Biologie und Verhalten

Das Verhalten des Schweins

Das Verhaltensrepertoire von Hausschweinen ist durch die Domestikation wenig verändert worden, so dass noch heute große Übereinstimmungen im Verhalten von Wild- und Hausschweinen bestehen. Bei Haltungsversuchen mit Intensivrassen unter naturähnlichen Bedingungen waren bereits nach kurzer Zeit die typischen, bei Wildschweinen dokumentierten Verhaltensweisen wiederzuerkennen. Die meisten Verhaltensweisen werden beim Herdentier Schwein gemeinsam ausgeführt.

Verhaltensweisen einer Tierart werden in sogenannte Funktionskreise gegliedert (Nahrungsaufnahme, Sozialverhalten, Sexualverhalten, etc.). Dabei werden Verhaltensweisen und deren räumliches Stattfinden, die einer gemeinsamen Funktion dienen, schematisch zusammengefasst. Die natürlichen, arttypischen Verhaltensweisen bilden die Grundlage für die Gestaltung artgemäßer Haltungssysteme.

Sozialverhalten

Schweine haben ein ausgeprägtes und differenziertes Sozialverhalten. Sie leben in kleinen dauerhaften Mutterfamiliengruppen, die sich nur für die Zeit des Abferkelns auflösen. Eber sind Einzelgänger und halten sich nur während der Paarungszeit bei den Rotten auf. Das Zusammenleben der Schweine wird durch eine Rangordnung geregelt. Ist diese durch Rangkämpfe einmal festgelegt, ist sie sehr stabil. Auseinandersetzungen finden dann in der Regel nur um begrenzte Ressourcen statt.

Sexualverhalten

Hausschweine sind mit sechs bis acht Monaten geschlechtsreif. Während Wildsauen in der Regel ein- bis zweimal pro Jahr rauschen, können Hausschweine das ganze Jahr über gedeckt werden. Der weibliche Zyklus dauert 21 Tage. Das Paarungsverhalten der Schweine ist stark ausgeprägt und wird von einem intensivem Vorspiel eingeleitet, bei dem der Eber die Sauen umwirbt.

Mutter-Kind-Verhalten

Das Nestbauverhalten von Sauen vor der Geburt ist weitgehend angeboren. Das Wurfnest dient als Wärmequelle und Feindesschutz, fördert die Prägung auf die Mutter und erleichtert den Ferkeln das Auffinden der Zitzen. Vor dem Ablegen im Nest kontrolliert die Sau den Boden und treibt liegende Ferkel auf, um sich dann langsam hinzulegen (Vorbeugung gegen Ferkelerdrücken). 

Nach ein bis drei Wochen verlassen Mutter und Junge das Nest und kehren zum Familienverband zurück. Sau und Ferkel halten engen Kontakt, häufig unter Lautgebung (zum Beispiel Warn-, Lock- und Milchlaute).

Ruheverhalten

Schweine sind tagaktive Tiere mit einer Hauptruhezeit während der Nacht und einer längeren Ruhephase in den Mittagsstunden. Als Ruheplätze werden geschützte Lagen bevorzugt. Schweine liegen gerne mit Körperkontakt beisammen, bei Hitze allerdings ganz frei in gestreckter Seitenlage. Bei Kälte ist die Haufenlage zur gegenseitigen Wärmung zu beobachten.

Ausscheidungsverhalten

Schweinen ist eine starke Abneigung gegen eigene Exkremente zu eigen. Der Liegebereich wird stets sauber gehalten. Kot und Harn werden nur außerhalb und an den Reviergrenzen zur Markierung abgesetzt. 

Nahrungsaufnahme

Schweine sind Allesfresser mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Nahrungssuche. Etwa 70 Prozent der Aktivitätszeit wird mit Futtersuche verbracht. Sie bevorzugen abwechslungsreiche Kost, die nach Möglichkeit wühlend aus dem Erdreich geholt wird. Die Futteraufnahme findet innerhalb der Gruppe gemeinsam statt, wobei eine ausgeprägte Nahrungskonkurrenz vorherrscht. Schweine gehören zur Gruppe der Saugtrinker. Sie nehmen Wasser durch Eintauchen der Schnauze aus einer stehenden Wasseroberfläche auf.

Fortbewegungs- und Erkundungsverhalten

Schweine sind sehr bewegungsaktiv und ausgesprochen neugierig. Das stark ausgeprägte Erkundungsverhalten lässt sich nicht klar von den Funktionskreisen Nahrungsaufnahme, Fortbewegung und Sexualverhalten abgrenzen. 

Komfortverhalten

Das Komfortverhalten umfasst Verhaltensweisen, die der Körperpflege und der Steigerung des Wohlbefindens der Tiere dienen. Zum Komfortverhalten gehören Körperpflege, Gähnen, Räkeln und Verhaltensweisen zur Thermoregulation. Da Schweine sich nicht an allen Körperteilen selbst kratzen können, haben sie ein starkes Scheuerbedürfnis. Dafür werden stabile horizontale und vertikale Strukturen genutzt.

Ebenfalls der Körperpflege dient das Suhlen, Duschen oder Baden. Die Schlammschicht der Suhle schützt die Schweinehaut vor Sonnenbrand, Stechinsekten und Hautparasiten. Zudem dient sie der Abkühlung der Tiere im Sommer, was besonders wichtig ist, da Schweine nicht schwitzen können. Durch das Suhlen kann die Körpertemperatur um zwei Grad gesenkt werden. Mit einer Schlammschicht auf der Haut hält die Kühlwirkung einer Suhle ein Vielfaches länger an als der Wassernebel einer Dusche.

Spielverhalten

Das Spielverhalten ist eng mit dem Erkundungsverhalten verbunden. Besonders Ferkel rennen gerne schnell und im Kreis, raufen, hüpfen hoch, schlagen Haken, schubsen oder reiten auf. Aber auch bei älteren Tieren ist spielerisches Verhalten zu beobachten.

Leistungsbezogene Parameter zur Beurteilung des Wohlbefindens von Tieren beziehungsweise der Qualität eines Haltungssystems können nur mit Vorsicht herangezogen werden. Zwar können Leistungseinbrüche auf ein vermindertes Wohlbefinden schließen lassen, doch umgekehrt ist eine hohe Leistung nicht zwangsläufig mit Wohlbefinden gleichzusetzen.


Letzte Aktualisierung 16.05.2018

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