutlich größere Transportmengen und entsprechend höhere Kosten, je nach Entfernung der Flächen. Als grobe Faustzahl gilt hier: Doppelte Entfernung gleich doppelte Wegekosten. Ein weiterer Kostenfaktor ist aus Sicht von Dieter Sixt auch der wachsende Bedarf an Schlagkraft und damit an größeren Maschinen. Dafür muss entweder der eigene Maschinenpark ausgebaut werden, oder man greift verstärkt auf Lohnunternehmen zurück.

Dass kleinere Wachstumsschritte von Vorteil sind, bestätigt auch eine Umfrage der Bioland Beratung und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Danach ist die Zufriedenheiten bei den Biolandwirtinnen und -landwirten am größten, die ihre Herde um 40 Prozent aufgestockt haben. Nach einer Verdopplung der Herde nahm die Zufriedenheit dagegen deutlich ab. Dieter Sixt kann diesen Trend aus seiner Beratungsarbeit bestätigen. „Schnelles Wachstum ist oft nur mit hohem Fremdkapitaleinsatz und großem Managementaufwand möglich. Dieser Druck belastet Familienbetriebe häufig viele Jahre lang, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.“


Letzte Aktualisierung 27.02.2020

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