Haltungssysteme und Gesundheitsmanagement bei Bioschweinen

Haltungssysteme und Gesundheitsmanagement bei Bioschweinen

Der Verbrauch von Bioschweinefleisch ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Laut Ergebnissen von Befragungen geht es Verbraucherinnen und Verbrauchern bei Biofleisch vor allem um die Sicherheit der Produkte sowie um das Wohlergehen und die Gesundheit der Tiere. Seitens der Landwirtinnen und Landwirten besteht ein großer Bedarf an Managementwerkzeugen, mit denen der Tiergesundheitsstandard verbessert werden kann. Ein dreijähriges transnationales Forschungsvorhaben hat die Strukturen und Systeme zum Gesundheitsmonitoring in der Bioschweinehaltung der beteiligten EU-Länder erfasst und vier auf HACCP (Hazard Analysis and Critical Control Points, Gefahrenanalyse und kritische Lenkungspunkte) basierende Managementhilfen für die Anwendung auf schweinehaltenden Biobetrieben entwickelt. An dem EU-geförderten CORE Organic-Projekt "CorePig" waren neun Partner aus acht Ländern beteiligt. Deutschland war mit der Universität Kassel (Fachgebiet Tierernährung/Tiergesundheit) vertreten. Das deutsche Teilprojekt wurde durch das Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) mitfinanziert. Oekolandbau.de sprach mit dessen Projektleiter Prof. Dr. Albert Sundrum von der Universität Kassel.

Oekolandbau.de: Drei Jahre, acht Länder, neun Projektpartner, 20 Forschende – das klingt beeindruckend! Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse des CorePig-Projekts?

Prof. Dr. Albert Sundrum: Zunächst war es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts wichtig, die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Schweine in den verschiedenen Ländern nach den Richtlinien der ökologischen Landwirtschaft gehalten werden, kennenzulernen. Es galt zu verstehen, welche Probleme vorherrschen und wie ihnen am ehesten beizukommen ist. Alle Länder haben gemein, dass sich trotz der Einhaltung der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau die Lebensbedingungen der Schweine und deren Gesundheitszustand von Betrieb zu Betrieb deutlich unterscheiden. Für die im Hinblick darauf wichtigsten Bereiche - Endoparasiten, Reproduktion und Geburt, Absetzdurchfall sowie Saugferkelsterblichkeit - haben wir im Rahmen des Projekts HACCP-Managementhilfen entwickelt, die betriebsspezifisch bei der Lösung beziehungsweise Vorbeugung von Problemen unterstützen sollen.

Oekolandbau.de: Wie funktionieren diese Managementhilfen?

Prof. Dr. Albert Sundrum: Am Anfang steht immer die Erfassung der betriebsspezifischen Situation hinsichtlich der möglichen Ursachen von Gesundheitsproblemen und die Identifizierung von Optionen, die für Verbesserungen verfügbar sind. Das Ziel der Managementhilfen besteht in einem erleichterten Zugang zu einer in der Regel komplexen Gesamtsituation, um sich mittels einer geführten Herangehensweise einen Überblick zu verschaffen und so schneller die Problembereiche eingrenzen und Handlungsoptionen aufzeigen zu können. Die Managementhilfen bestehen aus drei Teilen: einem Fragenbogen für den Betriebsleiter, einer Checkliste zur Stallbeurteilung und einem betriebsspezifischen Bericht. Die Tools liegen in einer "Beta-Version" vor, die nun in Zusammenarbeit mit der landwirtschaftlichen Beratung in die Praxistauglichkeit gebracht werden müssten.

Oekolandbau.de: Sollen sich die Tools eher an Tierärzte, an Berater oder an die Schweinehalter selber wenden?

Prof. Dr. Albert Sundrum: Die beste Wirkung kann sicherlich dann erwartet werden, wenn sich die Schweinehalter mit dem Hoftierarzt und dem landwirtschaftlichen Berater zusammensetzen und gemeinsam anhand der Managementhilfen die lokale Situation erörtern und die für den Betrieb sinnvollsten Maßnahmen identifizieren. Die Managementtools helfen, diesen Prozess und den fachlichen Austausch zu strukturieren. Ihre Wirkung können die Tools jedoch nur dann entfalten, wenn die Landwirte konkrete Ziele hinsichtlich des Gesundheitsstatus der Schweine anstreben und gleichzeitig auch über arbeitszeitliche und gegebenenfalls monetäre Ressourcen verfügen, um die Mehraufwendungen bei der Umsetzung von gesundheitsfördernden Maßnahmen stemmen zu können.

Oekolandbau.de: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten aktuellen Forschungsfelder mit Blick auf die Bioschweinehaltung?

Prof. Dr. Albert Sundrum: Da der Tiergesundheitsstatus in der ökologischen Schweinehaltung auf vielen Betrieben nicht den Erwartungen der Verbraucher entspricht, stehen Fragen zu den Möglichkeiten der Verbesserung der Tiergesundheit weiterhin auf der Liste der Forschungsfelder weit oben. Bezüglich der Umsetzung von Erkenntnissen in die landwirtschaftliche Praxis kommt erschwerend hinzu, dass die Erzeuger unfairen Wettbewerbsbedingungen ausgesetzt sind, weil sie unabhängig von der Qualität der gelieferten Produkte den gleichen Marktpreis erzielen. Damit muten die derzeitigen Marktbedingungen denjenigen Betrieben einen Wettbewerbsnachteil zu, welche mit Mehraufwendungen für die Verbesserung der Tiergesundheit und für eine bedarfsorientierte Nährstoffversorgung höhere Produktionskosten in Kauf nehmen. Dieser Problematik sollten sich die ökologischen Agrarwissenschaften in interdisziplinär angelegten Forschungsvorhaben stellen.


Merkblatt für Haltungssysteme in der Bioschweinehaltung

Ein Output des CorePig-Projekts ist das Merkblatt "Bioschweinehaltung in Europa", das im Onlineshop des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) bestellt oder kostenlos heruntergeladen werden kann. Das Merkblatt beschreibt die gängigen Haltungssysteme in der Bioschweinehaltung mit ihren Vor- und Nachteilen und gibt Empfehlungen zu den spezifischen Herausforderungen der ökologischen Sauen- und Ferkelhaltung.
FiBL-Shop: Bioschweinehaltung in Europa. Tierhaltungssysteme und Gesundheitsmanagement

Europäisches Forschungsprojekt ProPig

Auf der Basis der Erkenntnisse aus CorePig wurde im Rahmen des Programms CORE Organic II das Forschungsprojekt ProPig initiiert. Die Studie wird von 2011 bis 2014 in acht europäischen Ländern auf insgesamt 75 Bioschweinebetrieben durchgeführt. Ziel des Projektes ist, den Zusammenhang von Tiergesundheit und Tierwohl mit Fütterung und Umweltauswirkungen zu untersuchen. Koordiniert wird das Projekt vom Department für Nachhaltige Agrarsysteme (Institut für Nutztierwissenschaften) der Universität für Bodenkultur Wien. Von deutscher Seite ist das Friedrich-Loeffler-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) beteiligt.


Kontakt

Prof. Dr. Albert Sundrum
Universität Kassel, Fachbereich 11 Ökologische Agrarwissenschaften
Fachgebiet Tierernährung/Tiergesundheit
Nordbahnhofstraße 1a
37213 Witzenhausen
Telefon: +49 5542 98-1710
E-Mail:sundrum@uni-kassel.de


Portaltipps

Letzte Aktualisierung 26.02.2020

Betriebsentwicklung für mehr Tierwohl

Cover Broschüre Nachhaltige Landwirtschaft

Nachhaltige Landwirtschaft

Zur Broschüre (PDF-Dokument)

Tierwohl

Titelbild des Leitfaden Tierwohl, Bild: Naturland, Bioland, Demeter

Leitfaden

Beurteilung des Wohles der Tiere in der Landwirtschaft - Bioland, Demeter, Naturland

Nach oben
Nach oben