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Nachgefragt: Was bedeutet eigentlich Lebensmittelverschwendung?

Junge Frau
"Lebensmittel sind für mich nicht nur ein Mittel zum Leben: Der Kauf von Essen ist eine ökologische und moralische Entscheidung, die wir Tag für Tag aufs Neue treffen!" Foto: Jennifer Raffler

Kennen Sie das auch? Das Pausenbrot verliert die Konkurrenz gegen die Süßwaren aus dem Schulkiosk und landet im Mülleimer des Schulhofes. Wie im Rahmen einer vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) in Auftrag gegebenen Studie (2012) herausgefunden wurde, machen es die Erwachsenen oft kaum besser. Der durchschnittliche deutsche Haushalt "verschwendet" Lebensmittel in einem Ausmaß, mit dem verschmähte Pausenbrote nicht mithalten können: 82 Kilo an noch essbaren Lebensmitteln landen pro Kopf und Jahr im Müll.

Eine Verschwendung, die nicht nur angesichts der ungleichen Verteilung der Nahrungsmittel auf unserem Planeten schwindeln macht. Mittlerweile hat das Thema Lebensmittelverschwendung eine Menge Aufmerksamkeit bekommen. Es ist einiges in Gang gesetzt worden. Jennifer Raffler ist Mitarbeiterin bei der Bayerischen Infokampagne essensWert, die sich als Reaktion auf die Ergebnisse der Studie versteht. Das Ernährungsinstitut KinderLeicht initiierte die Kampagne, um damit zur Reduzierung von Lebensmittelabfall beizutragen. Oekolandbau.de hat Frau Raffler zum Thema befragt. 

Fotopostkarte mit halbem aufgeschnittenem Apfel. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster
Lebensmittel nicht wegwerfen – ein gutes Thema für die Schule. Grafik: BMEL

Oekolandbau.de: Frau Raffler, wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Raffler: Als Medienwissenschaftlerin mit Interesse an Ernährung, Umwelt und Nachhaltigkeit habe ich mit Kommilitoninnen den Dokumentarfilm "We love food" zum Thema gedreht. Dabei wurden mir die Ausmaße dieser Thematik erst in vollem Umfang bewusst: Wir werfen so viele verzehrbare Lebensmittel aus den unterschiedlichsten Gründen weg und haben die Wertschätzung gegenüber "Mitteln zum Leben" verloren. Nach meinem Abschluss stieß ich auf eine spannende Stelle als Projektassistenz beim Ernährungsinstitut KinderLeicht, die die Kampagne essensWert zur Reduzierung von Lebensmittelabfall durchführten. Für mich war sofort klar: Hier möchte ich arbeiten!

Oekolandbau.de: Was will die bayerische Infokampagne essensWert erreichen?

Raffler: In der Kampagne wollen wir interessierte Konsumentinnen und Konsumenten mit unseren essensWert Workshops erreichen. Sie sind interaktiv aufgebaut, wir erläutern zum Beispiel Daten und Fakten zum Thema, wir sprechen über das Mindesthaltbarkeitsdatum und das Verbrauchsdatum. In einem zweiten Schritt wollen wir die gesamte Wertschöpfungskette für das Thema Lebensmittelverschwendung sensibilisieren. Unsere essensWert Fachtagung am 7. Oktober 2014 zielt darauf ab, Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Handel und Medien zu vernetzen, damit gemeinsam Ideen gegen Lebensmittelverschwendung generiert werden.

Oekolandbau.de: Gibt es Vergleichbares auch in anderen Bundesländern?

Raffler: Natürlich wäre es schön, die Infokampagne auch über die Grenzen des Freistaats hinauszutragen. Hier greift unsere Fachtagung, bei der Referentinnen und Referenten aus Deutschland und Europa geladen sind. Auf Bundesebene gibt es natürlich auch Kampagnen, so wie etwa "Zu gut für die Tonne" oder die Initiative Foodsharing, die unterschiedliche Zielgruppen mit dem gleichen Thema ansprechen.

Oekolandbau.de: Lehrerinnen und Lehrer verzweifeln oft angesichts des Lebensmittelkonsums ihrer Schülerinnen und Schüler. Sollte das auch Thema für die Schule sein?

Raffler: Sicherlich ist das Thema Reduzierung von Lebensmittelverschwendung ein großes Thema für die Schule. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche sehr empfänglich für das Thema sind und offener mit ihrem Wegwerfverhalten umgehen als Erwachsene. Es ist schön zu sehen, wie ehrlich Kinder und junge Erwachsene darüber sprechen können. Sie zeigen oft auch einen sehr großen Bezug zum Thema Ernährung und Nachhaltigkeit und haben kreative Ideen, was Resteverwertung angeht.

Oekolandbau.de: Was können Kinder und Jugendliche tun?

Raffler: Es gibt viele Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche für das Thema Lebensmittelverschwendung zu sensibilisieren. Es beginnt im Prinzip schon bei der Frage "Woher stammt unser Essen?" Je intensiver der Bezug zu dem Ursprung von Nahrung, desto eher schätzen wir Lebensmittel wert. So können Schulen Gemüsegärten anlegen und ihre Ernte selbst zubereiten. Jugendliche können sich vernetzen und bei der Initiative "Foodsharing" mitmachen. Es gibt viele Filme (zum Beispiel "Taste the waste") und Kampagnen (zum Beispiel essensWert) mit denen sich Schüler beschäftigen können. Außerdem spielt Koch- und Einkaufskompetenz eine wichtige Rolle, um aus Resten und einzelnen Zutaten ein leckeres Restemenü zu gestalten.

Oekolandbau.de: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Raffler.


  • Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn: Die Essensvernichter: Taste the Waste - Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist (2012), KiWi-Taschenbuch, 8,99 €, ISBN-13: 978-3462044546

Letzte Aktualisierung: 10.10.2015