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Nachgefragt: Was ist eigentlich… Regionalität?

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Axel Wirz arbeitet für das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frankfurt und ist Experte für regionale Lebensmittel.

Axel Wirz ist Mitarbeiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) und Spezialist für das Thema regionale Lebensmittel in Deutschland. Seit Januar 2014 ist mit dem so genannten "Regionalfenster" auf einen Blick erkennbar, welche Zutaten tatsächlich aus der angegebenen Region kommen. Die Kennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen ist freiwillig. Oekolandbau.de fragt nach, warum das für Verbraucher wichtig ist, und was "Regionalität" mit dem Biolandbau zu tun hat.

Oekolandbau.de: Das Thema Regionalität ist heutzutage in aller Munde. Was genau bedeutet "Regionalität" bei Lebensmitteln?

Wirz: "Region" – das ist ein Begriff, der eigentlich immer die Sicht des Betrachters in den Mittelpunkt stellt. Eine Region hat sowohl räumliche als auch soziokulturelle Grenzen. Rein geografisch gesehen ist die Region definiert als ein Raum kleiner als ein Nationalstaat (zum Beispiel Deutschland), aber größer als eine Kommune. Oft geben zum Beispiel Naturräume, wie der Schwarzwald oder die Rhön, einer Region ihren Namen, das kann aber genau so gut etwa ein Bundesland sein.

Bei Lebensmitteln bedeutet Regionalität, dass ein möglichst großer Teil der Rohstoffe eines Produktes – bei Monoprodukten 100 Prozent - aus der Region stammt und eben auch die Verarbeitung und Fertigstellung vor Ort stattfindet. Immer mehr Verbraucher achten mittlerweile bewusst darauf, möglichst auch Lebensmittel aus der Region zu kaufen.

Mehrere Tüten und Körbe voll Kartoffeln stehen um eine Bank herum zum Verkauf, Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster
Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wollen sich nicht nur gesund ernähren, sondern interessieren sich auch für die Herkunft der Produkte, die sie in ihren Einkaufskorb legen. Foto: Thomas Stephan, BLE

Oekolandbau.de: Warum ist Regionalität aktuell so ein wichtiges Thema?

Wirz: Wenn ein Lebensmittel "von hier", also aus der Region kommt, dann vermittelt das den Verbrauchern ein gutes Gefühl. Lebensmittel - das ist überhaupt ein sehr emotionales Thema. Viele Verbraucher sind da sehr verunsichert, nicht zuletzt durch die vielen Skandale in den vergangenen Jahren. Hinzu kommt die immer stärkere Globalisierung – Lebensmittel kommen aus der ganzen Welt zu uns. Die Welt wird damit gefühlt immer kleiner und es entsteht ein Trend dazu, sich stärker in der eigenen Region, da wo man wohnt, zu verwurzeln. Das ist überschaubarer, es vermittelt eher Halt und Orientierung.

Man vertraut dem, was aus der Region kommt, weil es einfach besser zu kontrollieren ist. Dabei bedeutet "regional" kleinräumig im ganz konkreten Sinn: Ein Produkt stammt aus meiner direkten Umgebung oder aus meinem Bundesland - oder aus Deutschland. Schnell wird deutlich, dass jeder Mensch für Regionalität seine ganz eigene Definition hat. Und: Regionale Lebensmittel werden von Menschen produziert, die ich vielleicht sogar persönlich ein bisschen kenne. So entsteht Vertrauen in die Qualität und die Ordnungsmäßigkeit der Produktion.

Das ist natürlich nicht nur bei Lebensmitteln so. Es bestehen ja z. B. auch viele Vorurteile gegenüber italienischen Autos, die vermeintlich qualitativ schlechter sind als vergleichbare deutsche Wagen. Auch das ist eine reine Gefühlssache.

Regionalfensterlogo, Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster
Das neue Regionalfenster als Kennzeichnung für Produkte aus der Region kommt ab 2014.

Oekolandbau.de: Was hat Regionalität mit Bio zu tun?

Wirz: Ganz einfach. Die Idee der regionalen Kreisläufe ist von Anfang an grundlegend für die ökologische Landwirtschaft: Der ökologische Landbau strebt einen möglichst geschlossenen Kreislauf im landwirtschaftlichen Betrieb an. Ackerbau und Viehzucht sind aneinander gekoppelt, pflanzliche Abfälle und Mist kommen wiederum zurück auf die Äcker. Gleichzeitig wird ein ökologischer Betrieb aber auch bestehende Strukturen in der Produktion und Verarbeitung vor Ort erhalten wollen und neue da aufbauen, wo es sie nicht (mehr) gibt. Also: Alles was ich produziere, wird soweit möglich auch auf dem Betrieb verarbeitet und wieder der Natur zugeführt.

Bio war und ist damit die landwirtschaftliche Produktionsart, die sich am ehesten mit der Region und einer regionalen Kreislaufwirtschaft beschäftigt.

Oekolandbau.de: Warum ist es sinnvoll, Lebensmittel aus der Region zu kaufen?

Wirz: Wenn ein Produkt aus der Region stammt, dann hat das viele Vorteile. Es sprechen verschiedene Umweltaspekte dafür, wie zum Beispiel kurze Transportwege oder auch Saisonalität. Regionalen Salat gibt es eben nur in der entsprechenden Saison, mal abgesehen von lagerfähigen Produkten wie Möhren oder Kartoffeln. Erdbeeren kann man dann nur im Mai bis spätestens August kaufen und dann ist Schluss. Es werden eben keine Erdbeeren im Dezember aus Israel eingeflogen.

Nicht zuletzt hilft der Einkauf von Lebensmitteln, die aus der Region kommen, dabei, Arbeitsplätze zu erhalten und einer Wegwanderung vom Land entgegenzuwirken. Das nützt uns allen.

Oekolandbau.de: Sie sind selbst Vater einer 13jährigen Tochter. Können Sie sich vorstellen, dass Regionalität und regionale Erzeugung ein Thema im schulischen Unterricht sein kann?

Wirz: Ja, ganz klar: Das ist ein gutes Querschnittsthema für den Schulunterricht. Da es sich um Lebensmittel handelt, sind die Fächer Sachkunde wie auch Biologie beteiligt am Thema, Ebenso sehr können sich die Kinder und Jugendlichen aber auch mit den wirtschaftlichen und damit auch politischen Aspekten des Einkaufs von Lebensmitteln beschäftigen.


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